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Jobben im Inland

Die kleine Unabhängigkeit

Das Abitur endlich in der Tasche – und dann? Wer nach der Schule für ein paar Wochen oder Monate jobben geht, kann sich nicht nur ein finanzielles Polster schaffen, sondern eventuell auch seinen Berufswunsch überprüfen und unabhängiger werden.

Foto von einem Kellner.

Kellnern ist ein beliebter Nebenjob für junge Menschen, auch zwischen Schule und Studien- oder Ausbildungsbeginn.

Die Nürnbergerin Andrea Ungvari (25) hatte einen Traum: Zwischen Schule und Studium wollte sie für ein Work & Travel nach Australien reisen. Da die Kosten für ein solches Abenteuer hoch sind, entschied sie sich, zunächst für ein paar Monate zu jobben.

Nach ihrem Abitur im Juni 2015 arbeitete sie 20 Stunden wöchentlich in einer Filiale der Modeschmuckkette Accessorize in der Nürnberger Innenstadt. Dort übernahm sie alle anfallenden Aufgaben. Je nachdem, ob sie in der Frühschicht oder Spätschicht eingesetzt wurde, sperrte sie den Laden auf, bereitete die Kassen vor, füllte Ware auf, prüfte neue Lieferungen und sortierte diese ein. „Natürlich habe ich auch viel mit den Kunden gesprochen und diese beraten.“ Abends musste sie die Kassenabrechnung machen und den Laden putzen. Nach drei Monaten hatte sie genug Geld zusammen und brach zu einem viermonatigen Work & Travel nach Australien auf.

Mindestlohn für Aushilfskräfte

Foto von Andrea Ungvari

Andrea Ungvari

Als Aushilfskraft erhielt Andrea Ungvari den gesetzlich vorgeschriebenen Mindestlohn von 8,50 Euro (Stand: 2015). Da sie mehr als 450 Euro im Monat verdiente, galt ihre Beschäftigung nicht mehr als Minijob, weshalb sie Sozialabgaben zahlen musste (Kranken-, Renten-, Pflege-, Sozial-, Arbeitslosenversicherung).

Egal, ob sich Abiturientinnen und Abiturienten für einen Minijob, eine Teilzeitstelle oder sogar eine Vollzeitstelle entscheiden: „Wer über 18 Jahre alt ist und nach dem Abitur arbeiten geht, bekommt mindestens den Mindestlohn“, betont Katrin Ballach, Berufsberaterin bei der Agentur für Arbeit Stendal. Seit dem 1. Januar 2020 liegt die gesetzliche Lohnuntergrenze bei 9,35 Euro.

Nach ihrer Rückkehr aus Australien begann Andrea Ungvari erneut zu jobben, um die Zeit bis zum Studienbeginn im Herbst 2016 zu überbrücken. Sie entschied sich für eine Teilzeitstelle in der Gastronomie. 30 Stunden wöchentlich arbeitete sie in einem Kaufhaus-Café in Nürnberg. Neben den allgemeinen Aufgaben wie Speisen und Getränke vorbereiten, Gäste bedienen, Tische reinigen und die Terrasse abends aufräumen, übernahm die 25-Jährige auch verantwortungsvollere Aufgaben. Sie arbeitete neue Aushilfen ein und kümmerte sich um Getränke- sowie Lebensmittelbestellungen. Für diese Tätigkeit erhielt sie 2016 bereits 9,50 Euro. „Hinzu kam das Trinkgeld, weshalb sich die Arbeit in der Gastronomie wirklich lohnt“, resümiert sie.

Viele Abiturienten sammeln ihre erste Arbeitserfahrung in der Gastronomie, doch nicht jeder eignet sich für diesen Job, der körperlich anspruchsvoll ist und eine starke Kundenorientierung verlangt. Berufsberaterin Katrin Ballach empfiehlt, sich umfassend zu informieren, denn die Einsatzmöglichkeiten für Aushilfsjobber sind vielfältig: „Grundsätzlich sollte man sich im Klaren darüber sein, dass es sich meist um Anlerntätigkeiten handelt, die ohne besondere Qualifikation ausgeübt werden“, betont sie. „Wer zu Hause wohnen bleibt, kann im Handel oder in der Industrie arbeiten oder als Pizzafahrer sein Geld verdienen.“

Wer ein bisschen mehr von Deutschland kennenlernen und reisen will, kann im Tourismus arbeiten, etwa als Animateur oder als Aushilfe auf einem Campingplatz. In der Weinlese oder Apfelernte werden auch jedes Jahr Erntehelfer gesucht. „Und wer sich die Arbeit als Promoter vorstellen kann, wird von den Organisationen teilweise auch deutschlandweit eingesetzt.“

Online und offline

Die Wege zum (Mini-)Job sind vielfältig. „Einige Portale, zum Beispiel die Haushaltsjobbörse oder gelegenheitsjobs.de, haben sich auf die Vermittlung von Minijobs spezialisiert“, sagt Katrin Ballach. „Es gibt noch immer so etwas wie ein schwarzes Brett.“ Ebenso könne man sich im Bekanntenkreis umhören und Firmen initiativ ansprechen. Sie hat noch einen weiteren Tipp: „Über die Jobsuche der Arbeitsagentur kann man Firmen suchen, die Ausbildungsplätze anbieten. Bei diesen könnte man anfragen, ob sie auch Mitarbeiter für Ferien- oder Aushilfsjobs suchen.“

Andrea Ungvari, die mittlerweile Ressortjournalismus an der Hochschule Ansbach studiert, wurde auf ihre damalige Stelle im Café über die Facebook-Gruppe „Nebenjobs in Nürnberg“ aufmerksam. Ihren Arbeitgeber im Einzelhandel fand sie, als sie sich mit ihrem ausgedruckten Lebenslauf initiativ in einigen Geschäften in der Nürnberger Fußgängerzone persönlich vorstellte.

Erfahrungen fürs Leben

Sowohl die Arbeit im Einzelhandel als auch in der Gastronomie hat ihre Vor- und Nachteile, findet die 25-Jährige. „In der Gastronomie ist der Verdienst recht gut, aber die Arbeit ist körperlich recht anstrengend. Die Arbeit im Verkauf ist deutlich entspannter, gerade wenn wenige Kunden im Laden sind, fällt wenig Arbeit an.“ Ihr Herz schlug letztendlich mehr für die Gastronomie und so finanzierte sie sich durch Kellnern zum Teil ihr Studium, das sie nun mit dem Bachelor abschließt. Neben dem Verdienst und einer gewissen finanziellen Unabhängigkeit hat Andrea Ungvari in ihren Jobs viel fürs Leben gelernt: „Früher war ich recht schüchtern.“ Durch ihre Arbeit im Service kann sie heute selbstbewusst und freundlich auf Menschen zugehen, selbst in stressigen Situationen. „Außerdem konnte ich den Umgang mit Vorgesetzten und Kollegen üben.“

Die Berufsberaterin Katrin Ballach bestätigt: „Das erste selbstverdiente Geld gibt Selbstbewusstsein. Es ist ein gutes Gefühl, zum ersten Mal zu sehen, dass man für seine Leistung entlohnt wird.“ Außerdem sei es gut, einfach mal einen Arbeitsalltag kennenzulernen. „Man sieht, wie schwer es sein kann, sein Geld zu verdienen und dass auch unliebsame Tätigkeiten gemacht werden müssen.“ Darüber hinaus könne man mit dem passenden Job seinen eigenen Berufswunsch zumindest branchenmäßig überprüfen.

Weitere Informationen

JOBSUCHE der Bundesagentur für Arbeit

arbeitsagentur.de/jobsuche

Gelegenheitsjobs.de

Jobbörse für Nebenjobs und Minijobs

gelegenheitsjobs.de

WWOOF-Deutschland

Arbeiten auf ökologischen Bauernhöfen im In- und Ausland

wwoof.de

abi» 13.04.2020

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