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Was tun nach dem Abi?

Der Sonnenkönig

Gestern lernte ich Huang Ming kennen. In den 90er-Jahren hatte er die Entscheidung getroffen, dass er seinen Kindern ein Leben ohne blauen Himmel nicht zumuten möchte. Schon damals war die Luftverschmutzung ein ernsthaftes Problem in China. Huang Ming kündigte seinen gut bezahlten Job in der Ölindustrie und investierte sein gesamtes Vermögen in die Solarforschung. Es zahlte sich aus, denn seine Firma Hi-min ist heute der größte Solarproduzent in China. Huang Ming wird deshalb auch chinesischer "Sonnenkönig" genannt und gewann für seine Leistungen bereits den alternativen Nobelpreis.
Hätte ich sein Gesicht nicht gekannt, wäre er mir gar nicht aufgefallen unter den anderen Arbeitern, mit denen er unterwegs war. Huang Ming ist kein typischer CEO: Jeden Tag trägt er normale Arbeitskleidung wie seine Angestellten und legt nicht viel Wert auf Status. Einmal pro Woche trifft er sich zum Kicken mit Freunden und Kollegen auf einem Kunstrasenplatz. Wirklich professionell ist das Ganze zum Glück nicht, sodass ich sogar mitspielen durfte. Ich hatte wirklich großen Respekt vor diesem Mann.
Eigentlich hatte ich mich bezüglich meines Studiums schon ziemlich festgelegt, doch William eröffnete mir am Abend im Gespräch nochmal völlig neue Perspektiven. Seine ganze Arbeit auf freiwilliger Basis inspirierte mich, außerdem hatte ich das Gefühl, dass er viel in seinem Leben erreicht hatte, ohne dabei auf das Wissen aus seinem Studium zurückgreifen zu müssen. Zwar wollte ich deswegen jetzt nicht mein geplantes Studium über den Haufen werfen, aber ich fragte mich, was ich tatsächlich erreichen wollte.
Morgen würde es für mich nach Peking gehen. Und als ob mir William und Vivian nicht schon genug geholfen hatten, trommelten sie nun auch noch alle möglichen Freunde in Peking zusammen, sodass ich nicht in ein Hostel gehen musste, sondern einmal mehr in Kontakt mit Einheimischen kam. Einige von Williams Freunden hatten selber Kinder, denen sie von zu Hause aus Englisch beibrachten. Durch meinen Besuch erhofften sie sich einen neuen Impuls, außerdem freuten sie sich über den kulturellen Austausch – eine Win-win-Situation also.

Autor: Max  |  Rubrik: orientieren  |  Oct 16, 2019
Autor: Max
Rubrik: orientieren
Oct 16, 2019

Was tun nach dem Abi?

Neue Eindrücke und vertraute Gefilde

Vivian loggte sich heute auf meinem Handy fürs Bikesharing ein, wodurch ich nun endlich problemlos und unabhängig Fahrräder in der Stadt benutzen konnte. Mit ihr und William fuhr ich am Vormittag zur Fabrik für Vakuumröhren. Diese wurden für die solarthermischen Anlagen produziert, die zum Beispiel Duschwasser erhitzten. William hatte schon einige Gäste herumgeführt und konnte die einzelnen Produktionsschritte ziemlich detailliert erklären.
Nach dem Fabrikbesuch schwangen wir uns auf unsere geliehenen Bikes und erkundeten die Stadt. Die schönen Gärten und Kanäle machten schon was her, auch wenn man merkte, dass sie künstlich angelegt waren. Ich war froh, nach den ersten zwei eher langweiligen Wochen endlich die Stadt besser kennenzulernen. Zum Mittagessen gingen wir in ein Lokal mit großem Buffet. Unter anderem probierte ich zum ersten Mal frittierte Insekten und Schweinefüße. Von den Insekten hatte ich mir dabei durchaus mehr erhofft, sie besaßen einen komischen Nebengeschmack.
Gut gefüllt machten wir uns auf zum Utopia Garden, eines der Projekte von Hi-min. Es handelte sich dabei um eine edle Hochhaussiedlung, umgeben von einem großen Garten mit Teich und verschiedenen Pflanzen. Auf dem Dach der Hochhäuser befand sich eine aufwendige Installation mit Solaranlagen in Form einer Welle, die den ganzen Komplex tatsächlich ein bisschen utopisch aussehen ließ. Im Herzen des Utopia Gardens befand sich – zu meiner Überraschung – ein Waldorfkindergarten. Das hatte ich in China wahrlich nicht erwartet. Die ganze Einrichtung war ziemlich modern, aber ich entdeckte viele anthroposophische Elemente wieder, die ich aus meiner Zeit in Kindergarten und Waldorfschule noch kannte: bunte Schleier, Holzverkleidungen und sogar einen Jahreszeitentisch.
Die Managerin war erst 29 Jahre alt und hochschwanger mit ihrem vierten Kind. William erzählte, dass sie und ihr Mann eine hohe Strafe zahlen mussten, kurz bevor die Ein-Kind-Politik abgeschafft wurde. Zusammen mit Kindergärtnerinnen und Eltern saß ich etwas später in einem Stuhlkreis und unterhielt mich mit ihnen über meine Erfahrungen mit der Waldorfbildung. William fungierte hierbei erneut als Dolmetscher.
Auch wenn die ganze Einrichtung nicht so natürlich und authentisch wirkte, wie ich es aus meiner Schule oder aus meinem alten Kindergarten gewohnt war, fand ich es schön, dass die Waldorfpädagogik den weiten Weg nach China genommen hatte. Zwar gab es bis jetzt nur Kindergärten und Grundschulen, aber das war immerhin ein Anfang, um das stark auf Leistung ausgelegte Schulsystem menschlicher zu machen. Andererseits war dieser Kindergarten ziemlich elitär. Das offenbarte sich, als die Mütter mit High-Heels und Gucci-Täschchen am Gatter auf ihre Kinder warteten. Schließlich kostete der ganze Spaß hier dreimal so viel wie ein konventioneller Kindergarten.

Autor: Max  |  Rubrik: orientieren  |  Oct 10, 2019
Autor: Max
Rubrik: orientieren
Oct 10, 2019

Was tun nach dem Abi?

Neue Freunde

Mein Aufenthalt in Dezhou änderte sich, als ich William kennenlernte, der erste in dieser Stadt, der fließend Englisch sprach. Er und seine Mitbewohnerin Vivian luden mich in ihre Wohnung zum Essen ein. Es gab Pizza und Käse – zwei Dinge, die ich für meine Zeit in China schon aufgegeben hatte.
Wir unterhielten uns angeregt und William erzählte aus seinem Leben, in dem er schon so einiges erlebt und erreicht hatte. Er war ein ziemliches Multitalent, gab Entrepreneurship-Kurse, hatte Opernmusik studiert, konnte programmieren und arbeitete als Dolmetscher – alles auf freiwilliger Basis. Hin und wieder bekam er aber auch üppig bezahlte Aufträge. So hielt er sich recht einfach über Wasser und hatte mehr Zeit für die Projekte, die ihm am Herzen lagen und die er freiwillig machte. Mit seinen zwei Söhnen und seiner Frau hatte er bereits in Kanada und Costa Rica gelebt, jetzt gerade besuchte er sie regelmäßig in Shanghai. Vivian war seine Kollegin in Dezhou. Wie sich im Laufe des Abends herausstellte, konnte sie ausgezeichnet kochen. Sie sprach nicht so sicher Englisch wie William, aber sie hatte offenbar kein Problem damit, auch mal ein paar Fehler zu machen.
Später erzählte mir William, warum die meisten Chinesen so schlecht Englisch sprachen. Die Schüler lernten zwar ihre gesamte Schulzeit und sogar noch im College Englisch – das große Problem war allerdings, dass der ganze Unterricht nur in der Theorie stattfand. Die Schüler konnten komplexe Prüfungen bestehen und beherrschten die Grammatik, allerdings lernten sie nie den praktischen Umgang mit der Sprache kennen. In anderen Fächern herrschte anscheinend ein ähnliches Problem. In Wettbewerben waren die Chinesen häufig die besten, doch der Praxisbezug kam in der Schulzeit viel zu kurz, sodass sie später im Beruf Schwierigkeiten hatten, ihre Fähigkeiten anzuwenden.
Nicht nur der theoretische Unterricht, sondern auch der extreme Druck setzte den Schülern zu. Aufgrund der riesigen Population herrschte eine enorme Konkurrenz. Ein guter Job war da nur mit herausragenden Noten zu erreichen, worunter Kreativität und individuelle Förderung litten. William hatte sich bei seinen eigenen Kindern deshalb für Hausunterricht entschieden. Stolz erzählt William, dass sein zehnjähriger Sohn innerhalb eines halben Jahres vier Englischklassen absolviert hat und sich gerade mit den Mondraketen der NASA auseinandersetzt.
Von Anfang an waren William und Vivian sehr fürsorglich und hießen mich bei ihnen willkommen. Nach den vergangenen tristen Tagen in Dezhou tat mir ihre Gesellschaft richtig gut.

Autor: Max  |  Rubrik: orientieren  |  Oct 4, 2019
Autor: Max
Rubrik: orientieren
Oct 4, 2019