interaktiv

Master live

Zusammenarbeit oder Wettkampf?

Autor:
Lukas

Rubrik:
studium

30.06.2017

Zu fünft sitzen wir in einem kleinen Konferenzraum im Kreis. Im Seminar „Primatenforschung“ gibt es keinen vorgegebenen Stundenplan. Wir überlegen immer gemeinsam, wie weit wir lesen und was wir diskutieren wollen. Wir haben in eineinhalb Monaten das komplette Buch „Origins of Human Communication“ von Michael Tomasello gelesen – es ist immerhin 400 Seiten dick, wissenschaftlich formuliert und auf Englisch. Das Seminar selbst findet auch auf Englisch statt. Nun werden wir Aufsätze lesen, die konträre Thesen zu denen von Tomasello formulieren.
Der Hauptstreitpunkt dürfte sein, ob unsere menschliche Fähigkeit, zu wissen, was andere wissen (und umgekehrt), aus Zusammenarbeit oder aus Wettbewerb heraus entstand. Die Frage scheint erst einmal abstrakt, ist aber sehr wichtig für unser Selbstbild. Denn in der Wirtschaftswissenschaft und der Psychologie wird davon ausgegangen, dass Menschen im Kern auf Wettbewerb ausgerichtet sind. Tomasello wiederum betont, dass wir in erster Linie kooperativ sind und dass unsere kommunikativen Fähigkeiten darin begründet sind. Das scheint erst einmal plausibel.
Ebenso könnte aber auch eine andere Sichtweise zutreffen: Sie geht davon aus, dass es hilfreich war, zu verstehen, dass das Wissen eines Artgenossen ein anderes als das eigene sein kann. So zum Beispiel in folgender Situation: Wenn ich Beute verstecken will, ist es von Vorteil, mir zu überlegen, was der andere denkt, wo ich meine Beute wohl verstecken werde, um sie dort nicht zu verstecken. Diese Taktik könnte daraus resultieren, dass Menschen sowohl in der Situation waren, Beute zu verstecken, als auch in der, versteckte Beute aufzuspüren. Es könnte dann so sein, dass Menschen erst überlegt haben, wo sie die Beute verstecken würden. Und dann in einem zweiten Schritt gelernt haben, dass diese Information nicht ausreicht, weil der andere über anderes Wissen und einen anderen Charakter verfügt und daher anders agiert.
Geteiltes Wissen ist daher wichtig, um in einer Wettbewerbssituation besser dazustehen. Die Theorie besagt, dass kooperatives Verhalten erst in einem dritten Schritt dazu kam, als Menschen durch dieses geteilte Wissen zusammenarbeiteten, um allen einen größeren Nutzen einzubringen. Kooperation wäre demnach auf Basis von Wettbewerb entstanden. Tomasello leugnet genau dies.
Ich hoffe, dass ich zum Ende des Semesters Weiteres zu diesem Theorienkonflikt schreiben kann.

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