interaktiv

Auszeit vom Studium

Das goldene Land - Teil 3

Autor:
Thilo

Rubrik:
orientieren

08.05.2018

Es ist schmerzhaft, den kleinen Holzball mit dem Fuß zu jonglieren. Ich bewundere umso mehr all die burmesischen Frauen und Männer, die sich im wahrsten Sinne des Wortes leichtfüßig den Ball gegenseitig zuspielen und ihn minutenlang nicht zu Boden gehen lassen. Er ist ein Geschenk von Cotus Vater an mich. Luca und Julia bekamen die traditionelle Gesichtscreme der Burmesen, Thanaka. Dazu erhielten wir mehr Bananen, als wir zählen konnten – Cotus Mutter wollte verhindern, dass wir auf der 18 Stunden langen Zugfahrt nach Bagan hungern müssen. Wir waren überwältigt. Cotu kannten wir erst seit dem vorigen Tag, seine Familie nur ein paar Stunden. Dennoch überhäuften sie uns mit Geschenken, obwohl sie doch selbst kaum Geld hatten. Wir wussten kaum, unsere Dankbarkeit auszudrücken. Doch es tat sich eine Möglichkeit auf …
Cotus Vater erlitt vor ein paar Jahren einen Schlaganfall. Der 50-Jährige kann daher nicht arbeiten. Als wir beieinander saßen, machte er uns – übersetzt von Cotu – das Angebot, etwas Geld für Reparaturen an seinem Haus zu geben, etwa für ein neues Fenster oder Farbe für die Wände. Er wolle uns die Möglichkeit geben, in seiner Erinnerung zu bleiben. Sogleich setzten sich einige Fragen penetrant in unseren Köpfen fest: Ging es hier die ganze Zeit um Geld? Sind wir doch wieder nur die reichen Weißen aus dem Westen, die an ihrem Wohlstand teilhaben lassen sollen? Die Stimmung kippte. Julia und ich wurden misstrauisch und diskutierten auf Deutsch. Cotu konnte in unseren Gesichtern ablesen, dass etwas nicht stimmte und wir unzufrieden waren. Schlussendlich entschieden wir uns, der Familie Geld zu geben. Doch es fühlte sich komisch an.
Hier war sie nun, die Auseinandersetzung mit uns selbst, die wir im Kontakt mit anderen Kulturen schon manches Mal gespürt hatten. Wir sind skeptisch erzogen worden, um zu bewahren, was wir haben. Doch in der Logik des buddhistischen Glaubens haben wir hier ein Angebot bekommen, etwas für unser Karma zu tun. Und als wir das Geldgeschenk machten und den über beide Ohren strahlenden und etwas weinenden Cotu sahen, hellte sich unsere Stimmung auf. Er ist der Beweis dafür, dass diese Reise etwas mit uns gemacht hat – etwas, das wir nicht mehr verlieren wollen.

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