interaktiv

Auszeit vom Studium

Fernab der Heimat

Autor:
Thilo

Rubrik:
orientieren

20.12.2017

Es ist der 20. Dezember. Ich sitze auf der Dachterrasse unseres Hauses und schaue über Kathmandu. Die Sonne geht gerade unter, es sind angenehme 20 Grad und wir sind gerade von einem Ausflug nach Buddhanilkantha zurückgekehrt. Es wird hier mittlerweile nachts deutlich kälter als noch im Oktober, doch es liegt kein Schnee, es regnet nie und die Tage sind zwölf Stunden lang, nicht sieben. Nirgendwo sind bunte Lichter aufgehängt, nichts blinkt, kein Weihnachtsmann ist zu sehen. Nichts deutet darauf hin, dass in vier Tagen Heiligabend sein wird, dass in elf Tagen dieses Jahr zu Ende geht – und das finde ich wahnsinnig erfrischend.
Ich muss nicht wochenlang darüber brüten, was ich wem schenke und ob ich dann noch genug Geld für den Januar habe. Mal keine überfüllten Weihnachtsmärkte, auf denen zu viel Glühwein getrunken und zu viel Geld für Süßes ausgegeben wird. Kein Gerede um Vorsätze für das nächste Jahr, keine Extra-Kilos aufgrund des Lebkuchens, kein „Last Christmas“ von Wham, das aus dem Radio schellt. Wenn ich mit meiner Familie telefoniere, kommt schon das Vermissen. Aber dabei fehlen mir die Menschen, nicht die Weihnachtsstimmung. Eines wird mir dabei aber klar: Ich bin hier weit weg von meinem Leben in Deutschland, nicht nur räumlich, sondern nach zehn Wochen in Nepal auch mental.
Momentan sind wir noch sieben Volontäre bei Shanti und gemeinsam mit der nepalesischen Familie werden wir Heiligabend verbringen. Wir werden zwar wichteln, aber es gibt keinen Tannenbaum, nur einen improvisierten Adventskranz mit vier bunten Kerzen. Plätzchen können wir hier nicht backen, weil der Ofen alles von unten verbrennt, während sie oben komplett roh bleiben würden. Und für Glühwein fehlen die passenden Gewürze und auch Wein. Außerdem wird Heiligabend ein ganz normaler Arbeitstag sein.
Doch Geschenke haben wir hier genug bekommen. Wir wurden von unserer nepalesischen Familie herzlich aufgenommen. Wir durften Erfahrungen machen, die ich mir nicht einmal vorstellen konnte. Wir durften zwei Monate lang an einer gänzlich fremden Kultur teilhaben. Wir haben unglaubliche Bilder gesehen, skurrile Szenerien, waren Gäste auf einheimischen Feiern und in kleinen Gasthäusern. Überall ist man uns mit Freundlichkeit begegnet. Dafür sind wir dankbar.

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