Viele Wege führen ins Studium

IHK-Prüfung in der Meistersingerhalle in Nürnberg.
Die allgemeine Hochschulreife ist der direkte Weg an eine Universität. Doch auch andere Abschlüsse ermöglichen ein Studium.
Foto: Hans-Martin Issler

Mit welchem Abschluss kann ich wo studieren?

Viele Wege führen ins Studium

Abitur, Fachhochschulreife oder fachgebundene Hochschulreife: Wer eine sogenannte Hochschulzugangsberechtigung hat, darf auch studieren. Doch mit welchem Abschluss kann man eigentlich wo ins Studium starten? abi» gibt einen Überblick über die verschiedenen Möglichkeiten.

Auf dem Gymnasium gehörte Deutsch zu Carolin Fabischs Lieblingsfächern. Für die Abiturientin, die gerne schreibt und liest, stand daher fest: Sie möchte Literatur studieren. „Ich habe mich an mehreren Universitäten für verschiedene Studiengänge beworben“, berichtet die Studentin, die sich letztlich für das Fach Germanistik mit Nebenfach Literaturwissenschaft an der Universität Bielefeld entschieden hat. „Da Geisteswissenschaften an Fachhochschulen nicht angeboten werden, kam für mich nur eine Universität infrage“, merkt die 24-Jährige an.

Erste Einblicke in den Alltag an einer Universität erhielt Carolin Fabisch schon als Schülerin: „Für eine wissenschaftliche Arbeit habe ich an der Universität Paderborn recherchiert, außerdem besuchte ich in Bielefeld einen Tag der offenen Tür.“ Trotzdem war der Studienstart für die junge Frau gewöhnungsbedürftig: „Als Studentin muss man viel mehr selbst organisieren als in der Schule, man ist mehr auf sich allein gestellt“, erinnert sie sich an ihre Anfangszeit. „Es gibt außerdem nicht so strenge Abgabefristen wie in der Schule – man braucht Disziplin, um zum Beispiel Hausarbeiten nicht zu lange aufzuschieben.“ Für Carolin Fabisch sind das selbstständige Lernen und die selbstständige Wahl der Fächer aber genau das Richtige. Ihr gefällt es an der Universität so gut, dass sie an ihr Bachelorstudium ein Masterstudium der Medienwissenschaften angeschlossen hat.

Freie Wahl mit Abitur

Ein Porträt-Foto von Carolin Fabisch

Carolin Fabisch

Foto: privat

Wer wie Carolin Fabisch das Abitur – auch allgemeine Hochschulreife genannt – in der Tasche hat, dem stehen sämtliche Türen offen. Denn wer diese uneingeschränkte Studienberechtigung erworben hat, kann sich grundsätzlich aussuchen, ob ihn sein Weg zum Beispiel an eine Universität, Fachhochschule (FH), duale Hochschule oder Berufsakademie führt. Zu beachten sind jedoch die jeweiligen Zulassungsbeschränkungen wie hochschuleigene Auswahlverfahren oder ein Numerus clausus. Letzterer bedeutet, dass die Zahl der Studienplätze in einem Fach begrenzt ist. Die zur Verfügung stehenden Studienplätze werden der Zahl der eingegangenen Bewerbungen gegenübergestellt. Daraus ergibt sich, wenn die Nachfrage höher ist als das Angebot, der Numerus clausus (NC). Dieser kann variieren und bestimmt, ab wann es keine Plätze mehr gibt. Um einen Platz zu ergattern, müssen Bewerber einige von der Hochschule festgelegte Kriterien erfüllen, beispielsweise einen gewissen Abiturnotenschnitt.

Fachgebundene Hochschulreife

Ein weiterer Abschluss, der den Weg ins Studium ebnet, ist die fachgebundene Hochschulreife, die an Berufsoberschulen (BOS), in einigen Bundesländern auch an Fachoberschulen (FOS) oder Fachgymnasien erworben werden kann. Mit diesem Abschluss können an Fachhochschulen meist alle Fächer studiert werden, wobei hier die Bestimmungen je nach Bundesland variieren. („Studieren mit fachgebundener Hochschulreife“)

Darüber hinaus ist es möglich, an einer Universität zu studieren – im Gegensatz zur allgemeinen Hochschulreife allerdings nur solche Fächer, auf die der Schulabschluss inhaltlich im gewählten Schwerpunkt vorbereitet hat, etwa in Technik, Wirtschaft und Verwaltung, Gesundheit und Soziales oder Gestaltung. Wie das etwa in Baden-Württemberg aussehen kann, erläutert Birgit Dömkes, Beraterin für Akademische Berufe an der Agentur für Arbeit Heidelberg: „Hat jemand zum Beispiel die mittlere Reife und eine kaufmännische Ausbildung plus zwei Jahre BOS oder FOS mit Wirtschaftsschwerpunkt, kann er an der Uni unter anderem Betriebswirtschaft studieren – aber beispielsweise kein Ingenieurwesen.“ Um fachgebunden an einer Universität studieren zu können, ist es ratsam, sich vorab bei der gewünschten Universität über den angestrebten Studiengang und die erforderlichen Zugangsvoraussetzungen zu informieren.

Fachhochschulreife

Eine weitere Variante findet sich mit der Fachhochschulreife. Diese kann je nach Bundesland am Gymnasium, an der Gesamtschule, am Berufskolleg, an der Fach- oder Berufsoberschule, im Telekolleg, an der Abendschule oder via Fernunterricht erworben werden. Dieser Abschluss befähigt generell zu einem Studium an einer Fachhochschule bzw. einer Hochschule für angewandte Wissenschaften oder University of Applied Sciences, wie sich einige Fachhochschulen inzwischen nennen. („Studieren mit Fachhochschulreife“) In einigen Bundesländern können Bewerber darüber hinaus unter bestimmten Voraussetzungen auch an Universitäten zugelassen werden. („Schulsysteme der Bundesländer“)

Auch der Abschluss ist in den einzelnen Bundesländern unterschiedlich geregelt. So kann man in einigen Ländern den schulischen Teil der Fachhochschulreife nach dem erfolgreichen Abschluss der 11. bzw. 12. Klasse (im G9-Modell) erwerben. Der praktische Teil verlangt zusätzlich entweder eine anerkannte Berufsausbildung oder ein einjähriges Praktikum.

Mit Beruf zum Abi

Ein Porträt-Foto von Birgit Dömkes

Birgit Dömkes

Foto: privat

Auch wer keinen der genannten Schulabschlüsse vorzuweisen hat, aber gerne studieren möchte, kann sein Ziel erreichen. Seit 2017 besteht in einigen Bundesländern die Möglichkeit, ein sogenanntes Berufsabitur zu absolvieren. Hier können Auszubildende parallel zu einer (handwerklichen) Berufsausbildung die allgemeine Hochschulreife erwerben. (Erfahrungsbericht zum Berufsabitur) „Dieser Weg erfordert eine erhöhte Lernbereitschaft und viel Ausdauer. Viele Arbeitgeber sehen es als sehr positiv an, wenn sich ein Bewerber dieser Herausforderung gestellt hat“, sagt Birgit Dömkes. Auf welchem Weg jemand seinen Hochschul- oder Universitätsabschluss erreicht hat, ist laut der Beraterin zweitrangig.

Eine kompakte Übersicht über die verschiedenen Abschlüsse haben wir in einer Animation zusammengestellt. Für detaillierte Infos zum komplexen Thema Schulabschluss und Studium sowie den entsprechenden Besonderheiten je Bundesland, empfiehlt sich ein Blick auf die Seiten der Kultusministerien der Länder.

Weitere Informationen

berufsfeld-info.de

Infoportal der Bundesagentur für Arbeit mit einem Überblick und Reportagen zu verschiedenen Berufswelten.
berufsfeld-info.de

BERUFENET

Das Netzwerk für Berufe der Bundesagentur für Arbeit mit über 3.000 aktuellen Berufsbeschreibungen in Text und bild
www.berufenet.arbeitsagentur.de

studienwahl.de

Infoportal der Stiftung für Hochschulzulassung in Kooperation mit der Bundesagentur für Arbeit. Hier kannst du im „finder“ nach Studiengängen in ganz Deutschland suchen.
www.studienwahl.de

Hochschulkompass

Informationsangebot der Hochschulrektorenkonferenz über alle deutschen Hochschulen, deren Studienangebot und internationale Kooperationen
www.hochschulkompass.de

Hochschulrektorenkonferenz

www.hrk.de

Centrum für Hochschulentwicklung

www.che.de

Deutsches Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung GmbH

www.dzhw.eu

Stiftung für Hochschulzulassung

www.hochschulstart.de

Portal von CHE „Studieren ohne Abitur“

www.studieren-ohne-abitur.de

Informationsportal des Bundesministeriums für Bildung und Forschung und der Kultusministerkonferenz zum „Deutschen Qualifikationsrahmen“ (DQR)

www.dqr.de

 

Studieren mit Fachhochschulreife

Konsequent auf das Ziel hinarbeiten

Nach dem zweijährigen Besuch der Fachoberschule hat Katrin Arizanova (21) die Fachhochschulreife in der Tasche und studiert nun an einer Fachhochschule Betriebswirtschaftslehre (BWL).

Ab dem siebten Schuljahr belegte Katrin Arizanova an der Realschule den wirtschaftlichen Zweig. „Ich habe gemerkt, dass mir Wirtschaftsthemen Spaß machen. Ein Studium der Betriebswirtschaftslehre konnte ich mir daher gut vorstellen“, erinnert sie sich. Um dieses Ziel zu erreichen und ermutigt durch ihre Eltern meldete sich die heute 21-Jährige an der Fachoberschule in Wasserburg im Landkreis Rosenheim an. Dort wählte sie ebenfalls den Wirtschaftszweig. Zusammen mit den Mitschülern aus dem mathematischen und dem sozialen Zweig hatte sie Grundfächer wie Deutsch, Mathematik, Englisch, Geschichte und Ethik. Der Schwerpunkt des Unterrichts lag für Katrin Arizanova jedoch auf wirtschaftlichen Themen – von Betriebswirtschaft über Volkswirtschaft bis Wirtschaftsinformatik.

Theorie und Praxis im Wechsel

Ein Porträt-Foto von Katrin Arizanova

Katrin Arizanova

Foto: Alica Burlein

Das erste Jahr an der Fachoberschule setzte sich aus Theorie und Praxis zusammen. „Alle drei bis vier Wochen wechselten wir zwischen Blockunterricht und der Arbeit in einem Betrieb“, berichtet die heutige BWL-Studentin. Praktische Erfahrungen sammelte sie in einer Anwaltskanzlei und in der Kreisklinik ihrer Heimatstadt Ebersberg. „In der Kanzlei habe ich anfangs leichte Aufgaben übernommen: Ablage, Anschreiben vorbereiten, Diktate abtippen“, erzählt Katrin Arizanova. Nach und nach erweiterte sie ihren Aufgabenbereich, wurde in das Steuerprogramm der Kanzlei eingeführt, verschickte E-Mails an Mandanten und bearbeitete den Postein- und -ausgang.

In der Kreisklinik unterstützte die Fachoberschülerin im Einkauf, an der Information, im Archiv, im Lager, im Qualitätsmanagement und in der Geschäftsführung. „So habe ich einen guten Einblick in die Arbeitsprozesse einer Klinik bekommen“, sagt die Studentin, die mittlerweile im sechsten Semester studiert und im nächsten ihre Bachelorarbeit schreibt. Gerade hat sie ihr Praxissemester in einer Steuerberatungsgesellschaft absolviert, in der sie schon seit Studienbeginn als Werkstudentin tätig ist. „Dass ich nach der Fachoberschule schon Praxiserfahrung vorweisen konnte, hat mir bei der Bewerbung um eine Werkstudententätigkeit sehr geholfen“, betont Katrin Arizanova.

Leichterer Studieneinstieg dank Vorwissen

Auch die ersten Vorlesungen in Betriebswirtschaftslehre fielen ihr durch ihr wirtschaftliches Vorwissen aus der Fachoberschule und der Realschule leichter als manch einem Kommilitonen. Die Praxisnähe des Fachhochschulstudiums kommt ihr ebenfalls entgegen: „Deshalb reichte mir die Fachhochschulreife auch aus – ich wollte nicht an einer Universität studieren.“

Nach dem Bachelor möchte die BWL-Studentin gern ein Masterstudium aufnehmen – ob in Vollzeit oder berufsbegleitend ist noch offen. Allen, die ebenfalls ein Studium mit Fachhochschulreife anstreben, rät sie: „Nicht aufgeben! Es hilft, konsequent auf sein Ziel hinzuarbeiten.“ Außerdem sei es gut, früh zu wissen, wohin man beruflich möchte, denn so könne man sich gezielt auf den Weg machen.

 

Studieren mit fachgebundener Hochschulreife

In vielen Schritten an die Uni

Mit der fachgebundenen Hochschulreife an die Uni: Nach einer Ausbildung und dem Besuch eines Berufskollegs studiert Karina Böhme (28) nun Mediendesign und Germanistik auf Lehramt an der Universität Wuppertal.

Nach ihrem Realschulabschluss absolvierte Karina Böhme zunächst eine schulische Ausbildung zur gestaltungstechnischen Assistentin. Zwei Jahre lang lernte sie an der Berufsfachschule theoretische Grundlagen und schnupperte in Praxiseinheiten in das Berufsleben. Im Anschluss besuchte sie die Berufsfachschule ein weiteres Jahr, um die Fachhochschulreife zu erlangen, denn die praktische Arbeit in der Werbebranche war leider nicht so, wie sie sich vorgestellt hatte. „Daher schmiedete ich einen neuen Plan: Ich möchte Lehrerin werden, um andere angehende gestaltungstechnische Assistenten zu unterrichten“, erzählt die heute 28-Jährige.

Da ihr das mit Fachhochschulreife nicht möglich war, drückte Karina Böhme weiter die Schulbank und erwarb an einem Berufskolleg in neun Monaten die fachgebundene Hochschulreife. „Mit zwei Fremdsprachen hätte ich die allgemeine Hochschulreife erlangt. Aber mir reichte für meine gewählten Studienfächer Mediendesign und Germanistik an der Universität Wuppertal die fachgebundene Hochschulreife“, erklärt die Studentin.

Künstlerische Begabung unter Beweis stellen

Ein Porträt-Foto von Karina Böhme

Karina Böhme

Foto: privat

„Den Studienplatz zu bekommen, war kein Problem: Mediendesign ist an der Uni Wuppertal nicht mit einem Numerus clausus belegt. Und für Germanistik reichte mein Notendurchschnitt“, erinnert sich die junge Frau. Wie alle anderen angehenden Studierenden musste sie in einem Test jedoch ihre künstlerische Begabung nachweisen: Fotografieren und zeichnen war angesagt. Mit ihren Ergebnissen überzeugte sie und bald wird sie bereits ihr Bachelorstudium beenden. Im anschließenden Masterstudium setzt sie sich dann auch mit pädagogischen Inhalten auseinander, die für den Lehrberuf wichtig sind.

Welche Unterschiede sieht sie im Vergleich zu ihren Kommilitonen, die direkt nach der Schule mit der allgemeinen Hochschulreife ihr Studium aufgenommen haben? „Gut ist natürlich, dass mir meine Ausbildung teilweise auf die Studienleistung angerechnet wurde“, sagt Karina Böhme. „Ich arbeite auf ein Ziel hin – das manche meiner jüngeren Kommilitonen vielleicht noch nicht so konsequent im Blick haben.“ Apropos jung: Da Karina Böhme erst mit 24 Jahren ihr Studium begonnen hat, fand sie es schwer, mit dem sozialen Leben ihrer meist jüngeren Kommilitonen mitzuhalten. „Ich wohne allein und habe zwei Nebenjobs, um meinen Lebensunterhalt zu finanzieren. Da bleibt keine Zeit für Studentenpartys“, erklärt die Studentin, die als studentische Aushilfe in einer Werbeagentur arbeitet und Nachhilfe gibt.

Das Lernen für das Studium fällt ihr nicht schwer: „Ich habe immer gern gelernt und war durch meine Ausbildung und den Besuch des Berufskollegs nie ganz raus aus dem Lernrhythmus.“ Ihr Antrieb für die Mühe: „Ich möchte in meinem Beruf glücklich sein. Dafür habe ich die vielen Schritte gern in Kauf genommen.“

 

Studieren ohne Abitur - Hintergrund

Dank Berufserfahrung ins Studium

Wer kein Abitur oder einen anderen Abschluss mit Hochschulzugangsberechtigung hat, kann über den sogenannten „dritten Bildungsweg“ trotzdem studieren. Hierfür sind Berufserfahrung oder eine Aufstiegsfortbildung Voraussetzung.

Nach seinem Realschulabschluss hat Paul Flerlage im elterlichen Betrieb eine Ausbildung zum Maurer gemacht. Anschließend absolvierte er Weiterbildungen zum Maurermeister und zum geprüften Betriebswirt bei der Handwerkskammer – mit dem Ziel, später den Betrieb seines Vaters zu übernehmen. „Vorher wollte ich aber mein fachliches Wissen erweitern“, berichtet der 23-Jährige. „Ich bewarb mich daher an der Fachhochschule Münster für ein Bachelorstudium zum Bauingenieur mit Vertiefung Konstruktiver Ingenieurbau.“ Um einen der Studienplätze zu erhalten, musste Paul Flerlage seinen Meisterbrief einreichen und eine schriftliche Bewerbung verfassen. Durch seine Berufsausbildung und den Meister fühlte sich der Student gut auf die fachlichen Inhalte des Studiums vorbereitet. „Nur in Mathematik fehlte mir das Abiturwissen.“ Wenn die Noten stimmen, möchte er ein Masterstudium an seinen Bachelor anschließen.

Immer mehr Studierende ohne Abitur

Ein Porträt-Foto von Paul Flerlage

Paul Flerlage

Foto: privat

Viele Hochschulen erkennen die Meister-, die Fachwirt- und die Technikerprüfung als gleichwertig zur allgemeinen Hochschulreife an. „Man kann sich das Studienfach aussuchen, auch fachfremde Fächer sind möglich“, erklärt Dr. Sigrun Nickel, Leiterin Hochschulforschung beim Centrum für Hochschulentwicklung (CHE).

Ein weiterer Weg zum Studium ohne Abitur führt über eine abgeschlossene Berufsausbildung plus – je nach Bundesland – zwei bis drei Jahre Berufserfahrung. „Mit diesen Voraussetzungen kann man gemäß seinem Beruf fachgebunden studieren“, sagt Sigrun Nickel. „Die zulassende Hochschule prüft jedoch, ob der Kandidat studierfähig ist.“ In manchen Bundesländern müssen die Berufserfahrenen etwa eine Eignungsprüfung oder ein Probestudium von zwei Semestern absolvieren. Die meistgewählten Fächer sind Rechts-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, an zweiter und dritter Stelle stehen die Ingenieur- und die Gesundheitswissenschaften.

Ein Porträt-Foto von Dr. Sigrun Nickel

Dr. Sigrun Nickel

Foto: privat

Insgesamt nutzen nach Angaben des CHE bundesweit rund 60.000 Studierende diese Möglichkeit des Studiums. Rund 65 Prozent der Studienanfänger ohne schulische Hochschulzugangsberechtigung entschieden sich laut CHE im Jahr 2017 für ein Studium an einer Fachhochschule beziehungsweise einer Hochschule für angewandte Wissenschaften. Die meisten belassen es beim Bachelor, nur ein Zehntel der Absolventen schließt den Master an. „Die Zahl der Studierenden ohne Abitur liegt derzeit bei rund drei Prozent aller Studienanfänger“, weiß Sigrun Nickel. „Die Zahlen steigen stetig, aber sehr langsam an. An den Berufsschulen wird bisher nur wenig über diese Möglichkeit informiert.“

Berufliche Möglichkeiten ausloten

Zu der Frage, wie viele Studierende ohne Abitur das Studium vorzeitig abbrechen, gibt es laut der Leiterin Hochschulforschung keine gesicherten Erkenntnisse. „Es kommt unter anderem darauf an, mit welcher Motivation und welchen Voraussetzungen ein Berufserfahrener ohne Abitur ein Studium aufnimmt“, ergänzt Dr. Paul Stallmeister, Berater für akademische Berufe und Berufsorientierung an der Agentur für Arbeit Ahlen-Münster. Wer nur wegen der besseren Verdienstaussichten studiert, aber nicht gerne lernt, werde in einem Studium kaum erfolgreich sein. Sein Tipp: Wenn man sich nicht sicher ist, ob man den Leistungsanforderungen im Studium gerecht wird, lässt sich zum Beispiel unter https://studicheck.nrw, www.osa-portal.de oder in studienfeldbezogenen Beratungstests der Agenturen für Arbeit die Studierfähigkeit für bestimmte Fächer testen. Auch die Fachstudienberater an den Hochschulen können weiterhelfen.

Zu den Berufsaussichten für Absolventen des dritten Bildungsweges kann Paul Stallmeister wenig sagen, weil die Zahl der Abgänger zu klein für eine valide Statistik sei. Schaut man sich jedoch die Aussichten für dual Studierende an, die ja Praxiserfahrungen mit Theorie verbinden, so ist zu erkennen, dass gerade bei Berufen in der Produktion, der Produktionsplanung und -aufsicht oder der Qualitätsüberwachung praktische Kenntnisse sehr nützlich sind. Auch in den Bereichen Wartung, Instandhaltung und Inbetriebnahme sind Akademiker mit praktischem Wissen gefragt. „Vor der Aufnahme eines Studiums sollte man seine beruflichen Möglichkeiten prüfen, um das Risiko von Enttäuschungen zu verringern“, rät Paul Stallmeister.

Weitere Informationen

berufsfeld-info.de

Infoportal der Bundesagentur für Arbeit mit einem Überblick und Reportagen zu verschiedenen Berufswelten.
berufsfeld-info.de

BERUFENET

Das Netzwerk für Berufe der Bundesagentur für Arbeit mit über 3.000 aktuellen Berufsbeschreibungen in Text und bild
www.berufenet.arbeitsagentur.de

studienwahl.de

Infoportal der Stiftung für Hochschulzulassung in Kooperation mit der Bundesagentur für Arbeit. Hier kannst du im „finder“ nach Studiengängen in ganz Deutschland suchen.
www.studienwahl.de

Hochschulkompass

Informationsangebot der Hochschulrektorenkonferenz über alle deutschen Hochschulen, deren Studienangebot und internationale Kooperationen
www.hochschulkompass.de

Hochschulrektorenkonferenz

www.hrk.de

Centrum für Hochschulentwicklung

www.che.de

Deutsches Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung GmbH

www.dzhw.eu

Stiftung für Hochschulzulassung

www.hochschulstart.de

Portal von CHE „Studieren ohne Abitur“

www.studieren-ohne-abitur.de

Informationsportal des Bundesministeriums für Bildung und Forschung und der Kultusministerkonferenz zum „Deutschen Qualifikationsrahmen“ (DQR)

www.dqr.de

 

Studieren ohne Abitur

Über Modellversuch an die Hochschule

Dank seiner Ausbildung konnte Florian Stresing im Rahmen eines Modellversuchs in Hessen ohne Abitur ein Studium aufnehmen. Hier berichtet der 27-Jährige von seinen Erfahrungen:

Nach meinem Realschulabschluss auf dem zweiten Bildungsweg habe ich zwei Jahre das Berufskolleg I und II in Baden-Württemberg besucht und die Fachhochschulreife erlangt. Anschließend habe ich eine dreijährige Ausbildung zum Kaufmann für Versicherungen und Finanzen gemacht und danach zwei Jahre in diesem Beruf gearbeitet. Allerdings fühlte ich mich in der Versicherungsbranche nicht so richtig wohl. Ich mache Musik und organisiere Konzerte. Daher wollte ich gern im Bereich Veranstaltungsmanagement studieren. Mittlerweile war ich jedoch von Baden-Württemberg nach Hessen gezogen, wo die Fachhochschulreife aus Baden-Württemberg nicht anerkannt wurde.

Beratung an der Hochschule

Ein Porträt-Foto von Florian Stresing

Florian Stresing

Foto: privat

Ich ließ mich an der Technischen Hochschule Mittelhessen (THM), die meinen Wunschstudiengang Eventmanagement und -technik anbietet, beraten. Hier hörte ich das erste Mal von dem hessischen Modellversuch. Hier wird beruflich Qualifizierten, die ihre Berufsausbildung mit mindestens 2,5 beendet haben, auch ohne weitere Berufserfahrung und Zugangsprüfung der Hochschulzugang ermöglicht. Da ich meine Ausbildung mit der Note 1,0 abgeschlossen hatte, bewarb ich mich mit meinem Ausbildungszeugnis, Schulzeugnis und Lebenslauf bei der THM und bekam die Zusage.

Mittlerweile bin ich im zweiten Semester. Vor allem in Mathematik und Physik hatte ich einiges aufzuholen, was meine Kommilitonen erst vor Kurzem an der Schule gelernt haben. Teilweise konnte ich auf meine Kenntnisse aus dem Berufskolleg zurückgreifen, aber das meiste musste ich mir in Eigeninitiative aneignen. Ich habe zum Glück eine gute Lerngruppe gefunden. Und auch meine Dozentin hat sich viel Zeit genommen und mir vieles erklärt. In den anderen Fächern fangen alle Studierenden von null an, da waren die Voraussetzungen für alle gleich.

Unterstützungsangebote annehmen

Ich bin jetzt 27 Jahre alt und merke schon den Unterschied zu meinen Kommilitonen, die frisch aus der Schule kommen. Es gibt aber auch einige ältere, die ebenfalls erst eine Ausbildung gemacht haben. Wenn man mit der richtigen Einstellung auf die Leute zugeht, ist der Altersunterschied kein Problem. Ich wohne nicht mehr zu Hause und will auch nicht mehr finanziell von meinen Eltern abhängig sein. Deshalb habe ich einen Nebenjob auf 450-Euro-Basis als Veranstaltungshelfer angenommen und unterstütze bei Konzerten dabei, die Technik aufzubauen. Darüber hinaus bekomme ich elternunabhängiges BAföG. Dies wurde mir gewährt, weil ich ein Studium gewählt hatte, das nicht in Zusammenhang mit meiner Ausbildung steht. Diesen Hinweis bekam ich von der Beratung des Allgemeinen Studierendenausschusses an der Hochschule.

Allen, die ebenfalls ohne Abitur studieren wollen, empfehle ich: Nehmt so viele Beratungs- und Unterstützungsangebote wie möglich in Anspruch. Sucht aktiv Hilfe, sei es bei Dozenten oder bei Beratungsstellen an der Hochschule. Auch wenn der technische Teil meines Studiums sehr anspruchsvoll ist, bin ich froh über meine Entscheidung. Mein Nebenjob in der Veranstaltungstechnik hat mir gezeigt, dass ich später wohl lieber im Veranstaltungsmanagement arbeiten möchte. Aber wer weiß: Vielleicht mache ich nach dem Bachelorabschluss noch ein Masterstudium.“


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Stand: 24.01.2020