interaktiv

Medizin studieren

Perspektivwechsel

Autor:
Thilo

Rubrik:
studium

18.11.2016

Während der Operation an meinem gebrochenen Bein war ich wach, bekam zusätzlich zur Betäubung meiner unteren Körperhälfte aber ein leichtes Beruhigungsmittel, weil ich ein wenig nervös war. Ein Freund aus dem sechsten Semester machte gerade eine Famulatur (viermonatiges Praktikum) in der Anästhesie und war die ganze OP über bei mir. Er hielt mich auf dem Laufenden, wie weit die Chirurgen nun waren, wann sie die Platte einsetzten und wie viele Schrauben benötigt wurden.
Nach der Operation schob man mich zunächst in den Aufwachraum. Mir ging es gut, ich hatte keinerlei Schmerzen, konnte meine Beine aber noch nicht bewegen. Nach einiger Zeit konnte ich meinen Oberschenkel ein wenig anspannen, das Bein aufstellen, aber noch nicht den Fuß bewegen; auch Berührungen spürte ich noch nicht. Zwei Nächte verbrachte ich im Krankenhaus.
Wenn irgendetwas sich verstärkt hat, dann mein Verständnis dafür, dass Patient zu sein wirklich langweilig ist. Das ist mir während meines Bundesfreiwilligendienst nicht aufgefallen, da ich selbst ständig etwas zu tun hatte. Auch kann ich nun nachempfinden, wie man sich während der Visite fühlt und worauf es für die erkrankte Person wirklich ankommt. Visite hieß in diesem Krankenhaus, dass morgens um kurz nach 7 Uhr der Chefarzt mit etwa zehn weiteren Ärzten hereinkam. Für die Ärzte mag so eine Visite bereichernd sein, doch ist es wirklich sehr befremdlich, so früh einen solchen Tumult vorzufinden. Alle schauen einem auf das Bein, ziehen nebenbei mal eben die Drainage aus der Wunde, die über Nacht den Blutabfluss steuerte, und stellen einem belanglose Fragen zum Befinden, sodass man die eigenen Fragen schnell vergisst. Manche Fragen zu meinen Aussichten auf Rollstuhl, Therapie und Co. wurden beantwortet, andere nicht. Der Perspektivwechsel war für mich persönlich wichtig, um zu begreifen, worauf es für den Erkrankten ankommt. Was bringt mir dieser Bruch also für meine eigene Arbeit? Hilfe anzunehmen ist nicht leicht, man muss Geduld mitbringen, wenn man jemandem helfen will, und versuchen, seine Situation zu verstehen.

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