interaktiv

Zwischen Bachelor & Master

Tschechien - gestern und heute

Autor:
Ferdinand

Rubrik:
orientieren

24.04.2019

Neulich wurde mir wieder einmal klar, warum ich Tschechien so mag. Es war in einem Zug. Mit einem Schnellzug war ich auf dem Weg gen polnische Grenze. Es gab zwei Wagen: Im einen betätigte man auf der Toilette mit dem Fuß einen Hebel, der einen Wasserkanister öffnete, der die Hinterlassenschaft hinunterspülte – einfach auf die Gleise. „Die Benutzung des WCs an Bahnhöfen und im Tunnel ist untersagt“, stand darüber auf Tschechisch, Deutsch und Russisch.
Der andere Wagen hatte neue Sitze in leuchtenden Farben. Statt einzelnen Abteilen, die zum Gespräch einladen würden, wehte einem die Kühle eines Großraumwagens entgegen. Es gab eine solide WLAN-Verbindung und Bildschirme, die einem die aktuelle Geschwindigkeit sowie die nächsten Stationen anzeigten.
Und vielleicht ist es das, was ich an diesem Land so liebe: Dass sowohl die Vergangenheit als auch die Zukunft ihren Platz haben. Zahlen sie doch kontaktlos mit Kreditkarte – aber der Euro wird wohl vorerst nicht kommen. Brausen sie mit dem Supercity-Schnellzug, der von innen aussieht wie ein Flugzeugcockpit, quer durchs Land – aber schneller als 150 km/h fährt der dann doch nicht. Automaten sucht der deutsche Tourist an jedem tschechischen Bahnhof vergebens. An einer Ecke hat ein neues Café aufgemacht, das auch Sojamilch anbietet – direkt daneben gibt es den tschechischen Weichkäse „hermelin“, der so schmeckt, als sei er seit der Revolution eingelegt.
Das Gestern und das Heute, manchmal bereitet es mir freilich auch Sorgen: Junge Parteien ziehen ins Parlament ein und regieren – gemeinsam mit der kommunistischen Partei. Wo früher noch Menschen in ihren Wohnungen lebten, gibt es nun Airbnb’s, die Touristen beherbergen.
Klar, so ein Gestern und ein Heute hat wohl jedes Land, bestimmt auch Deutschland. Aber nirgendwo sonst habe ich eine derartige Verwebung erlebt. Tschechien befindet sich im Wandel und steht doch still. Das ist das Schöne für alle Tschechophilen wie mich: Sie können sich sicher sein, dass bei ihrem nächsten Besuch alles anders ist und sich gleichzeitig nichts verändert hat.

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