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Master live

Selbstverständliche Freundschaftsdienste

Autor:
Noelle

Rubrik:
studium

04.10.2017

Es ist schön, zu wissen, was man kann. Und noch schöner ist es, dafür auch von anderen wertgeschätzt zu werden. Das Problem dabei ist nur, dass man um den einen oder anderen Freundschaftsdienst somit nicht herumkommt. Mein Bruder, der längere Zeit als Garten- und Landschaftsbauer gearbeitet hat, muss unserem Vater den Rasen mähen, und ein ehemaliger Klassenkamerad, der für seine Dienste als IT-Techniker sonst 190 Euro pro Stunde abrechnet, repariert meiner Mitbewohnerin kostenlos ihren alten PC. Ich hingegen bin weder handwerklich noch technisch sonderlich begabt. Stattdessen studiere ich inzwischen im Master Deutsche Philologie und auch, wenn dabei nicht auf den ersten Blick ersichtlich ist, wie ich Freunden und Familie zur Hand gehen kann, werde ich regelmäßig um Hilfe gebeten.
Mein Angebot reicht vom Schreiben von Bewerbungen bis hin zum formalen und inhaltlichen Korrigieren von Haus- und Abschlussarbeiten. Manches ist nur ein kurzer Job für zwischendurch, anderes gestaltet sich eher wie eine Lebensaufgabe – besonders, wenn der Verfasser selbst seine Deadline bis zum letzten Rest ausgereizt hat. Trotzdem ist das etwas, was ich gerne mache. Nicht nur, weil es schön ist, jemandem einen Gefallen zu tun, sondern auch, weil es mir Spaß macht, mit Wörtern und Sätzen zu jonglieren.
Besonders schön ist das Ganze aber natürlich, wenn man für seine Arbeit und die investierte Zeit und Mühe mit Lob und Anerkennung entlohnt wird. Erst letztens meinte mein Bruder, für den ich einen ganzen Haufen Bewerbungsschreiben verfasste, dass ich dafür Geld nehmen sollte. Und auch mein bester Freund, dem ich an so manchen Samstag- oder Sonntagabend vor der Abgabefrist aus der Patsche geholfen hatte, sagte, dass er mich beim nächsten Mal für meine gute Arbeit bezahlen werde. Der Gedanke, für so etwas Geld von einem Freund zu nehmen, fühlt sich komisch an. Aber wieso eigentlich? Anderswo verdienen sie nicht gerade schlecht an Dienstleistungen wie diesen. Wäre es also nun, nach fünf Jahren Studium, diversen Jobs und Praktika, nicht endlich an der Zeit, meine Leistung auch finanziell zu entlohnen? Ich denke, die anderen haben Recht. Man stellt sein Licht viel zu oft unter den Scheffel und immerhin nehme ich mir viel Zeit für das, was ich nebenher tue. Wie heißt es so schön: Zeit ist Geld. Und auch, wenn ich das nicht guten Gewissens aus den Taschen meiner Freunde holen will, wäre dies ja vielleicht ein netter Nebenverdienst.

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