interaktiv

Zwischen Schule & Beruf

„Not lost in Translation“

Autor:
Lea

Rubrik:
orientieren

22.06.2016

Meine Studienbewerbungen sind bereits abgeschickt. Jetzt gilt es nur noch zu warten, bis ich an den Aufnahmeverfahren teilnehmen kann. Sollte es mit Eichstätt und Freiburg nicht klappen, werde ich mich als Plan B in Bamberg einschreiben. Die Uni dort hat im Hochschulranking für Politikwissenschaften ganz gut abgeschnitten und der Studiengang ist dort zulassungsfrei. Um die Zeit bis zur Entscheidung zu überbrücken, helfe ich in der Schule der Zentralen Aufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge in Zirndorf aus.
Meine Mutter bietet dort Donnerstagvormittags immer eine gynäkologische Sprechstunde an und so lohnt sich das Hin- und Zurückfahren doppelt. Die Schule beginnt immer um neun und die Lehrerin startet den Unterricht immer mit einer Vorstellungsrunde. Ein Kind fängt an, sagt auf Deutsch seinen Namen und fragt schließlich seinen Sitznachbarn: „Wie heißt du?“. Anschließend wird das Ganze mit den Fragen „Wie alt bist du?“, „Wie geht es dir?“ und „Woher kommst du?“ wiederholt. Letzteres eröffnet einem dabei das ganze Spektrum der unterschiedlichen Nationalitäten, denen die Kinder angehören. Da sind zum Beispiel Kinder aus Syrien, aus Armenien oder Aserbaidschan. So spricht ein Teil der Gruppe kurdisch oder arabisch und ein anderer russisch. Blöd nur, dass ich keine dieser Sprachen beherrsche, weshalb ich mich zur Verständigung mit den Kindern auf meine Hände und Füße verlassen muss. Die Lehrerin spricht Russisch und eine weitere Aushilfe Arabisch. Und wenn ein Kind nur kurdisch spricht, hat man in so einer gemischten Klasse ja auch eine ganze Menge potenzieller Dolmetscher.
Schwieriger hat es da meine Mutter mit ihren Patientinnen, die oft nur ein paar Worte Englisch oder Deutsch verstehen. Einige der Frauen tippen deshalb ihre Frage in ein Übersetzungsprogramm in ihr Smartphone ein. Andere lassen ihre Kontakte spielen und rufen kurzerhand einen Bekannten an, der sowohl Deutsch als auch ihre Muttersprache spricht. Schnell gehen muss das alles natürlich trotzdem, schließlich ist das Wartezimmer immer gut gefüllt und so erledige ich nach und vor der Schule immer ein paar kleinere Aufgaben, wie das Sortieren der Akten, für das meine Mutter und ihre Assistentin keine Zeit haben.

 

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