interaktiv

Medizin studieren

Ungleiche Prüfungen

Autor:
Thilo

Rubrik:
studium

23.09.2016

Nachdem ich den Präparationssaal betreten hatte, begrüßte mich der Prüfer freundlich. Er wies auf die linke Seite des Halses unserer Körperspende und fragte mich nach dem Erb-Punkt, der auch „punctum nervosum“ genannt wird. Ich erklärte ihm, dass es sich dabei um die Austrittsstelle vierer Nerven handelt, die direkt hinter einem Muskel liegt. Zufrieden wandte er sich dem Schädelmodell zu, an dem ich ihm den „nervus facialis“ beschreiben musste, der die mimische Muskulatur unseres Gesichts versorgt. Zuerst stammelte ich ein bisschen, fing mich aber rasch und erläuterte die einzelnen Äste des Nervs, mit allen Abschnitten des Schädels, die sie durchziehen. Zuletzt wollte er die Tränendrüsen gezeigt bekommen, woraufhin ich ihn verdutzt ansah, auf das Auge deutete und zufrieden meinen Schein entgegennahm. Super, ich habe bestanden.
Zugegeben: Das letzte Testat war ein Spaziergang. Das davor bereits auch schon. Auch im zweiten hatte ich es nicht sonderlich schwer, weil ich von meiner Tischdozentin geprüft wurde und beim ersten stand ich wohl noch unter Welpenschutz. Man könnte sagen, dass ich mit ein bisschen Glück ziemlich gut durch dieses Semester gekommen bin. Für die Vorbereitung auf die Testate habe ich, so mein Eindruck, weitaus weniger Zeit aufgebracht als meine Kommilitonen. Und sie hatten wahrscheinlich auch weitaus weniger Glück mit ihren Prüfern, als ich es gehabt habe. Manche Prüfer sind wirklich sehr streng, manchmal sogar ein wenig unfair. Das Bestehen oder Nichtbestehen eines Testats bescheinigt also nur teilweise, ob man wirklich gelernt hat und die Anatomie beherrscht. Vieles hängt von der Person ab, von der man geprüft wird, ab. Das ist schade, denn es sollte doch so sein, dass alle mit demselben Maßstab gemessen werden.

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