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Medizin studieren

Du bist aber groß geworden

Autor:
Thilo

Rubrik:
studium

28.10.2016

Er könnte von meiner Großmutter kommen, doch kommt dieser Satz aus meinem Mund, als ich meinen Bruder nach einigen Wochen wiedergesehen habe: „Du bist aber groß geworden.“ Die Abstände, in denen ich zu meinen Eltern fahre, wachsen stetig, weshalb ich auch die Entwicklung meines jüngeren Bruders wenig mitbekomme.
Er sitzt an seinem Schreibtisch, als ich in sein Zimmer komme. Auf seinem Computerbildschirm blitzen verschiedene Wikipedia-Seiten auf, auf denen er recherchiert. Er fragt mich, ob ich ihm noch was zu den Motiven des Ersten Weltkrieges erzählen könnte und wie das anschließend in der Weimarer Republik gelaufen sei, das behandle er gerade in seinem Geschichtsleistungskurs. Ich stammle irgendwelche sinnlosen Sätze vor mich hin, werde rot und sage, dass das bei mir doch schon mehr als zwei Jahre zurückliege. Dann versucht er es mit Politik, fragt mich zu grundsätzlichen Ideen wie dem Marxismus und nach Kritik an diesem. Nun ja, eher Mathe? Uff.
Als ich mit meinem Bruder sprach, der nun die elfte Klasse besucht, wurde mir deutlich bewusst, wie viel man während der zwei Jahre Abitur lernte. Kaum vorzustellen, wie ich zwar in der Medizin stetig mit meinem Wissen vorankomme, aber mich eben nur auf diesem einen Gebiet bilde. Auch habe ich nicht gemerkt, wie schnell mein eigener Bruder groß geworden ist. Für mich ist er nach wie vor der kleine Racker, dem ich ab und zu eins drauf gebe, wenn er zu laut ist. Aber das ist er wahrlich nicht mehr. Wenn er sich nicht gerade in der Schülerfirma engagiert, mischt er bei OLMUN mit, eine für Schüler abgewandelte Form der Model United Nations in Oldenburg, wo – kurz gesagt – Schüler die Vereinten Nationen nachspielen und jeder eine andere Nation vertritt. Darüber hinaus versucht er sich stets, in seinem Jahrgang einzubringen, spielt Klavier und Fußball, geht ab und zu ins Fitnessstudio und findet dennoch die Zeit, seine Freunde regelmäßig zu sehen. Dazu arbeitet er schon jetzt zielstrebig aufs Abitur hin.
Interessant ist aber, dass er nach wie vor sehr auf meinem Rat hört. Auch stellt er mir all die Fragen, die ich damals mit mir selbst ausgemacht habe, weil ich keine älteren Geschwister habe. Das gibt mir das Gefühl, selber wieder in dieser Phase des Lebens zu stecken, in der er sich befindet.

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