orientieren

Freiwilliges Soziales Jahr

Helfer mit Herz

Spielt das Geschlecht für die Wahl des Traumberufes eine Rolle? Nein – für David Löw (22) war von Anfang an klar, dass es wichtiger ist, auf seine eigenen Stärken und Talente zu vertrauen und seine Möglichkeiten auszuschöpfen. In seinem Studienwunsch bestärkt wurde er durch ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) in der Lebenshilfe.

Ein junger Mann fährt behinderte junge Frau mit einem Rollstuhl durch ein Gebäude.

Nach dem Abitur absolvierte David Löw ein FSJ in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung.

Ey, du bist doch die Putzfrau – mach das mal weg.“ Diesen Satz sagte damals während meines Praktikums in einer Schulvorbereitenden Einrichtung (SVE) ein fünfjähriger Junge zu einer Erzieherin. Ich war geschockt – und wollte das klischeehafte Bild der Geschlechterrollen, welches der Junge hatte, korrigieren. Also bezog ich ihn in den darauffolgenden Wochen intensiv in Hausarbeiten wie abwaschen, putzen und aufräumen ein, und siehe da, er sah mich auf einmal als sein Vorbild. Dieses Ereignis hat mich dazu motiviert, im sozialen Bereich Fuß zu fassen, und hat mir gezeigt, dass ich etwas bewegen kann. Aber nicht nur aufgrund dieses Schlüsselerlebnisses studiere ich nun Soziale Arbeit, sondern auch wegen meinen nicht vorhandenen Fähigkeiten im technischen und wirtschaftlichen Bereich.

Nach dem Abitur absolvierte ich ein FSJ in der Lebenshilfe, in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung in Lappersdorf bei Regensburg. Die Bewerbung für das FSJ lief doppelt ab: Zum einem habe ich mich direkt beim Paritätischen Wohlfahrtsverband beworben, der einen berät und den ganzen Ablauf erklärt. Parallel dazu muss man sich bei einer Einrichtung seiner Wahl bewerben. Ich habe vorher noch einen Probearbeitstag gemacht, um mich zu vergewissern, dass die Einrichtung die richtige für mich ist. Voraussetzungen gab es nur eine: ein polizeiliches Führungszeugnis.

Zwischen Herausforderung und Erfolgserlebnissen

Ein Porträt-Foto von David Löw.

David Löw

Die Lebenshilfe in Regensburg fördert das Wohl geistig behinderter Menschen und setzt sich dafür ein, dass jeder so selbstständig wie möglich leben kann. Deshalb gibt es die Werkstätten, in denen Menschen mit Behinderungen am Arbeitsleben teilnehmen können. Ich habe diese Menschen während ihrer Arbeit betreut, habe ihnen die Aufgaben zugeteilt und erklärt. Auch beim Strukturieren der Arbeiten konnte ich helfen.

Eine weitere Aufgabe war die Pflege. Pflegetätigkeiten gehörten zwar anfangs nicht zu meinem Aufgabenbereich, aber da Personal ausfiel und ich gefragt wurde, ob ich mir vorstellen kann, dort mitzuhelfen, habe ich natürlich ja gesagt. Bisher hatte ich nur Kinder gepflegt, bei Erwachsenen ist das etwas anderes. Es war zuerst eine kleine Hürde, aber ich habe schnell festgestellt, dass die Klienten ihr Leben lang schon daran gewöhnt sind. Für sie ist das also gar nicht unangenehm – nur ich war anfangs unsicher. Mit der Zeit verflogen aber die Berührungsängste.

Generell ist das Verhältnis von Nähe und Distanz im sozialen Bereich ein schwieriges Thema. Es ist sehr wichtig, früh zu lernen, das Arbeits- vom Privatleben zu trennen. Man darf das alles nicht zu nah an sich ran lassen. Auch Mitleid ist fehl am Platz. Ganz im Gegenteil, Ich finde es großartig und beeindruckend, wie viele Menschen ihr Leben mit Behinderung hervorragend meistern. Viele, die ich kennenlernen durfte, leben in einer eigenen Wohnung und bewältigen ihren Alltag nahezu selbstständig.

Wegweisend für die Zukunft

Mein FSJ hat mir viel gebracht: Ich habe mich weiterentwickelt und Erfahrungen gemacht, die ich in der Schule oder in einem anderen Kontext nicht gemacht hätte. Vor allem habe ich gelernt, mit Anforderungen umzugehen, mit denen ich vorher nicht gerechnet habe. Enorm wichtig war es beispielsweise, Geduld zu haben. Die Menschen mit geistiger Beeinträchtigung brauchen für vieles sehr viel länger. Auch die Kommunikation ist anders. Die Herausforderung besteht darin, die Menschen nicht auf mögliche Schwächen zu reduzieren, sondern herauszufinden, wo ihre Ressourcen, Stärken und Talente liegen. Der Paritätische Wohlfahrtsverband hat mich bei diesen Herausforderungen pädagogisch begleitet und mir viele Hilfestellungen angeboten. Zudem gibt es die Seminartage während des FSJ; dort kann man sich mit anderen Freiwilligen austauschen und wächst vor allem sehr schnell zusammen.

Ich kann nur jeden Mann ermutigen, sich individuell nach seinen Fähigkeiten, Talenten und Begabungen zu orientieren. Und wenn diese Talente im sozialen Bereich liegen, sich das dann zu trauen und nicht auf irgendwelche Klischees oder Vorurteile zu hören. Ich erlebe es so, dass Männer im sozialen Bereich sehr gefragt sind – auch als Vorbilder für Kinder.

Mittlerweile studiere ich im fünften Semester Soziale Arbeit mit vertiefter Praxis an der Ostbayerischen Technischen Hochschule in Regensburg. Mein FSJ hat mich zu 100 Prozent in meiner Studienwahl bestärkt. Nebenbei arbeite ich noch immer in der Lebenshilfe in Lappersdorf. Eventuell häng ich nach meinem Bachelorabschluss noch einen Master dran, aber wenn, dann nur berufsbegleitend.

Video

Weitere Filme findest du auf der abi» Videoübersicht.

abi» 03.03.2020

Diesen Artikel teilen