zum Inhalt

Kopfbereich

interaktiv

Hauptbereich

Medizin studieren

Tapetenwechsel

Autor:
Thilo

Rubrik:
studium

08.06.2017

Nervös rutschen meine Mitbewohnerin und ich auf der Bank an unserem Küchentisch herum. Wir starren beide auf den Zettel vor uns, auf dem steht, was wir unserem Mitbewohner sagen wollen. Daneben liegt die handschriftliche Kündigung. Sie hat ihm bereits Bescheid gegeben, dass wir reden wollen. Er braucht noch zehn Minuten und wir warten voller Aufregung wegen des bevorstehenden Gesprächs. Wird er unsere Entscheidung akzeptieren? Wie wird er reagieren? Ausrasten? Diskutieren? Und machen wir hier gerade das Richtige?
Seit fast zwei Jahren wohnen wir zu viert in unserer schönen WG. Meine beiden Mitbewohnerinnen und ich verstehen uns blendend. Und dann ist da unser Mitbewohner, der leider immer außen vor blieb. Anfangs versuchten wir noch, zu viert Dinge zu unternehmen. Doch die Versuche nahmen ab, wir lebten uns auseinander. Es war, als lebte ein Unbekannter in unserer WG. Dazu kam, dass er trotz mehrfachen Hinweisen gemeinschaftliche Aufgaben wie Putzen und Co. nicht erfüllte. Uns wurde klar, dass es so nicht weitergehen kann und er ausziehen muss.
Meine Mitbewohnerin und ich können das recht einfach entscheiden, weil wir die Hauptmieter der Wohnung sind und er unser Untermieter. Es gilt eine dreimonatige Kündigungsfrist, dann erhält er seine Kaution zurück und der neue Nachmieter muss ihm einen Abschlag für die gemeinsam angeschafften Möbel bezahlen. Es ist hart, jemandem zu sagen, dass man nicht mehr mit ihm zusammen leben will. Wie hart muss es dann für denjenigen selbst sein? Doch es half nichts, wir mussten es ihm sagen.
Er setzt sich an den Tisch, schaut uns beide fragend an. Ich sage ihm, wozu wir uns entschieden haben und weshalb – stets auf der Suche nach einer zornigen Reaktion in seinem Gesicht. Doch ich finde nur Müdigkeit und Abgeschlagenheit. Er nickt und sagt, er könne es verstehen. Wir sind überrascht, erleichtert. Lediglich der Zeitpunkt mitten im Semester sei sehr ungünstig gewählt, kritisiert er, alles andere sei nachvollziehbar. Ich schiebe ihm die Kündigung hin, er unterschreibt und damit war das Thema bereits abgehakt. Keine großen Emotionen, keine Diskussionen.
Nun geht es für uns auf die Suche nach einem neuen Mitbewohner, mit der Sorge im Hinterkopf, wieder eine falsche Wahl zu treffen. Einige Anfragen haben wir auf unsere Wohnungsanzeige bereits bekommen. Voller Spannung haben wir die Einladungen zum ersten Casting verschickt …

Diesen Artikel teilen