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Freiwilliges Wissenschaftliches Jahr (FWJ) in der Urologie

„Bei OP-Szenen im Film habe ich früher immer weggeschaut“

Paula Aust studiert im dritten Semester Humanmedizin an der Universität Münster. Richtig Lust darauf hat sie während eines FWJ bekommen, das sie an der Universitätsklinik für Urologie in Oldenburg absolviert hat. Die 20-Jährige hat an einer Studie in Zusammenhang mit Prostatakrebs mitgearbeitet und stand im OP auch mal in der ersten Reihe.

Drei Ärzt*innen in blauer Kleidung stehen um einen OP-Tisch und führen einen Eingriff durch.

Während ihres FWJ war Paula Aust bei vielen Operationen hautnah dabei - und durfte sogar mitmachen.

„Für ein Medizinstudium habe ich mich schon länger interessiert, aber ich wollte erst einmal einen Einblick in den Alltag in einer Klinik bekommen, bevor ich mich entscheide“, berichtet Paula Aust. Eine Freundin hatte ihr von der Möglichkeit erzählt, nach dem Abitur ein Freiwilliges Wissenschaftliches Jahr zu machen. Nach eigehender Recherche im Internet hat sie sich bei der Medizinischen Hochschule Hannover und an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg beworben. Von dort kam schließlich die Einladung zum Vorstellungsgespräch – und anschließend eine Zusage. Von September 2018 bis Mai 2019 absolvierte die 20-Jährige dann ein FWJ an der Universitätsklinik für Urologie.

Sich selbst etwas zutrauen

„Für das FWJ waren verschiedene Stellen ausgeschrieben auf die man sich einzeln bewerben konnte. Wenn einen viele Bereiche interessieren, ist es auch möglich, mehrere Bewerbungen anzufertigen und nach seinen Präferenzen zu sortieren“, erzählt Paula Aust. „Für das Fach Medizin gab es zwei Stellenausschreibungen: In der Allerologie (Fachrichtung der Medizin, die sich mit Allergien beschäftigt, Anmerkung der Redaktion) und in der Urologie (Fachrichtung der Medizin, die sich mit Krankheiten der Harnwege beider Geschlechter und der Geschlechtsorgane des Mannes beschäftigt, Anmerkung der Redaktion). Die Stelle an der Universitätsklinik für Urologie hat sich total spannend angehört, weil ich hier die Möglichkeit haben sollte, bei Operationen anwesend zu sein.“

Im Bewerbungsgespräch wurde sie gefragt, ob sie es sich zutraute, bei einer Operation zuzusehen. Ihre Antwort: Ja, natürlich! „Dabei habe ich früher bei OP-Szenen im Film immer weggeschaut“, lacht die Medizinstudentin. „In dem Moment habe ich mir einfach gedacht: ‚Ich schaffe das!‘ Ich finde, man muss sich selbst etwas zutrauen und den Sprung ins kalte Wasser wagen.“

Verantwortungsvolle Aufgabe mit guter Vorbereitung

Ein Portät-Foto von Paula Aust.

Paula Aust

Ihr Plan ging auf: „Ich wurde sehr gut in meine Aufgaben eingearbeitet, sodass ich von Beginn an wusste, was ich tun sollte und nicht überfordert war.“ Für eine Studie über einen medizinischen Eingriff, der sich Radikale Prostatektomie und Lymphadenektomie (operative Entfernung von Prostata und Lymphknoten die von bösartigen Krebsgeschwüren befallen sind, Anmerkung der Redaktion) nennt, dokumentierte Paula Aust von wo die Präparate entfernt wurden und verwaltete die Daten in einer Excel-Tabelle. Außerdem verpackte sie das Gewebe für die Untersuchung in der Pathologie (Untersuchung von Gewebe-, Zell- und Organproben im Labor, Anmerkung der Redaktion).

„Bei der Entfernung der Lymphknoten im Operationssaal war ich anwesend. Die ersten Male wurde ich von meinem Ansprechpartner, einem leitenden Oberarzt, begleitet, der mir alles genau gezeigt hat und dem ich jederzeit Fragen stellen konnte“, erzählt die 20-Jährige. „Zunächst war mir dann tatsächlich etwas flau im Magen, aber ich habe mich sehr schnell daran gewöhnt“, berichtet sie. „Es läuft auch nicht so ab, wie ich es in Filmen immer gesehen habe: Die meisten Operationen sind geplante Eingriffe – und keine dramatischen Notfälle, wie es in Arztserien dargestellt wird. Deshalb reden die Ärzt*innen nebenbei auch mal über den letzten Urlaub. Außerdem haben sie sich oft Zeit genommen um das Vorgehen genau zu erklären.“
Während des FWJ habe sie sich bemüht so viele Bereiche wie möglich kennen zu lernen indem sie die Initiative ergriffen und einfach gefragt hat. Einen Tag durfte sie dann beispielsweise bei einer Operation dabei sein, bei der eine Niere entfernt wurde – sie stand sogar steril angezogen direkt in der ersten Reihe am OP-Tisch und hat den Haken gehalten, der die Wunde offen hält. Auch in der Radiologie durfte sie einen Tag verbringen, an einem anderen ist sie mit Anästhesisten (Ärzt*innen, die Patient*innen während der Narkose begleiten, Anmerkung der Redaktion) herumgegangen.

Der erste Schritt Richtung Selbstständigkeit

Für ihr FWJ ist Paula Aust von zuhause aus- und in eine WG eingezogen. „Das FWJ war eine gute Chance, neue Leute kennen zu lernen, viele neue Erfahrungen zu sammeln und selbstständiger zu werden – und gleichzeitig Unterstützung zu erhalten.“ Neben einer monatlichen Vergütung von 400 Euro gab es eine Reihe von begleitenden Angeboten: „Zum Studententarif durften wir FWJler am Hochschulsport teilnehmen oder Sprachkurse besuchen. Außerdem gab es monatliche Seminartage mit der FWJ-Koordinatorin der Hochschule zu Themen wie „gute klinische Praxis“ oder „Ethik in der Wissenschaft“. Dreimal in meinem FWJ habe ich auch an mehrtägigen Seminarfahrten teilgenommen.“

Das FWJ an der Universitätsklinik für Urologie hat bei der 20-Jährigen große Begeisterung für das Fach Medizin geweckt, sodass sie sich in ihrer Studienwahl bestärkt fühlte. „Ich habe mich bereits während des Freiwilligen Jahres für Humanmedizin beworben und den Studienplatz sogar schon erhalten. Das Gute war, dass ich mir den Platz bis zu zwei Semestern aufheben konnte, weil ich eben noch im Freiwilligen Jahr war“, erzählt die Studentin. Den Studienplatz trat sie schließlich im Wintersemester 2019/20 an. Obwohl sie in ihrem Studium viele theoretische Inhalte lernen muss, hat sie durch das FWJ einen praktischen Bezug: „Ich weiß, wofür ich lerne.“

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abi» 16.09.2020

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