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Abitur nachholen

Eine neue Chance für die Hochschulreife

Manch einer macht aus persönlichen Gründen zunächst kein Abitur und bereut es später. Der sogenannte „Zweite Bildungsweg“ ermöglicht mit verschiedenen Optionen, die allgemeine Hochschulreife doch noch zu erlangen. abi» gibt einen Überblick.

Schultafel mit Aufschrift Abitur

An Abendgymnasien oder Kollegs kannst du dein Abitur auf dem sogenannten Zweiten Bildungsweg nachholen.

Nachdem Omar Othman (23) die Realschule erfolgreich abgeschlossen hatte, begann er eine Ausbildung zum Elektroniker für Energie- und Gebäudetechnik. Doch schon im zweiten Ausbildungsjahr geriet er ins Grübeln. Seinen Bildungsweg sah er mit der erfolgreich abgeschlossenen Ausbildung noch nicht beendet. „So beschloss ich, mein Abitur nachzuholen, um mich weiterzubilden und zu entwickeln.“

Nach dem Abschluss der Ausbildung zog er nach Cottbus und erkundigte sich bei der dortigen Agentur für Arbeit nach den Möglichkeiten. „Ich erfuhr von der Schule des Zweiten Bildungsweges Cottbus. Dort machte man mir den Vorschlag, den Vorkurs zu besuchen, um die Zeit bis zum nächsten Schuljahresbeginn zu überbrücken.“

Das Abitur trotz Nebenjob bewältigen

Ein Porträt-Foto von Omar Othmann.

Omar Othmann

Anfangs hatte der 23-Jährige Zweifel, da ihm nur wenige finanzielle Mittel zur Verfügung standen. So entschied er sich, elternunabhängiges BAföG zu beantragen, und wird derzeit mit rund 622 Euro monatlich gefördert. „Das Gute daran ist, dass man Schüler-BAföG nicht zurückzahlen muss. Nebenbei habe ich einen Mini-Job in der Personenbeförderung“, erklärt er.

Omar Othman hat sich für den Tageskurs an der Schule des Zweiten Bildungsweges entschieden, an der ebenso ein Abendkurs oder das Abitur online angeboten werden. „Zu Beginn der elften Klasse sucht man sich seine Fächer aus, wobei Mathe, Englisch und Deutsch Pflichtfächer sind. In der zwölften Klasse kommen die Leistungskurse dazu.“ In seinem Fall sind das Deutsch und Geschichte.

Inzwischen hat Omar Othman bereits die dreizehnte Klasse erreicht und kommt mit dem Lernpensum bestens klar. „Solange man nicht erst zwei Tage vorher anfängt zu lernen, ist jede Klausur zu schaffen. Die ersten zwei Monate waren eine kleine Herausforderung für mich, da ich mich wieder daran gewöhnen musste, aktiv zu lernen. Aber ich habe schnell reingefunden und man gewöhnt sich wieder an die Schule. Auch wenn man einen Nebenjob hat, kann man das Abitur bewältigen. Dabei spielt das Zeitmanagement eine wichtige Rolle“, lautet seine Erfahrung.

Pläne für die Zeit nach dem Abschluss hat er auch schon: „Ich möchte gern Lehramt studieren, um später an einer Berufsschule Elektrotechnik und Sport zu unterrichten.“

Kolleg und Abendgymnasium

Ein Porträt-Foto von Dr. Angela Hoffmann.

Dr. Angela Hoffmann

Es gibt verschiedene Wege, die allgemeine Hochschulreife – also das Abitur – über den Zweiten Bildungsweg zu erlangen. „Die allgemeine Hochschulreife kann entweder im vollzeitschulischen Bildungsgang – dem Kolleg – oder dem teilzeitschulischen Bildungsgang – dem Abendgymnasium – erworben werden. In einigen Bundesländern wird der abendgymnasiale Bildungsgang auch auf dem Weg des ‚Abitur online‘ angeboten“, erläutert Dr. Angela Hoffmann, Vorsitzende des Bundesrings der Abendgymnasien e.V. und Schulleiterin der Schule des Zweiten Bildungsweges „Heinrich von Kleist“ Potsdam.

Im Rahmen der Kultusministerkonferenz (KMK) haben die Länder grundlegende Vereinbarungen zur Gestaltung der Abendgymnasien und Kollegs getroffen, um die gegenseitige Anerkennung der Bildungswege und der Abschlüsse des Zweiten Bildungsweges zu sichern. Gleichzeitig orientieren sich die unterschiedlichen Bildungswege an den lebensgeschichtlichen Hintergründen der Interessenten. Beide Bildungsgänge dauern in der Regel drei und höchstens vier Jahre und gliedern sich in eine Einführungsphase und eine Qualifikationsphase. „Ich empfehle eine intensive Beratung in den Einrichtungen, damit der passende Bildungsbereich ausgewählt werden kann“, rät Angela Hoffmann.

Die Aufnahmebedingungen variieren je nach Bundesland und Einrichtung. Voraussetzung für den Besuch eines Abendgymnasiums oder Kollegs sind in der Regel der Hauptschul- oder Realschulabschluss, eine abgeschlossene Berufsausbildung oder eine mindestens zweijährige Berufstätigkeit. Bei der Anmeldung muss man mindestens das 19. Lebensjahr erreicht haben. Für das Abendgymnasium gilt außerdem: berufstätig mit Ausnahme der letzten drei Schulhalbjahre. Und für das Kolleg: nicht berufstätig während des Kollegbesuchs.

Abitur für „Nichtschüler“

Wer es sich zutraut und sich entsprechend vorbereitet, kann das Abitur auch über eine Nichtschüler- beziehungsweise Externen-Prüfung nachholen. „Hierfür gibt es bestimmte zertifizierte Institute“, erklärt Torsten Heil von der Kultusministerkonferenz.

Zur Nichtschüler-Prüfung wird zugelassen, wer in dem der Prüfung vorausgegangene Jahr weder Schüler einer gymnasialen Oberstufe einer öffentlichen oder privaten Schule, eines Abendgymnasiums oder Kollegs gewesen ist. Zudem müssen Externe nachweisen, dass sie sich angemessen auf die Prüfung vorbereitet haben. Darüber hinaus gilt: Wer die Abiturprüfung zweimal nicht bestanden hat, darf nicht zugelassen werden.

Und welche Fähigkeiten sollten Interessierte mitbringen? „Abgesehen von den grundlegenden Voraussetzungen auf jeden Fall Eigenmotivation und Durchhaltevermögen. Ansonsten sind Fleiß, hohe Belastbarkeit sowie Zielstrebigkeit und Einsatzbereitschaft hilfreich“, fasst Torsten Heil zusammen.

Kosten und Finanzierungsmöglichkeiten

Ein Porträt-Foto von Torsten Heil.

Torsten Heil

Die Kosten für die Vorbereitung auf die Nichtschüler-Prüfung an Instituten richten sich nach der Dauer des Lehrgangs und fallen unterschiedlich hoch aus. „Bei der Zentralstelle für den Fernunterricht (ZfU) beispielsweise ergibt eine entsprechende Suche bei Abiturlehrgängen mit einer Dauer von 30 bis 42 Monaten Kosten zwischen insgesamt 4.200 und 6.500 Euro“, zeigt Torsten Heil auf. „An staatlichen Abendgymnasien und Kollegs fallen keine Gebühren an, aber gegebenenfalls Kosten für Lernmaterialien.“ Je nach persönlichen Voraussetzungen gibt es Fördermöglichkeiten durch das Bundesausbildungsförderungsgesetz, kurz BAföG, oder andere Programme.

Für die Recherche gibt Torsten Heil Tipps: „Ich würde zunächst die entsprechenden Informationen auf der Internetseite des in meinem Bundesland zuständigen Kultus- oder Bildungsministeriums suchen. Dort sind weiterführende Hinweise gegeben – also zu Rahmenbedingungen, Anmeldebedingungen, Fristen, Kontaktpersonen. Ansonsten bieten sicherlich auch das jeweilige Abendgymnasium oder das Kolleg entsprechende Informationen an.“ Ausführliche Informationen zum Abitur auf dem Zweiten Bildungsweg gibt es außerdem beim Bundesring der Abendgymnasien beziehungsweise beim Bundesring der Kollegs.

Weitere Informationen

Kultusministerkonferenz

www.kmk.org

Bundesring der Abendgymnasien

www.abendgymnasien.com

Bundesrings für Kollegs

www.bundesring.de

Schulabschlüsse nachholen

www.bildungsserver.de

abi» 03.01.2020

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