interaktiv

Zwischen Bachelor & Master

Die Grenze: gestern

Autor:
Ferdinand

Rubrik:
orientieren

21.08.2019

Auch meine Wege führen mich hier regelmäßig an die Grenze oder darüber hinweg. Jede Woche bin ich mindestens einmal im Nachbarland, überschreite den ehemaligen Eisernen Vorhang, der hier schon eine Weile Geschichte ist. Wenn ich auf meinen Fahrradtouren den Blick über die Landschaft schweifen lasse, stelle ich immer wieder eindrücklich fest, wie die Natur sich jeden Grenzen entwindet.
Im Rahmen meines Praktikums verbrachte ich nun auch schon einige Zeit auf der Bügellohe, einer verlassenen Siedlung, wenige Kilometer von der Tschechischen Republik entfernt. Als nach dem Zweiten Weltkrieg die Sudetendeutschen aus der Tschechoslowakei vertrieben wurden – auch dieser Teil der Geschichte ist hier in und um Schönsee allgegenwärtig – bauten sich einige Bewohner des Dorfes Wenzelsdorf Baracken kurz hinter der Grenze. Nur kurz wollten sie verweilen, und später wieder zurückkehren in die Heimat. Doch spätestens als Wenzelsdorf in Flammen aufging, wurde es Gewissheit, dass die Bügellohe ein Zuhause für längere Zeit werden sollte. Ohne fließendes Wasser, Strom oder eine Straße lebten die Menschen ihr Leben, der letzte der Bewohner verließ 1970 die Siedlung. Heute sind die Häuser verfallen, nur zwei Gebäuderuinen sind geblieben.
An einer Hauswand wurde nun ein Land Art von Pilsner Künstlern installiert – in Kooperation mit dem Centrum Bavaria Bohemia. Zuvor jedoch musste die verwucherte Gebäudeecke freigelegt werden. Hierfür machte ich mich mit einem Kollegen mit Rasentrimmer und Werkzeug ausgestattet an die Arbeit. Für mich war es eine besondere Erfahrung, an diesem geschichtsträchtigen Ort zu arbeiten. Rasenmähen an der Grenze – ich denke die Vielfältigkeit meines Praktikums liegt auf der Hand. Als dann bei der Vernissage zum ersten Mal das Segel, das aus einem alten Blechdach eines der Häuser gefertigt wurde, über der Bügellohe „wehte“, war ich begeistert. In Sichtweite der Grenze, hilft ein Kunstwerk dazu, die Vergangenheit zu verarbeiten. Und dazu, dass sich Deutsche und Tschechen einen weiteren Schritt näher kommen.

Diesen Artikel teilen