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Motive für die Berufswahl – Beratungsprotokoll

„Ich möchte später gutes Geld verdienen!“

Diese Aussage hört Heidemarie Schneider, Beraterin in der Agentur für Arbeit Traunstein, gar nicht so selten in ihren Gesprächen. Am fiktiven Beispiel von Sophia zeigt sie auf, wie so eine Beratung verlaufen kann.

Junger Mann informiert eine junge Frau über verschiedene Berufe.

In der Berufsberatung erfolgt häufig erst einmal ein Realitätscheck.

Sophia besucht die elfte Jahrgangsstufe eines Gymnasiums und hat noch rund ein Jahr bis zum Abitur vor sich. Sie möchte auf jeden Fall studieren. Mit Blick auf einen möglichen Studiengang ist ihr vor allem eines wichtig: Sie will „gutes Geld“ verdienen. Mit diesem Ansatz besucht sie die Berufsberatung.Zunächst einmal möchte ich mit ihr klären, was sie unter „gutes Geld verdienen“ versteht. Es stellt sich heraus, dass Sophia sehr bodenständig und realistisch ist: Ihr ist wichtig, dass sie ohne Probleme ihren Lebensunterhalt bestreiten und eine Familie so ernähren kann, dass nach Abzug der Miete und aller Kosten auch Geld für Urlaub und andere Dinge bleibt.

Irrtümer ausräumen – konkrete Vorstellungen erarbeiten

Ein Porträt-Foto von Heidemarie Schneider.

Heidemarie Schneider

Schnell wird klar, dass Top-Ten-Listen mit Berufen, in denen augenscheinlich am meisten verdient wird, sie in die Irre führen. Aktuell gehören zum Beispiel Mitarbeiter der chemischen Industrie, der Metallindustrie und auch Informatiker zu den Spitzenverdienern. Ob das auch noch so sein wird, wenn Sophia ihr Studium abgeschlossen hat, kann keiner vorhersagen. Ein Studium kann mit Bachelor und anschließendem Master etwa fünf Jahre dauern. Wie sich Branchen entwickeln, lässt sich immer weniger prognostizieren. Außerdem räumt Sophia gleich ein, dass diese Branchen sie nicht sonderlich interessieren – sie empfindet sie als „zu naturwissenschaftlich“.

Auf die Frage, für welche Themen sie sich begeistern kann, muss sie nicht lange überlegen – Wirtschaft. „Na ja, aber Betriebswirtschaft (BWL) kann ja alles und nichts sein. Das studiert man doch, wenn einem nichts Besseres einfällt“, schränkt sie verunsichert ein. Wir reden eine Weile über Wirtschaftswissenschaften, den Unterschied zwischen BWL und VWL, und über Schwerpunkte, die sie im Studiengang setzen kann, darunter Logistik, Internationales, Controlling, Personalwesen, Marketing.

Im Laufe des Gesprächs hat Sophia gleich ein paar Themen, die sie aussortiert, andere will sie weiterverfolgen. Ich stelle ihr das Portal studienwahl.de vor, auf dem sich die Schülerin sehr schnell einen ersten Überblick über Studiengänge verschaffen kann und welche Hochschulen in ihrer Wunschregion Wirtschaftswissenschaften anbieten.

Eine gute Recherche

Bis zu unserem nächsten Termin will sie über die Hochschulseiten herausfinden, welche Schwerpunkte die jeweiligen Hochschulen setzen. Natürlich wird in den ersten Semestern erst einmal Grundwissen vermittelt, aber in den höheren Semestern kommen die Schwerpunkte zum Tragen. Die kann man etwa am Modulhandbuch eines Studiengangs gut erkennen. Sophia kann zwar noch nicht einschätzen, welche Schwerpunkte sie interessieren, aber es gibt sehr wohl Themen, die sie nicht ansprechen – Personalwesen zum Beispiel.

Wir verabreden einen zweiten Termin, an dem wir ihre Ergebnisse besprechen. Bei unserem zweiten Gespräch ist sie bestens vorbereitet. Etwa sechs Hochschulen, darunter Fachhochschulen und Universitäten, hat sie sich näher angeschaut. Dass ihr Mathe und Englisch liegen, ist ein Pluspunkt. Die Studiengänge sind alle zulassungsbeschränkt, sodass sie sich über die Online-Plattform hochschulstart.de bewerben muss. Wir sprechen über das Verfahren, bei dem sie parallel an mehrere Hochschulen eine Bewerbung versenden kann. Spätestens gegen Ende des Verfahrens sollte sie wissen, welche Hochschulen sie favorisiert.

Dann reden wir noch über ihre Möglichkeiten, am Tag der offenen Tür der jeweiligen Hochschule teilzunehmen, um abzuklären, ob sie sich auch auf dem Campus und in der Stadt wohlfühlt. Im Hochschulpanorama auf den Seiten von abi.de kann sie beispielsweise einen ersten virtuellen Streifzug machen. Auch viele Hochschulen bieten inzwischen digitale Angebote zur Studienberatung. Das erleichtert die Orientierung, gerade wenn man sich für mehrere Unis interessiert und nicht jede im Vorfeld besuchen kann oder will.

Zum Schluss sprechen wir noch einmal darüber, dass sie mit einem Studienabschluss in BWL in vielen Branchen ein gutes Einkommen haben kann, sei es im öffentlichen Dienst oder bei einem Industrieunternehmen – also auch in der chemischen Industrie und im IT-Bereich. Und selbst im sozialen Bereich gibt es Organisationen, die zwar nicht auf Gewinnmaximierung ausgerichtet sind, sich aber bei der Bezahlung durchaus am Tarif im öffentlichen Dienst orientieren. 

abi» 01.06.2020

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