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Was tun nach dem Abi?

Mitten in der Steppe

Mittlerweile hatte es Timo, Jakob und mich in den Süden Kasachstans gezogen. Wir waren an einen verlassenen Salzsee getrampt und hatten dort unser Zelt aufgeschlagen. Die nächsten Häuser lagen einen stattlichen Fußmarsch entfernt und zur Hauptstraße waren es dann nochmal 25 Kilometer.
Am nächsten Morgen schauten wir dann verdutzt aus der Wäsche, als wir aus dem Zelt kamen: Schafe, Kühe und Pferde hatten sich um unser Zelt versammelt. Die Tiere grasten das saftige Grün am See ab, ein Hirte auf einem Pferd hielt sie zusammen. Jakob, Timo und ich gaben Schätzungen ab, wie viele Schafe sich hier gerade tummelten. Damit hatten wir einen Anlass, den Hirten anzusprechen. Er grüßte uns mit einem Handschlag und einem freundlichen „Salam“ und zählte den Bestand seines Hofes auf: 400 Schafe, 500 Pferde und ebenso viele Rinder. Der Hirte war in unserem Alter, hatte aber eine vom Wetter gegerbte Haut, die ihn älter aussehen ließ.
Die größte Herausforderung war nun, ein Auto zu finden, das uns zurück an die Trasse mitnahm. Als wir gerade in Richtung einer unweiten Siedlung aufbrechen wollten, fuhr ein SUV an uns vorbei. Wir stoppten ihn und nach kurzem Verhandeln nahm er uns tatsächlich mit. Bei der Trasse angekommen lud der Fahrer uns zu Tee und einem kleinen Imbiss bei sich zu Hause ein. Das Angebot nahmen wir gerne an. Es gab Eier, frittiertes Brot, köstliche Himbeermarmelade und regionalen Honig. Außerdem bestand unser Gastgeber darauf, dass wir noch zwei Spezialitäten probierten: kleine Brocken aus getrockneter und vergorener Milch sowie pures Fett, das gut gewürzt war. Bis auf die Milchbrocken war alles super lecker und wir aßen uns satt.
Nach dem kleinen Abstecher ging es für uns weiter Richtung Sharyn-Canyon. Kurz vor der Abenddämmerung erreichten wir den Eingang des Nationalparks. Von hier waren es noch zwei Kilometer Fußweg zu unserer Unterkunft, die sich im Tal des Canyons befindet. Weil wir keinen Weg für den steilen Abstieg ins Tal fanden, riefen wir mehrmals bei der Lodge an, aber die Frau am Telefon beschrieb uns den Weg mehr schlecht als recht. Unterwegs tragen wir einen Engländer, der in seinem Geländewagen auf dem Plateau des Canyons übernachtete. Er bot uns an, in seinem Auto zu schlafen, weil es mittlerweile schon dunkel war. Der Engländer bot mir noch Ohropax an, doch ich verzichtete. Sobald er jedoch zu schnarchen begonnen hatte, wünschte ich, ich hätte nicht abgelehnt.

Autor: Max  |  Rubrik: orientieren  |  Nov 21, 2019
Autor: Max
Rubrik: orientieren
Nov 21, 2019

Was tun nach dem Abi?

Eine Stadt im Nichts

Kasachstan – das neuntgrößte Land der Erde, das ich eigentlich gar nicht auf dem Schirm hatte, bevor ich meinen Freund Timo in Ust-Kamenogorsk besuchte. Die Stadt mit gut 300.000 Einwohnern befand sich im Nordosten des Landes und lag eingebettet in hügelige, grün-braune Steppenlandschaft. Einerseits trist, andererseits faszinierend, denn so viel „Nichts“ hatte ich vorher noch nie gesehen. Hier schien alles unberührt zu sein.
In Timos Wohngegend dominierten heruntergekommene Plattenbauten, unweit befand sich zudem ein veralteter Rummelplatz. Im Stadtzentrum zeigte sich dann doch die russisch-kasachische Investitionskraft verbunden mit einer dezenten Portion Nationalstolz. Es gab große Fontänen, eine Parkanlage mit Panzern und Kriegsdenkmälern, eine Uferpromenade am Fluss Irtysch und eine neue Moschee. Außerdem lief man von Timos Wohnung nur fünf Minuten zu einer kleinen, grünen Insel, die im Irtysch lag. Zuerst wusste ich nicht, was ich von der Stadt halten sollte. Aber nachdem Timo mir die genannten Orte gezeigt hatte, konnte ich nachvollziehen, warum er seinen Freiwilligendienst um ein Jahr verlängert hatte.
Überraschenderweise lebten in Ust-Kamenogorsk eher weniger Kasachen. Der Großteil der Bevölkerung war russisch – zumindest ethnisch gesehen. Die Kasachen erkennt man an ihren schmalen Augen und dunklen Haaren, wohingegen die Russen ein europäisches Aussehen haben. Über die Sprachen des Landes, Russisch und Kasachisch, erzählte mir Timo Erstaunliches. In den Schulen wurden beide Sprachen gelehrt, doch die Russen im Land machten sich angeblich wenig Mühe, die Sprache des Landes zu verinnerlichen, was dazu führte, dass in Kasachstan tatsächlich mehr Menschen Russisch als Kasachisch sprachen. Eine weitere Differenz zwischen den beiden Ethnien war ihre Glaubensrichtung. Die Kasachen gehörten zu den Turkvölkern und waren deshalb streng muslimisch. Auf der anderen Seite prägte die orthodoxe Kirche den Glauben der Russen. Im Konflikt schienen die beiden Religionen hier allerdings nicht zu stehen, jedenfalls erlebte ich einen friedlichen Umgang unter den Menschen.
In Ust-Kamenogorsk lernte ich heute Jakob kennen, ein weiterer deutscher Volontär, der an einer Schule im Nachbarsbezirk von Timos Schule ebenfalls als Deutschlehrer arbeitete. Gemeinsam bestiegen wir am Nachmittag den Kasachstanberg, einen Hügel leicht außerhalb von der Stadt. Zusammen genossen wir den Sonnenuntergang über der Stadt. Spätestens jetzt hatte ich Verständnis für Timo; hier konnte es sich definitiv leben lassen.

 

Autor: Max  |  Rubrik: orientieren  |  Nov 14, 2019
Autor: Max
Rubrik: orientieren
Nov 14, 2019

Was tun nach dem Abi?

Es kommt immer anders als man denkt

Nach vier Wochen fand meine Zeit in China ein Ende. Meine nächste Station war Kasachstan. In Ust-Kamenogorsk, einer größeren Stadt im Nordosten des Landes, würde ich meinem besten Freund Timo einen Besuch abstatten, der als Deutschlehrer an einer kasachischen Schule arbeitete. Also fuhr ich mit dem Zug einmal quer durch China nach Urumqi. Im Zug lernte ich Shue kennen. Sie war etwas älter als ich und sprach fließend Englisch, auch wenn sie das selbst nicht so sah.
In Urumchi stiegen Shue und ich aus dem Zug. Sie hatte mir ihre Hilfe zugesagt, denn ich musste noch das nächste Ticket für den Zug nach Kasachstan lösen.
Es dauerte ewig, bis wir zum Ticketschalter gelangten. Am Schalter erfuhr ich schlechte Neuigkeiten: Mein Zugticket konnte nur 24 Stunden vor Abfahrt gekauft werden. Einen Plan B hatte ich mir vorher nicht ausgedacht, deshalb musste ich jetzt improvisieren. Shue half mir bei der Suche nach einem Flug, und tatsächlich fanden wir einen vergleichsweise günstigen. Das Beste daran: Der Abflug war in derselben Nacht, am nächsten Morgen würde ich ankommen. Abgesehen von ihrer Hilfe als Dolmetscherin erwies sich Shue auch hier als meine Rettung, weil sie diesen günstigen Preis in einer chinesischen App gefunden hatte. Auf der normalen Website der Airline wäre der Flug doppelt so teuer gewesen.
Bis zum Abflug hatte ich noch viel Zeit, weshalb ich Shue als Dankeschön zum Essen einlud. Sie erzählte mir, dass sie in den USA studieren wird und deshalb schon ziemlich aufgeregt ist. In Peking hatte sie gerade ihr Visum abgeholt, wodurch der Reise nun nichts mehr im Weg stand. Wir redeten über den riesigen Konkurrenzkampf, der in China durch Überbevölkerung herrscht. Nur mit sehr guten Noten konnte man hier bestehen, ansonsten standen die Aussichten auf eine Karriere ziemlich schlecht. In der Schulzeit hatte Shue dementsprechend wenig Freizeit gehabt.
Da in China alle Uhren nach der Zeitzone Pekings gestellt waren, ging die Sonne gerade erst unter, als ich mich um 22 Uhr von Shue verabschiedete und mich in ein Taxi Richtung Flughafen setzte. Nach drei weiteren Sicherheitskontrollen saß ich schließlich am Gate und wartete auf den Flieger. Timo wusste noch gar nicht Bescheid, weil die chinesische Firewall WhatsApp blockierte. Auf sein Gesicht freute ich mich jedenfalls schon, wenn wir uns nach neun Monaten endlich wiedersehen würden.

Autor: Max  |  Rubrik: orientieren  |  Nov 4, 2019
Autor: Max
Rubrik: orientieren
Nov 4, 2019