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Master live

Ein philosophisches Seminar

Autor:
Lukas

Rubrik:
studium

23.01.2017

Jeder Studierende, der keine Geisteswissenschaft studiert, wird heute meistens mithilfe von Powerpoint zugetextet, sowohl in Studierendenreferaten als auch von den Lehrenden. Philosophieseminare sind dagegen powerpointfreie Zonen, es ist quasi verpönt: Ein echter Philosoph monologisiert gefälligst 20 Minuten vor sich hin und wer dies nicht versteht, ist eben nicht schlau genug. Das ist zwar etwas übertrieben, aber in diese Richtung geht es – und ich finde es angenehm!
Mir persönlich gefällt am Philosophiestudium, dass ich signifikant weniger Zeit vor irgendwelchen Bildschirmen verbringe, sowohl in den Lehrveranstaltungen als auch in der Vor- und Nachbereitung. In einem typischen Seminar gehen wir nach dem obligatorischen Referat Stück für Stück die Literatur durch. Der Dozent moderiert die Diskussion und versucht uns nahezubringen, was er selbst am Text relevant findet. Aber meist entstehen die wildesten Diskussionen von alleine. Und an dieser Stelle stört mich, dass viele die Texte auseinander nehmen wollen, bevor sie sie richtig verstanden haben. Natürlich versteht man irgendetwas beim Lesen, oberflächlich gesehen sicher auch viele Kernpunkte. Aber die Tiefendimension eines Textes erschließt sich erst nach einer langen Beschäftigung inklusive Zwischenphasen, in denen man die Inhalte auch mal sacken lässt und sich eigene Gedanken macht. Daher würde ich mir von manchen Kommilitonen wünschen, dass sie versuchen, den Autor nachzuvollziehen.
Dennoch sind natürlich viele Diskussionen spannend und auch unabdingbar, denn in der Beschäftigung mit den Texten hat man immer blinde Flecken, die nur durch den Austausch mit anderen ausgefüllt werden können. Jedenfalls sind unsere Diskussionen oft sehr hitzig und am ergiebigsten, wenn jemand diese gut moderiert. Und dies ist meines Erachtens eine Kernkompetenz für Lehrende – in der Philosophie vielleicht sogar mehr als in den meisten anderen Wissenschaften.

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