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Medizin studieren

Physikumslogbuch - finaler Eintrag

Autor:
Thilo

Rubrik:
studium

19.10.2017

Es ist neun Uhr morgens. Ich bin müde, habe kaum geschlafen. Die Prüfer empfangen meine Mitprüflinge und mich im Seminarraum. Sie lächeln. Der gefürchtete Professor der Anatomie ist krank geworden und wird durch seinen Zögling vertreten, der ihm in Strenge in nichts nachsteht. Eine meiner Mitstreiterinnen ist voriges Semester genau bei ihm durchgefallen. Der Schock über das Wiedersehen steht ihr ins Gesicht geschrieben und wirkt sich auch auf uns andere aus.
Besonders der erste Teil zur Anatomie läuft bei mir einfach nicht. Drei von uns begutachten zunächst an den vorbereiteten Mikroskopen je ein Präparat und machen sich Notizen, fertigen Zeichnungen an. Die Vierte im Bunde wird zur Körperspende gebeten. Vor mir liegt ein Präparat der embryonalen Mundhöhle, es geht um Zahnentwicklung. Das kann ich halbwegs. Ich zeichne die Zähne in ihren unterschiedlichen Stadien der Entwicklung und versuche, möglichst viele Details einzubauen.
Dann werde ich gebeten, zur Körperspende zu kommen. Meine Hände schwitzen, ich kann mir kaum die Handschuhe anziehen. Zudem schwanke ich ständig zwischen hellem Wachsein wegen der Aufregung und purer Müdigkeit wegen der Anstrengung der vergangenen Wochen, der schlaflosen Nacht. Wenig konzentriert nehme ich die Niere heraus. Der Prüfer stellt mir währenddessen mehrere Fragen, für die ich mich sortieren muss. Er will Details hören. Sein Fragestil wirft mich aus der Bahn und ich muss oft sagen, dass ich etwas nicht weiß, obwohl ich das eigentlich tue. Es ist, als seien die Bereiche meines Gehirns, wo die Informationen abgespeichert sind, durch eine Barriere abgeriegelt! Auch die Befragung über den Unterschenkel läuft nicht besser. Ich weiß, dass ich es in den Sand gesetzt habe. Es liegt an mir, am Prüfer, an den vergangenen Wochen.
Ich beiße die Zähne zusammen und gebe in der Histologie alles. Obwohl mich der merkwürdige Fragestil wieder verwirrt, bringe ich die paar Minuten halbwegs souverän zu Ende. Die Prüfungen zur Physiologie und zur Biochemie sind von meiner Seite aus ebenfalls solide, wenn auch nicht besonders gut. Doch ich bin wieder zuversichtlich, dass es doch noch etwas wird.
Und tatsächlich: Wir bestehen alle! Ich mit einer Drei. Die Begründung lautet, dass ich mich oft verhaspelt hätte. Doch das ist mir in diesem Moment egal. Ich spüre nur, wie das Gewicht dreier Elefanten von meinen Schultern weicht und die Welt um mich herum wieder Farbe bekommt.

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