interaktiv

Master live

Ehefrau und Geliebte

Autor:
Ferdinand

Rubrik:
studium

24.06.2020

Jüngst bin ich wieder auf einen Tagebucheintrag gestoßen. Am Nachmittag des 24.06.2016 (da lebte ich gerade in Leipzig) traf ich mit einem Bus aus Kiew in Wien ein. Ich war müde von den Strapazen der Reise. Wir hatten in der Nacht sechs oder sieben Stunden an der Grenze gestanden. Ich erinnere mich noch, wie mich die Grenzer gebeten hatten, meinen silbernen Alukoffer zu öffnen, am Ende aber doch nichts auszusetzen hatten.

Einer meiner ersten Wege in Wien führte mich in den Innenhof des Museumsquartiers auf eine Bank, von der aus ich das Treiben herum beobachtete. Scheinbar hatte es Wien schon in dieser kurzen Zeit vermocht, mich derart zu verzaubern, dass ich in mein Tagebuch auf jener Bank den folgenden Satz – so denkwürdig wie kitschig – schrieb: „Hach Wien, Wien, Wien… Vielleicht ist Prag ja meine Ehefrau, die ich liebe, aber Wien ist meine heimliche Geliebte.“

Vier Jahre später sitze ich an meinem Schreibtisch im 18. Bezirk. Wien ist sowas wie Zuhause geworden. Doch das Gefühl zu betrügen mag nicht so recht verschwinden. Und so wird es wohl auch nur wenige überraschen, was sich in der Folge abspielte. Anfang des Jahres verlor ich mich irgendwie auf die Webseite des Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds. „Stipendien für einen Studienaufenthalt in Tschechien“, stand dort geschrieben. Ich scrollte erst weiter, stoppte mit einem mal abrupt und las noch einmal: „Stipendien.“ Ja, das passt! Sowas kann ich gebrauchen. „Studienaufenthalt“, jawohl! Und: „in Tschechien.“ Ich überlegte nicht lange und schrieb sofort dem Zukunftsfonds, ob ich mich auch als Student einer österreichischen Hochschule bewerben könnte, bat einen Professor um ein Empfehlungsschreiben und bastelte ein Konzept für meine Masterarbeit zusammen, welche zugleich die Forschungsarbeit sein soll, mit der ich mich während des Aufenthaltes beschäftigen sollte. Und dann klickte ich auf Senden.

Einige Monate später dann die Antwort. Und die Gewissheit: Das Sommersemester 2021 werde ich in Prag verbringen, dort studieren und meine Masterarbeit schreiben. Meine Tage (bzw. Monate) in Wien sind also schon wieder gezählt. Manchmal ärgere ich mich über meine permanente Getriebenheit: Kann ich nicht einmal für zwei Jahre einen Master in einer Stadt abschließen? Woran liegt es, dass mich Wien nicht überzeugen kann? Warum muss ich wirklich schon wieder alles zusammenpacken? Vermutlich, weil die schnellen Entscheidungen oft die besten sind. Und: Weil ich meine Gattin dann einfach doch zu sehr vermisse. Praho, uvidime se za chvili! Zatim se mej!*

 

*Prag, wir sehen uns gleich! Bis dahin, mach's gut, Übersetzung d. Red.

Diesen Artikel teilen