interaktiv

Auszeit vom Studium

In 20 Stunden zur anderen Welt

Autor:
Thilo

Rubrik:
orientieren

13.11.2017

Verschlafen öffne ich die Augen. Der Ausblick, der sich mir aus dem Fenster des Flugzeuges bietet, lässt jeden Anflug von Müdigkeit verschwinden. Wir fliegen über Kathmandu, sehen Felder, Wiesen, nach und nach vereinzelte Häuser, die sich zusammenschließen und Siedlungen bilden. Dann die Silhouette einer Stadt, schon jetzt ist zu erkennen, wie viel Verkehr hier herrscht, wie Autos, Roller, Lastwagen nur schleppend vorankommen, sich auf Straßen bewegen, die mehr Schlaglöcher als durchgängigen Asphalt aufweisen.
Und da stehen wir mit unserem Gepäck am Flughafen von Kathmandu und warten darauf, dass wir abgeholt werden. Wir spüren vereinzelt die Blicke der Menschen auf uns, meine roten Haare scheinen besonders interessant zu sein. Wir steigen in den Wagen von Shanti ein, Susanne von der Organisation begrüßt uns freundlich, der Fahrer murmelt leise „Namaste“.
Der Weg vom Flughafen zur zentralen Stelle von Shanti ist eigentlich ein Katzensprung – zieht sich aber ewig. Kontraste soweit das Auge reicht, überall kleine Läden, jeder scheint etwas zu verkaufen – Obst, Gemüse, Kleidung, Spielsachen, Elektronik. Menschen rennen über die Straße, Roller hupen, Kühe liegen auf der Fahrbahn und am Straßenrand liegen schlafende Hunde in der Mittagssonne.
Wir sind 7.000 km von zu Hause entfernt. Diese Distanz wird uns schnell bewusst. Das organisierte und geregelte Leben, das wir in Deutschland führen, wird hier in Frage gestellt. Es gibt keine Ampeln, kaum Markierungen auf den Fahrbahnen, auch keine Geschwindigkeitsbegrenzungen, aber irgendwie funktioniert alles.
Als wir beim Mittagessen bei Shanti sitzen, sind wir bereits so voller Eindrücke, dass kaum Raum bleibt, um all das, was uns bei Shanti noch erwartet, richtig einordnen zu können. Und in diesem Moment wird mir bewusst, dass wir hier nicht für ein paar Tage oder zwei Wochen bleiben. Nein, wir sind fünf Monate lang nicht zu Hause, sondern sind die eine Hälfte hier in Kathmandu, in Nepal, danach in Thailand, Vietnam, Kambodscha und anschließend noch in Indonesien. Leichte Angst mischt sich zu all der Aufregung und Freude. Kann ich das? Bin ich dafür stark genug? Ist es richtig gewesen, hierher zu kommen? Ich lasse den Blick schweifen, sehe all die Menschen, die im Zentrum von Shanti unterwegs sind, arbeiten, zur Schule gehen oder versorgt werden. Ich sehe, wie sie mich anlächeln, mich freundlich grüßen, die Hände dabei zusammengelegt zur Brust führen. Namaste.
Wir sind willkommen. Und das kann nur richtig sein.

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