interaktiv

Medizin studieren

Verwandte Patienten

Autor:
Thilo

Rubrik:
studium

16.12.2016

Seit einem Jahr studiere ich Medizin und arbeite nebenbei auch mit Demenzkranken zusammen, indem ich Nachtbereitschaften mache. Davor habe ich ein Jahr lang auf einer geriatrischen Station in der Pflege gearbeitet und eineinhalb Jahre lang trauernde Jugendliche begleitet, die mit dem Tod eines nahestehenden Menschen nicht alleine zurechtkamen. Seit mehr als dreieinhalb Jahren beschäftige ich mich also intensiv mit dem Tod. Deshalb dachte ich, ich könnte nüchterner reagieren, wenn ich meine eigene Oma auf der Intensivstation besuchen muss, sie beatmet und künstlich ernährt wird, seit Tagen im Koma liegt. Doch das ist nicht der Fall. Mich trifft es wie jeden anderen auch.
Als ich sie sah, habe ich die erste Dreiviertelstunde kein Wort sagen können. Tränen liefen meine Wangen hinunter, ich nahm ihre Hand und fühlte mich genauso hilflos wie meine Mutter, die mir gegenüber saß. Wir konnten beide nichts tun. Und doch wurde ich immer wieder ausgefragt, was ich zu Aussagen der Ärzte sagen könnte, wenn es um Omas Zustand ging, ob der Blutdruck in Ordnung sei, was ein Luftröhrenschnitt genau ist oder welche Medikamente sie wohl bekommt. Ich kannte die Antworten teilweise. Aber eben nur teilweise. Es wäre arg verantwortungslos gewesen, mit meinem Halbwissen kurzfristige Schlüsse zu ziehen.
Die Gedanken an meine Oma gingen auch weiter, als ich in meinen Vorlesungen saß und neue Inhalte lernte, die auch nur annähernd etwas mit ihrem Zustand zu tun hatten. Wenn es beispielsweise um die Funktion der Lunge ging und ich wusste, dass meine Oma dort Flüssigkeit angesammelt hatte, bezog ich alle möglichen Folgen sofort auf sie. Aber ich konnte trotzdem genauso wenig tun.
Ich war immer neugierig, wenn es um andere Menschen ging: Ich wollte immer wissen, warum es dem Menschen nun schlecht geht, wofür einzelne Geräte gut sind, wie eine Operation verläuft und was geschieht, wenn es eben nicht gut läuft. Jede Neugierde war aus mir gewichen, als ich meine Oma gesehen hatte. Da war nichts mehr von dem Menschen da, der Medizin studiert und mal Arzt werden will. Da war nur der Enkel, der will, dass es seiner Oma gut geht.

Diesen Artikel teilen