interaktiv

Medizin studieren

In dankbarer Hochachtung

Autor:
Thilo

Rubrik:
studium

28.06.2017

Sonnenstrahlen fallen durch die Fenster in die Kapelle. Feines Geigenspiel ist zu hören, dann setzt der Chor ein, das Klavier begleitet, harmonisch legt sich ein Cello dazu. Ich schließe die Augen und lasse mich von der Musik entführen. Langsam bahnt sich eine Träne ihren Weg über mein Gesicht. Ich öffne die Augen und schaue in die traurigen Gesichter der Angehörigen, Freundinnen, Freunde und Bekannten unserer Körperspenden, die wir heute beisetzen.
Im zweiten Semester ist uns die Ehre zuteil geworden, die Anatomie an Menschen zu lernen, die einwilligten, ihren Körper für medizinische Zwecke zur Verfügung zu stellen. Nun, ein Jahr später, erweisen wir ihnen das letzte Geleit und richten einen Gottesdienst für sie aus – und für die Angehörigen.
Mehrere Studierende und unser Studiendekan halten Reden, einige schöne Musikstücke untermalen dazu die emotionale Stimmung. Es ging an diesem Tag vor allem um unseren Dank gegenüber den Menschen, die uns einzigartige Einblicke in die Anatomie ermöglichten. Und es ging um den Respekt vor den Angehörigen, die so lange auf die Beerdigung ihrer Liebsten und damit auf einen Ort für ihre Trauer gewartet haben.
Die Angehörigen und uns verbindet etwas Außergewöhnliches. Sie kannten die Menschen, die nun Körperspender sind, prägten sie und wurden von ihnen geprägt. Wir dagegen fanden in ihnen geduldige Lehrer, tauchten in ihren biologischen Kosmos ein, begegneten durch sie dem Tod, lernten Ehrfurcht und Demut. So besonders diese Beziehungen waren, so besonders war auch das Aufeinandertreffen von Studierenden und Angehörigen, die teilweise das Gespräch zu uns suchten, um sich zu bedanken oder um zu erfragen, wie die Präparation eines menschlichen Körpers abläuft, wie das für uns war und was wir gelernt haben. Dabei fiel es schwer, Rede und Antwort zu stehen. Wir wissen nicht, welchen Menschen wir präpariert haben, kennen seinen Namen nicht, nur das Alter und wir haben nur eine Vermutung, warum er gestorben ist. Unsere Betroffenheit ist eine andere. Dennoch war es für die Angehörigen wichtig, zu erfahren, dass die Verstorbenen auch nach ihrem Tod Gutes taten, indem sie uns die Möglichkeit gaben, große Schritte auf dem Weg zu Medizinerinnen und Medizinern zu machen. Unser Dank an die Körperspenden gilt genauso ihnen.
Nun ist es an jedem Einzelnen von uns, alles dafür zu geben, gute Medizinerinnen und Mediziner zu werden und das uns gemachte Geschenk weiter in Ehren zu halten.

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