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Berufliche Orientierung mit Behinderungen

Von der Förderschule direkt ins Studium

Von einem großen Glück spricht Jakub Komorowski. Der 21-Jährige ist nahezu blind und im Herbst frisch vom Abi weg an der Uni durchgestartet: Er studiert Mathematik und Musik auf Lehramt an Gymnasien und Gesamtschulen – als erster Akademiker in seiner Familie.

Sehbehinderter Mann am Schreibtisch mit Braille-Tastatur

Viele Hochschulen stellen Hilfsmittel für Studierende mit Behinderungen bereit - und ermöglichen so einen reibungslosen Alltag.

Nun, dass ich ein unglaublich schlechter Lokführer wäre, war mir schon klar“, scherzt Jakub Komorowski. Der 21-Jährige ist seit seiner Geburt nahezu blind. Ein kleiner Sehrest ermöglicht es ihm, mit dem Gesicht direkt am Bildschirm zu lesen oder Bilddetails zu erkennen. „Das schränkt im Alltag ein, das ist nun mal so“, sagt er. „Die beruflichen Möglichkeiten sind durch meine Sehbehinderung limitiert“, merkt er an. Gleichzeitig öffnet sie ihm auch Türen. Jakub Komorowski kompensiert das Sehen durch andere Sinne. Er hat das absolute Gehör, das heißt, er kann die Höhe eines jeden Tones exakt bestimmen. „Seit ich neun Jahre alt bin, spiele ich Klavier. Selbst Musikunterricht geben, das schwebte mir immer im Kopf herum“, erinnert er sich.

Sein Abitur hat er auf einem Berufskolleg gemacht. Alle seine bisherigen Bildungsstationen hat Jakub Komorowski im Förderumfeld durchlaufen, auf speziellen Einrichtungen für Menschen mit Sehbehinderung. „Für mich hat das absolut gepasst. Ich kenne es nicht anders“, sagt er und spricht sogar von einem Glücksfall. „Wenn ich mein Abi nicht im Bildungszentrum für Blinde und Sehbehinderte in Soest gemacht hätte, wäre ich wohl nie der Mitarbeiterin vom Talentscouting der TU Dortmund begegnet.“

Musik alleine reicht ihm nicht

Das Bildungszentrum kooperiert schon seit längerem mit der Universität und lädt die Scouts in der zwölften Klasse in den Unterricht ein. „Die Mitarbeiterin hat uns geholfen, unsere Talente zu erkunden, uns klar zu machen, was wir gut können, was uns eigentlich interessiert und sie hat uns die Uni vorgestellt. So bin ich aufs Lehramtsstudium in den Fächern Mathe und Musik an Gymnasien und Gesamtschulen gekommen“, erzählt er und führt aus, dass er unbedingt etwas machen wollte, das viel mit Menschen zu tun hat. Die Musik alleine hätte ihn auf Dauer nicht ausgefüllt, da ist er sich sicher. „Ich brauche mehr Abwechslung und Herausforderungen. Nun, was gibt es Schwierigeres als Schüler für Mathe zu begeistern“, sagt er und lacht.

Große Unterstützung an der Uni

Ein Porträt-Foto von Jakub Komorowski.

Jakub Komorowski

Seit Herbst ist er nun an der TU Dortmund und findet sich mit seinem Blindenstock auf dem riesigen Campus ganz gut zurecht. „Das DoBuS, also der Bereich Behinderung und Studium der TU Dortmund, tut wirklich viel, um uns Studierenden mit einer Behinderung das Studium zu ermöglichen“, führt er aus und berichtet von seiner Eignungsprüfung im Fach Musik vor fast einem Jahr. In Zusammenarbeit mit dem DoBuS wurde diese so modifiziert, dass er eine reale Chance hatte, das Musikdiktat zu bestehen.

„Ein absolutes Gehör bringt ja nichts, wenn man das Gehörte nicht schnell genug zu Papier bringen kann. Das war in meinem Fall mehr mündlich als schriftlich“, erläutert er und erzählt, dass er sich fast sechs Monate vorher mit dem Bereich zusammensetzen musste, um dies zu organisieren. „Ganz ähnlich läuft das bei den Vorlesungen. Ich bitte die Dozenten vorab um ihre Skripte, und das DoBuS hilft mir, diese so aufzubereiten, dass ich sie mir entweder per Sprachausgabe vorlesen lassen kann, oder sie werden in ein Dateiformat gebracht, in das ich extrem reinzoomen kann“, schildert er.

Sich vorab ein umfassendes Bild machen

„Ich kann nur jedem raten, sich vorher genau anzuschauen, ob, wie und welche Angebote dieser Art es an der Hochschule gibt“, sagt der 21-Jährige. Eineinhalb Stunden fährt er nun von Soest aus mit der S-Bahn nach Dortmund. Trotz hervorragender Unterstützung weiß er, wie nervig und frustrierend es ist, sich selbst durch einen Info-Dschungel kämpfen zu müssen. „Bei mir war nicht die Behinderung die größere Hürde, sondern, dass ich der erste und einzige in meiner Familie bin, der studiert. Keiner wusste so recht, wie das jetzt geht mit der Krankenkasse, dem BAföG und so weiter“, sagt er. Jakub Komorowski empfiehlt jedem, sich direkt zu informieren. „Telefonieren, zur Hochschule gehen, sich in eine Vorlesung setzen, sich mit anderen in einer ähnlichen Situation austauschen und sich erkundigen, ob es so etwas wie das Talentscouting in der Region gibt. Das wäre mein Tipp an alle, die sich mit einer Behinderung jetzt beruflich orientieren. Wichtig ist, dass man es versucht.“

abi» 21.02.2020

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