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Master live: Mein Freund von Bahnsteig 1

Autor:
Ferdinand

Rubrik:
studium

11.06.2021

Der Sommer kommt, Corona weicht langsam und so bin ich – wenig überraschend – wieder mehr grenzüberschreitend mit dem Zug unterwegs. Seit ich Wien gegen Prag eingetauscht habe, gibt es dabei keine große Grübelei mehr bei der Verkehrsmittel- und Streckenwahl: Der schnellste und bequemste Weg führt mit dem EuroCity durch das herrliche Elbtal nach Dresden, wo ich anschließend in den Intercity gen Leipzig und Halle umsteige. Seit einigen Jahren ist das nun schon eine der wichtigsten Routen in meinem Leben. Und seit einigen Jahren nutze ich die 30 Minuten Umsteigezeit, um meinen Freund von Bahnsteig 1 zu treffen.

Diese Freundschaft ist nicht nur besonders, da wir denselben, ja doch auch seltenen, Vornamen teilen, sondern eben auch, da wir uns seit vielen Jahren nie länger als die entsprechenden 30 Minuten sehen. Sobald ich eine Verbindung gebucht habe, gehen meine entsprechenden Reisedaten direkt rüber nach Dresden. Mein Freund von Bahnsteig 1 wohnt in unmittelbarer Bahnhofsnähe. Und rollt dann mein Zug ein, steht er meist schon da. Wir unterhalten uns, über Gott und die Welt. 30 Minuten, das ist gerade genug Zeit, um uns gegenseitig über das wichtigste aus unseren Leben upzudaten. Nicht selten enden unsere Unterhaltungen abrupt, da ich in den nächsten Zug steigen muss.

Neulich hatte ich Verspätung und die Umsteigezeit schrumpfte von 30 auf acht Minuten. Mein Freund von Bahnsteig 1 war trotzdem da. Als ich zum Anschlusszug hastete, sich die Zugtüren schon zu schließen drohten, rief er mir hinterher: „Bleib doch mal länger! Einen Tag oder so!“ Der Zug fuhr ab. „Mal schauen“, dachte ich mir, „vielleicht werde ich meinen nächsten Aufenthalt wirklich mal um die eine oder andere Stunde oder vielleicht sogar wirklich um einen Tag verlängern.“

Dann fuhr der Zug ab. Mein Freund von Bahnsteig 1 winkte nicht. Wie immer. Bis zum nächsten Mal.