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Berufe in Serien – Szenario 1: Polizistin

So realistisch ist der „Tatort“

Jeden Sonntag um 20.15 Uhr ist „Tatort“-Zeit im deutschen Fernsehen. Um diese Uhrzeit einzuschalten und mitzufiebern ist längst zum Ritual geworden. Anna S. (25) ist Kommissarin beim bayerischen Landeskriminalamt (BLKA) – Dezernat Rauschgift. Sie weiß, wie realistisch die Kultserie ist, und macht für abi» den Faktencheck.

Junge Frau steht einem Kollegen gegenüber und zieht ihren Schlagstock.

Millionen Deutsche sind Fans von Fernsehkrimis, doch wie realistisch wird eigentlich der Beruf Kommissar/in darin dargestellt?

Szene 1:

Spurensicherung

Die Tatort-Kommissare treffen am Fundort der Leiche ein, müssen sich jedoch ausweisen, bevor sie die Absperrung passieren dürfen. Sie sprechen zunächst mit einem Polizeibeamten, der für die Spurensicherung zuständig ist. Dieser gibt zu verstehen, dass der Fundort fotografisch gesichtet wurde. Es wurde eine Leiche im Bach gefunden. Der Spurensicherungsbeamte teilt den Kommissaren mit, dass das Leichenteil, der Kopf, auf Grund des kalten Wassers sehr gut erhalten ist. Nach der Sichtung des Schädels durchkämmen die Beamten ein Waldstück, um weitere Spuren zu sichten.

Und wie läuft's im beruflichen Alltag?

Anna S.: Wenn eine menschliche Leiche oder Leichenteile gefunden werden, wird zunächst der Fundort weiträumig abgesperrt. Dieses „Betretungsverbot“ soll in erster Linie die Zerstörung/Veränderung von tatrelevanten Spuren verhindern sowie die Würde des Opfers vor Schaulustigen schützen. Man kann allerdings noch nicht sagen, ob es sich beim Fundort um den Ort handelt, an dem die Tat stattgefunden hat.

Die beiden Schritte, also dass der Fundort fotografisch gesichtet wurde und daraufhin die umliegende Gegend abgesucht wird, sind für einen erfolgreichen Ermittlungsverlauf fundamental wichtig. Auch die genaue Lage der Leiche kann von essenzieller Wichtigkeit sein. Menschen, die nicht eines natürlichen Todes gestorben sind, werden zu einem Rechtsmedizinischen Institut gebracht und dort obduziert. Rechtsmediziner untersuchen die Leiche, um die Todesursache und den Todeszeitraum festzustellen. Auch dass der Kopf auf Grund des kalten Wassers noch sehr gut erhalten ist, ist nachvollziehbar, denn kalte Temperaturen verlangsamen den Zersetzungsprozess. Die Szene ist also als realitätsnah einzustufen

Dass die „Tatort“-Kommissare oft keine Schutzkleidung tragen, ist übrigens darauf zurückzuführen, dass die ermittelnden Polizisten den Fund-/Tatort in der Regel erst betreten, wenn er von der Spurensicherung freigegeben ist. Die Spurensicherung trägt natürlich immer Schutzkleidung.

Zitat: „Er ist seit so und so vielen Stunden tot.“

Anna S.: Im Tatort wird immer von einem Todeszeitpunkt gesprochen. Der Todeszeitpunkt lässt sich jedoch in der Regel nicht minutengenau bestimmen. Deshalb sollte immer von einem Todeszeitraum gesprochen werden, der durch verschiedene Anzeichen eingegrenzt werden kann. Vor Ort können bereits einige sehr rudimentäre Anhaltspunkte für den Todeszeitraum eines Menschen wahrgenommen werden. Polizeibeamte erhalten im Rahmen ihrer Ausbildung bzw. während des Studiums an der Hochschule für den öffentlichen Dienst keine tiefergehende forensische Ausbildung. Deshalb obliegt die exakte Bestimmung des Todeszeitraums und der Todesursache der Rechtsmedizin und umfasst häufig umfangreiche Untersuchungen. Deshalb ist eine exakte Eingrenzung des Todeszeitraums durch einen Rechtsmediziner am Fundort grundsätzlich kaum möglich.

Szene 2:

Zeugenvernehmung und Ermittlung

Die Kriminalbeamten fragen Dorfbewohner, in der Nähe des Fundorts, ob sie die getötete Person kennen oder schon einmal gesehen haben. Sie suchen die ehemalige Lebenspartnerin des Opfers auf, die in der Wohnung des Opfers befragt wird. In einer weiteren Szene wird eine Gruppe von Arbeitskollegen von einem der Kommissare befragt.

Und wie läuft's im beruflichen Alltag?

Anna S.: Dass als erstes Anwohnerbefragungen in der Nähe des Fund- oder Tatorts durchgeführt werden, ist richtig, da nicht von vornherein ausgeschlossen werden kann, dass die Bewohner die tote Person kennen oder ermittlungsrelevante Hinweise geben können. Falls eine Leiche nicht identifiziert werden kann, werden Vermisstenanzeigen aus der Region geprüft. Im nächsten Schritt wird meist eine öffentliche Ausschreibung veranlasst, das heißt, es wird ein Bild der toten Person veröffentlicht, woraufhin sich Personen bei der Polizei melden können, wenn sie den Toten erkennen.

Dass die Zeugin in der Wohnung des Toten befragt wird, ist in der Realität nicht der Fall, denn eine wichtige Regel der Zeugenvernehmung lautet, Zeugen in ein neutrales Umfeld zu bringen, sodass sie möglichst nicht durch äußere Umstände beeinflusst werden. Zeugenvernehmungen finden daher meist in einem Vernehmungsraum einer Polizeidienststelle statt.

Dass ein Kriminalbeamter die Befragung alleine durchführt, ist ebenfalls unrealistisch. Ermittlungen vor Ort werden normalerweise stets durch mindestens zwei Polizeibeamte durchgeführt – aus Gründen der Eigensicherung und zur Vermeidung von Wahrnehmungsfehlern oder Situationen wie „Aussage gegen Aussage“. Zudem werden keine Gruppen, sondern Einzelpersonen vernommen, gegebenenfalls im Beisein eines Rechtsanwaltes. Das hat unter anderem den Hintergrund, dass etwa gruppendynamische Prozesse sich möglichst wenig auf den Aussagenden auswirken oder die Erinnerung nicht durch Angaben anderer beeinflusst wird. Zudem werden Zeugen und Beschuldigte vor einer Vernehmung stets hinsichtlich ihrer Rechte und Pflichten belehrt.

Zitat: „Kommissare arbeiten immer bis tief in die Nacht.“

Anna S.: Die ersten Tage bei einem nicht aufgeklärten Mordfall sind entscheidend für den weiteren Ermittlungsverlauf und den Erfolg der Ermittlungen. Daher werden häufig Ermittlungskommissionen mit mehreren Mitarbeitern gegründet, die sich dem Fall widmen. Die zeitliche Dauer von Ermittlungen richtet sich nach den erforderlichen Ermittlungen und deren zeitlicher Dringlichkeit. Dabei spielen Dienstzeiten eine nachrangige Rolle und können das normale Maß deutlich übersteigen. Soll heißen, Nachtschichten sind nicht unrealistisch.

Szene 3:

Festnahme

In der Szene kommt es zu einer Razzia in einer Diskothek. Den Beamten ist vor allem die Feststellung der Identitäten aller Anwesenden wichtig. Die Razzia wird von zehn Polizeibeamten durchgeführt.

Und wie läuft's im beruflichen Alltag?

Anna S.: Auf Grund der Größe der Diskothek und der Anzahl der Gäste würde man in der Realität mehr als nur etwa zehn Polizeibeamte für diese Razzia einsetzen. Geht man davon aus, dass der Tatverdächtige bewaffnet ist oder andere gefährden könnte, würden besonders ausgebildete und ausgerüstete Beamte die Festnahme durchführen. Über das einsatztaktische Vorgehen darf ich jedoch keine Angaben machen.

Video

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abi» 22.06.2020

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