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„Wir müssen Verantwortung übernehmen“

UN-Jugenddelegierte halten eine Rede.
Josephine und Nikolas setzen sich als Jugenddelegierte der UN für die Interessen von Jugendlichen in Deutschland ein.
Foto: privat

Jugenddelegierte der Vereinten Nationen

„Wir müssen Verantwortung übernehmen“

Nikolas Karanikolas (21) und Josephine Hebling (19) sind die deutschen Jugenddelegierten für die Vereinten Nationen in New York. Wie sie das wurden, wieso sie hierfür unter anderem in Jugendhaftanstalten waren und warum Nikolas aus dem Sicherheitsrat flog – das erzählen sie im Interview.

abi» Josephine, Nikolas, ihr habt in den vergangenen zehn Monaten eine spannende Aufgabe übernommen: Als Jugenddelegierte für die Vereinten Nationen (UN) durftet ihr die Wünsche und Forderungen der deutschen Jugend vor der Weltgemeinschaft vortragen. Woher rührte der Wunsch, dieses Amt zu übernehmen?

Nikolas Karanikolas: Ich bin bereits seit langem politisch interessiert und engagiert. Ich finde, dass junge Menschen schon eine gewisse Verantwortung übernehmen können. Man darf sich nicht zurücklehnen und die anderen machen lassen und gegebenenfalls über deren Entscheidungen jammern, sondern muss sich engagieren, wenn man etwas verändern will. Noch als Schüler habe ich Childhood for Children gegründet, einen Hilfsverein für medizinische Prävention und Aufklärung für Kinder und Jugendliche in Afrika. So habe ich das erste Mal erlebt, dass ich mit meinem persönlichen Einsatz einen Unterschied machen kann. Die Bewerbung um das Amt des Jugenddelegierten war quasi der nächste logische Schritt.

Josephine Hebling: Ich hatte früher oft den Eindruck, dass man als junger Mensch nicht nach seiner Meinung gefragt wird. Es wird erwartet, dass man mit der Entscheidung lebt, die die Erwachsenen getroffen haben. Ich finde: Unsere Stimmen muss ernst genommen werden. Das Recht auf Beteiligung steht schließlich schon in den Kinderrechten, aber es wird bei weitem noch nicht hinreichend gelebt. Als UN-Jugenddelegierte kann ich mich dafür einsetzen, dass sich das ändert.

abi» Das Amt der Jugenddelegierten wird jedes Jahr neu ausgeschrieben und richtet sich an junge Leute zwischen 18 und 25. Wie habt ihr euch gegen die Konkurrenz durchgesetzt?

Nikolas Karanikolas: Es gab ein dreistufiges Auswahlverfahren, um unter den insgesamt 80 Bewerbern die beiden Kandidaten auszuwählen, die Deutschland vertreten dürfen. Zunächst musste jeder einen Aufsatz auf Englisch schreiben und erklären, warum man Jugenddelegierter werden möchte. Daraufhin folgte ein zwanzigminütiges Telefoninterview und wer dort überzeugte, wurde zu einem zweitägigen Assessment-Center nach Berlin eingeladen. Ich hatte mich übrigens schon im Jahr zuvor beworben – und bin damals nicht über die erste Runde hinaus gekommen. Dass ich es im zweiten Anlauf geschafft habe, zeigt, dass man nicht zu früh aufgeben darf.

abi» Was habt ihr nach dem Assessment-Center gedacht?

Josephine Hebling: Ich war zufrieden mit meiner Leistung und hatte ein gutes Bauchgefühl. Und was mindestens genauso wichtig war: Ich wusste, dass ich gerne Nikolas an meiner Seite haben würde, denn wir haben gut miteinander harmoniert. Das ist wichtig, wenn man ein Jahr lang Seite an Seite arbeiten und auf den Reisen in einem Zimmer übernachten soll. Die Jury hat alle Bewerber nach ihren Wunschpartnern gefragt und später habe ich erfahren, dass Nikolas auch mich ausgewählt hatte.

Nikolas Karanikolas: Ich war unglaublich nervös. Ich weiß noch, wie ich am Hauptbahnhof in Berlin auf meinen Zug zurück nach Hause gewartet habe und die ganze Zeit auf und abgelaufen bin. Dort habe ich auch den amtierenden Jugenddelegierten getroffen, der in der Jury saß und demnach wusste, ob ich sein Nachfolger werden würde oder nicht.

abi» Das heißt, du hast es direkt erfahren?

Nikolas Karanikolas: Nein! Er hat gemeinerweise nichts verraten (lacht).

abi» Nach eurer Wahl wart ihr sechs Monate lang auf Deutschlandtour, um die Wünsche der Jugendlichen einzusammeln. Wie habt ihr diese Treffen erlebt?

Josephine Hebling: Wir hatten uns vorgenommen so viele Jugendliche zu treffen wie möglich – und uns war wichtig, dass sie so unterschiedlich sind wie es nur geht. Insgesamt waren wir an 36 verschiedenen Orten –  von Norden bis Süden, von Rügen bis Rastatt.

Nikolas Karanikolas: Wir haben Gymnasien und Hauptschulen besucht, Sportvereine, Jugendparteien, SOS-Kinderdörfer und Flüchtlingsheime. Alle, die wir getroffen haben, waren sehr stolz darauf, dass ihre Meinung gehört wird. Sie fühlten sich ernst genommen. Das war ein schönes Gefühl.

Josephine Hebling: Es war uns wichtig, dass wir auch Jugendliche erreichen, die sonst nicht gehört werden. Deshalb waren wir zum Beispiel in Jugendhaftanstalten. Wir wussten immer, dass wir die richtige Gruppe ansprachen, wenn die Teilnehmer nicht wussten, was die Vereinten Nationen sind. In Workshops haben wir die Jugendlichen dann aufgeklärt: Was ist die Aufgabe der UN? Wer arbeitet dort? Wie können die einzelnen Länder ihre Ansichten einbringen?

abi» Was wünschen sich die jungen Leute, die ihr getroffen habt?

Nikolas Karanikolas: Die eine Forderung gab es nicht – das Spektrum der Wünsche und Hoffnungen ist unglaublich breit. Von Themen wie Gleichberechtigung und Diskriminierung von Frauen, über ein inklusives, gerechteres Bildungssystem bis hin zur Forderung, dass die internationale Gemeinschaft mehr Verantwortung übernimmt, wenn es darum geht, Armut zu beseitigen oder Kriege zu verhindern, war alles dabei. Am Ende hatten wir 3000 Forderungen gesammelt.

Josephine Hebling: Was uns aufgefallen ist: Das Thema Umwelt brennt der Jugend unter den Nägeln. Sie haben Angst und sind wütend und erhoffen sich von der Politik mehr Aktionismus. Könnten die Jugendlichen, die wir getroffen haben, entscheiden, hätten wir schon eine hohe CO2-Steuer, der öffentliche Personennahverkehr würde ausgebaut, Inlandsflüge würden verboten.

Nikolas Karanikolas: Interessant war auch die Forderung nach einer Jugend-Quote. Unsere Teilnehmer wünschen sich, dass Jugendliche in der Politik und in den Gremien stärker vertreten sind.

abi» Mit den Forderungen der jungen Leute seid ihr dann nach New York geflogen …

Josephine Hebling: Genau. Dort haben wir uns während der UN-Generalversammlung mit der deutschen Delegation über das, was wir gehört und erfahren haben, ausgetauscht und im Anschluss daran an der Ausarbeitung der Position der Bundesrepublik hinsichtlich der Jugendresolution mitgewirkt. Wir hatten rund 50 Zusätze formuliert, von denen es am Ende 15 in den Entwurf geschafft haben.

Nikolas Karanikolas:  Ins finale Dokument, das von allen Mitgliedsstaaten im sogenannten 3. Ausschuss der Generalversammlung (der sich mit sozialen, humanitären und kulturellen Angelegenheiten beschäftigt, darunter auch Jugendfragen) gemeinsam verfasst wurde, haben die Forderungen es dann allerdings nicht geschafft.

abi» Hat euch das geärgert?

Nikolas Karanikolas:  Wir wussten, dass es sehr schwierig werden wird, enttäuscht waren wir nicht. Wir sehen es eher als Erfolg, da die Themen durch die Diskussion in den Fokus gerutscht sind. Das trägt dazu bei, die Standards, die es in den meisten Ländern gibt, nicht zu verlieren.
Josephine Hebling: Es gibt leider immer noch Länder auf dieser Welt, die manches, was für uns selbstverständlich ist, nicht anerkennen. Etwa die Gleichberechtigung der Frau.

Nikolas Karanikolas:  Außerdem hatten wir noch eine Art Trick, um unseren Forderungen mehr Aufmerksamkeit zu verleihen: Ich hatte mir vor der Abreise T-Shirts bedrucken lassen, auf denen Sätze wie „Stop sexism“ und „Stoppt Waffenlieferungen in Krisengebiete“ standen. Mit dem letzten bin ich sogar aus dem Sicherheitsrat geworfen worden – für uns ein riesiger Erfolg, denn so stand das Thema natürlich sehr im Fokus.

abi» Josephine, du durftest stellvertretend für alle dreißig Jugenddelegierte eine Rede vor dem UN-Generalsekretär halten. Was war das für ein Gefühl?

Josephine Hebling: Wir hatten beschlossen, dass das Los darüber entscheidet, wer von den 30 Jugenddelegierten die Rede, die wir alle gemeinsam geschrieben haben, hält. Ich habe die große Ehre gehabt – eine Ehre, die aber gleichzeitig auch eine riesige Bürde war, denn nie zuvor waren die Augen von Vertretern aus 193 Ländern auf mich gerichtet. Mein Herz schlug bis zum Hals und ich habe so gezittert – aber es war eine gute Aufregung und am Ende dachte ich: Wie? Das war’s schon? Ich will noch länger reden!

abi» Wie habt ihr euch durch eure Amtszeit verändert?

Nikolas Karanikolas:  Bevor ich UN-Jugenddelegierter wurde, konnte ich mir gut vorstellen, mich um ein politisches Mandat zu bewerben. Ich habe mit einer Landtagskandidatur geliebäugelt. Nach der Erfahrung der letzten Monate sehe ich das anders. Unsere Aufgabe ist wahnsinnig spannend, wir haben tolle Menschen getroffen – aber ich habe auch gemerkt, wie zeit- und kraftraubend so eine Tätigkeit ist und dass man einen langen Atem haben muss, um seine Vorstellungen durchzusetzen. Meine sozialen Kontakte haben sich stark reduziert, weil ich einfach kaum Zeit hatte. Das kann ich mir für eine berufliche Zukunft nicht vorstellen.

Josephine Hebling: Ich finde das Thema Internationale Beziehungen unheimlich spannend und kann mir gut vorstellen, eines Tages für die UN oder das Auswärtige Amt zu arbeiten. Aber ich stimme Nikolas zu: Es ist eine schwierige und zeitaufwendige Arbeit und fast alle, die wir in New York getroffen haben, sind chronisch überlastet.

Jugenddelegierte bei den Vereinten Nationen

Partizipation der Jugendlichen

Wenn es um Jugendfragen geht, lässt sich die deutsche Delegation zur Generalversammlung der Vereinten Nationen (englisch United Nations – UN) von Jugenddelegierten begleiten. Dadurch soll die Partizipation der Jugendlichen bei den UN stärker etabliert werden, heißt es auf der Internetseite des Jugendreferats der Deutschen Gesellschaft für die Vereinten Nationen.

Josephine Hebling wurde 2000 in Freiburg geboren und studiert in Mannheim Politikwissenschaften und Anglistik. Nikolas Karanikolas, geboren 1998 in Karlsruhe, studiert Politik, Wirtschaft und Philosophie auf Lehramt in Frankfurt.
Die beiden UN-Jugenddelegierten durften am Ende ihres ersten New-York-Aufenthalts eine fünfminütige Rede vor der UN-Generalversammlung halten, in der sie die Forderungen, Wünsche und Hoffnungen der deutschen Jugendlichen noch einmal zusammenfassen – sie ist im Internet abrufbar.

abi>> 31.01.2020