interaktiv

Medizin studieren

Kellereinsatz

Autor:
Johannes

Rubrik:
studium

25.07.2018

Im zweiten Semester habe ich zum ersten Mal Leichen gesehen. Damals marschierte die komplette Kohorte voller Tatendrang in den Präperationssaal, um dort alles über die menschliche Anatomie zu lernen. Auf 20 nackte, graue Leichen waren viele damals nicht vorbereitet, doch im Laufe der Zeit überwanden nahezu alle ihre Scheu vor den Toten.
Doch mit dem unmittelbaren, akuten Tod hatte das nichts zu tun. Die Leichen erinnerten nur entfernt an Menschen, waren sie doch allesamt seit mehreren Monaten tot und über längere Zeit in Formaldehyd konserviert worden.
Insofern war es für mich überraschend, als in einer ruhigen Nachtschicht die Nachtschwester der Chirurgie bei uns anrief und fragte, ob ich mit in den Keller kommen könnte. Wir sollten eine soeben verstorbene Patientin nach unten in den Raum bringen, in dem die Toten vom Bestatter abgeholt werden. „Klar, warum nicht, ist schließlich mein Job!“, dachte ich und machte mich auf den Weg zur chirurgischen Station. Ein bisschen neugierig war ich definitiv, gleichzeitig sicherlich auch nervös. Im Zimmer der Verstorbenen wurde meine Nervosität größer: Einerseits wirkte die Patientin, als würde sie schlafen. Andererseits war absolut klar, dass dieser Schlaf anders war als der eines Lebenden. Als wir die Tote im Kühlraum aus dem Bett auf eine Liege lagerten, wurde klar, was anders war: Obwohl noch warm, hatte doch die Totenstarre bereits eingesetzt. In dem dunklen, sterilen Keller beschlich nicht nur mich, sondern auch die Nachtschwester, ein mulmiges Gefühl von Endgültigkeit. Daher waren wir froh, wieder nach oben gehen zu können.

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