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Berufliche Orientierung mit Behinderungen

Deine Stärken im Fokus

Wer die eigenen Stärken kennt, tut sich leichter, den richtigen Beruf zu finden. Doch wie soll das gehen, wenn viele in mir nur meine Schwächen sehen? Genau diese Frage treibt viele Abiturienten mit Behinderungen um. abi» hat sich umgehört, Erfolgsgeschichten aufgespürt und Ansätze gefunden, wie eine selbstbestimmte Berufswahl gelingen kann.

Eine Person legt das Wort "Inklusion" aus Magentbuchstaben.

Viele Organisationen arbeiten für und mit Menschen mit Behinderungen zusammen, um Inklusion in der Berufswelt zu ermöglichen.

Bei der Orientierung unterstützen Organisationen (siehe Überblick „Schritt für Schritt zum Berufswunsch“) oder Initiativen, die eine ergänzende unabhängige Teilhabeberatung (EUTB) anbieten, sowie die Teams Berufliche Rehabilitation und Teilhabe der Agenturen für Arbeit vor Ort. Sie arbeiten mit Integrationsfachdiensten und Berufsbildungswerken zusammen und sind für Menschen mit Behinderungen erste Anlaufstelle bei der beruflichen Orientierung.

Berufswahl zwischen Wunsch und Wirklichkeit

„Welche Tätigkeiten faszinieren mich, was interessiert mich, wo liegen meine Stärken, wo will ich hin? Diese Fragen stehen zunächst im Fokus unserer Beratung“, sagt Lara Ballier vom Team Berufliche Rehabilitation und Teilhabe der Agentur für Arbeit Kassel. „Uns ist wichtig, dass ein junger Mensch den Beruf findet, der zu ihm passt, der ihm lange Freude macht und in dem es ihm mit seiner Einschränkung gut geht.“

Ein Porträt-Foto von Andrea Kurtenacker.

Andrea Kurtenacker

Andrea Kurtenacker von REHADAT-Bildung begrüßt diesen Ansatz. Das Portal des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW) richtet sich an junge Menschen mit Behinderungen in der Berufsorientierungsphase. „Die Wünsche und Träume mit den eigenen Potenzialen und Talenten abgleichen, dann erst die Defizite unter die Lupe nehmen und rausfinden, mit welchen Hilfen sich diese überbrücken lassen“, lautet ihre Empfehlung.

Auf dem Weg zur inklusiven Hochschule?

Andrea Hellbusch, Studienberaterin im Bereich Behinderung und Studium des Zentrums für Hochschulbildung an der TU Dortmund sagt: „Die Beeinträchtigung sollte die Wahl des Studiengangs nicht dominieren. Die Inhalte des Studiums und die Interessen des Einzelnen sind das Entscheidende.“ Laut Forschungsbericht „beeinträchtig studieren – best2“ des Deutschen Studentenwerks gaben 19 Prozent der Studierenden mit Beeinträchtigung an, dass diese die Studienwahl stark beeinflusst haben. Unter ihnen gaben etwa genauso viele an, jetzt nicht im Wunschstudiengang zu studieren. Als Gründe werden vor allem die eingeschränkte Studierbarkeit des Wunschfachs, schlechte Berufsaussichten in Zusammenhang mit der Beeinträchtigung und das Abraten des eigenen sozialen Umfelds angegeben.

Leider gibt es große Unterschiede an den Hochschulen. Christiane Schindler, Leiterin der Informations- und Beratungsstelle Studium und Behinderung (IBS) des Deutschen Studentenwerks, weist darauf hin, dass Hochschulen dazu verpflichtet sind, mögliche Hindernisse aus dem Weg zu räumen. Dies ist im Hochschulrahmengesetz und in den Landeshochschulgesetzen verankert.

Ansprechpartner und Wegbereiter dafür sind Inklusionsbeauftragte oder Studienberaterinnen wie Andrea Hellbusch. „Bei uns geht es längst nicht mehr nur um die Einzelberatung, wir arbeiten an Strukturen, um chancengerechtere Studienbedingungen zu schaffen“, erläutert sie und nennt als Beispiel das Mentoring-Programm für Studieninteressierte und Erstsemester (siehe Reportage „Von der Förderschule direkt ins Studium“). Welche Hochschule wie weit ist, dokumentiert etwa das Projekt hochschule-barrierefrei.de.

Wertvolle Orientierungshilfen

Ein Porträt-Foto von Christiane Schindler.

Christiane Schindler

Christiane Schindler empfiehlt bei aller Unterstützung im Studium, die späteren beruflichen Anforderungen bei der Studienwahl immer bereits miteinzubeziehen. Infos dazu finden Abiturienten mit Behinderungen in Studienordnungen, bei der Berufsberatung und in den Reha-Teams der Agenturen für Arbeit sowie mithilfe von Testverfahren wie Check-U, dem Erkundungstool oder auf Bildungs- und Reha-Messen (siehe Übersicht „Schritt für Schritt zum Berufswunsch“). Vielversprechend seien Peer-to-Peer-Projekte, bei denen Berufserfahrene mit einer bestimmten Behinderung anderen Betroffenen berichten, wie ihr Alltag aussieht, sagt Studienberaterin Andrea Hellbusch. Für Berufseinsteiger mit Hör- oder Sehbehinderung gibt es ergänzend barrierefreie Berufsinfoportale wie die des Kompetenzzentrums für Gebärdensprache und Gestik.

Sowieso findet es Reha-Beraterin Lara Ballier wichtig, erstmal alle Möglichkeiten auf dem Schirm zu behalten. Von pauschalen Empfehlungen für oder gegen eine Tätigkeit bei einer bestimmten Einschränkung hält sie nichts. „Es ist sehr viel möglich heutzutage. Das muss man immer individuell betrachten“, sagt sie und erläutert, dass die Arbeitsagentur über die sogenannten Leistungen zur Teilhabe am Arbeitsleben im Fall der Fälle technische Hilfsmittel oder eine Arbeitsassistenz finanziert. Deshalb rät sie dazu, sich immer zuerst an die Agentur für Arbeit vor Ort zu wenden.

Individuelle Beratung notwendig

„Bei solch komplexen Fragestellungen hilft nur individuelle, intensive Beratung“, betont sie und klärt darüber auf, dass das Reha-Team nur dann ins Spiel kommt, wenn zusätzliche Unterstützung gebraucht und gewünscht ist. „Wir bieten dann an, unseren Ärztlichen Dienst einzuschalten, um zu klären, ob und welche Leistungen zur Teilhabe am Arbeitsleben möglich sind und ob die Eignung für einen bestimmten Beruf gegeben ist. Die Ärzte sind Arbeitsmediziner und kennen die Berufsbilder und Anforderungen sehr gut“, sagt sie. „Oder wir ziehen den Technischen Beratungsdienst hinzu.“

Zudem rät die Reha-Beraterin, Ausbildungen in Berufsbildungswerken nicht ganz auszuklammern. „Ich weiß, dass es Berührungsängste bezüglich Ausbildungen in Berufsbildungswerken gibt. Diese sind aber unbegründet. Berufsbildungswerke bilden auf einem hohen Niveau aus“, sagt sie. Andrea Kurtenacker von REHADAT gibt ihr Recht: „Die Ausbildungen dort haben in der Wirtschaft einen sehr guten Ruf“, schildert sie. Fast alle kooperierten während der Ausbildung mit Betrieben auf dem ersten, also dem regulären Arbeitsmarkt. Zudem seien sie zum Beispiel auf Sehbehinderungen, Autismus, Hörbeeinträchtigung, psychischen Beeinträchtigungen oder Menschen im Rollstuhl spezialisiert.

Andrea Kurtenacker legt in diesem Zusammenhang ein Praktikum ans Herz. „Schon während der Schulzeit anfragen und sich bewerben. Immer mehr Betriebe öffnen sich für Menschen mit Behinderungen. Die Sensibilität wächst und gerade Betriebe, die bereits Erfahrung mit der Ausbildung von Menschen mit Behinderungen gemacht haben, können sich dies gut vorstellen“, macht sie Mut. Zudem weist sie auf die Möglichkeit eines Freiwilligen Jahres hin, zum Beispiel über den Verein Behinderung und Entwicklungszusammenarbeit (Bezev) (siehe Übersicht „Schritt für Schritt zum Berufswunsch“).

Ein Foto von Kirsten Vollmer

Kirsten Vollmer

Hat sich ein Berufswunsch herauskristallisiert und steht zu befürchten, dass ein Nachteilsausgleich fürs Erreichen des angestrebten Berufsabschlusses nicht ausreicht, hält es Kirsten Vollmer, Expertin für Berufliche Bildung behinderter Menschen beim Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB), auch nicht für völlig abwegig, eine sogenannte Fachpraktiker-Ausbildung zu erwägen. „In der Regel sind diese zwar für junge Menschen mit einer Lernbehinderung vorgesehen“, erklärt sie. Laut Gesetz habe aber jeder, der einen Ausbildungsplatz gefunden hat und bei dem eine besondere Art der Behinderung gegeben ist, einen Anspruch darauf, dass Ausbildungsinhalte an die individuellen Möglichkeiten angepasst werden. „Da muss es nicht zwingend um kognitive Einschränkungen gehen. Das kann genauso für Abiturienten mit komplexen Beeinträchtigungen oder psychischen Problemen in Frage kommen“, erläutert sie.

Viele Möglichkeiten, aber auch Fallstricke

Wer übrigens plant, nach einer Ausbildung noch zu studieren, sollte sich vorab gut informieren. Die Finanzierung der technischen Hilfen oder Studienassistenzen erfolgt in diesem Fall nur unter bestimmten Voraussetzungen. Lara Ballier betont: „Es gibt so viel, was Abiturienten mit Behinderungen beim Übergang ins Berufsleben bedenken und abwägen müssen. Jeder kann, darf und soll sich die Zeit nehmen, die er braucht. Eine Deadline für unsere Leistungen, die jedem für eine Erstausbildung zustehen, gibt es nicht.“ Sie appelliert: „Auch wenn euer Abi schon etwas her ist, kommt und hört euch an, welche Möglichkeiten es gibt. Wir haben den Überblick.“

Weitere Informationen

berufsfeld-info.de

Infoportal der Bundesagentur für Arbeit zu Ausbildung, Studium und Weiterbildung

berufsfeld-info.de

BERUFENET

Das Netzwerk für Berufe der Bundesagentur für Arbeit mit über 3.000 ausführlichen Beschreibungen in Text und Bild

berufenet.arbeitsagentur.de

studienwahl.de

Infoportal der Stiftung für Hochschulzulassung in Kooperation mit der Bundesagentur für Arbeit. Hier kannst du im „finder“ nach Studiengängen in ganz Deutschland suchen und dir Tipps zum Studium holen.

studienwahl.de

Bundesagentur für Arbeit

Hier sind die Beratungs- und Unterstützungsangebote der Bundesagentur für Arbeit für Menschen mit Behinderungen zusammengefasst:

arbeitsagentur.de/menschen-mit-behinderungen arbeitsagentur.de/bildung/studium/studieren-mit-behinderungen

REHADAT Bildung

Portal des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln zur Berufsausbildung mit Behinderungen mit zahlreichen Informationen von der Berufsorientierung bis zu Unterstüzungsmöglichkeiten.

rehadat-bildung.de

Initiative der Wirtschaft für Menschen mit Behinderung

Mit ihrer Initiative „Inklusion gelingt!“ möchten die Spitzenverbände der Wirtschaft erwirken, dass mehr Menschen mit Behinderungen auf dem ersten Arbeitsmarkt ausgebildet oder beschäftigt werden. Auf der Webseite findet sich auch eine gute Übersicht der Ausbildungsmöglichkeiten.

inklusion-gelingt.de

Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben (ISL)

www.isl-ev.de

MyHandicap.de

Seite der Stiftung MyHandicap mit Jobbörse und Tipps zu Bewerbung und Förderung der Ausbildung

www.myhandicap.de

einfach teilhaben

Portal des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales

www.einfach-teilhaben.de

Informations- und Beratungsstelle Studium und Behinderung (IBS)

www.studentenwerke.de/de/behinderung

Forschungsbericht „beeinträchtig studieren – best2“ des Deutschen Studentenwerks

www.studentenwerke.de/de/content/beeintr%C3%A4chtigt-studieren-%E2%80%93-best2

Ergänzende unabhängie Teilhabeberatung

www.teilhabeberatung.de

barrierefrei-studieren.de

barrierefrei-studieren.de

abi» 21.02.2020

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