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Berufe in Serien – Szenario 2: Assistenzarzt

Zwischen Fiktion und Realität unterscheiden

Rauer Umgangston, schnelle Entscheidungen treffen und außergewöhnliche Diagnosen stellen – all das verbindet man mit der erfolgreichen Arztserie „Grey´s Anatomy“ aus den USA. Assistenzarzt Matthias B. (34) macht mit abi» den Realitätscheck und erläutert, was in der Serie der Wirklichkeit entspricht und was falsch dargestellt ist.

Aerzte operieren in Operationssaal.

Das Assistieren bei einer Operation gehört zu den Aufgaben von Assistenzärzten. Eine Operation ganz alleine durchführen, wie es oft in Serien gezeigt wird, dürfen Assistenzärzte allerdings nicht.

Szene1:

Erster Tag als Assistenzarzt

Die Assistenzärzte haben ihren ersten Tag im Krankenhaus. Sie werden durch die Klinik geführt, dabei wird ihnen der Operationssaal gezeigt. Der Chefarzt hält folgende Ansprache: „Vor einem Monat waren Sie noch an der Uni und wurden von Ärzten unterrichtet, heute sind Sie die Ärzte. Die sieben Jahre Ausbildung zum Chirurgen werden die beste, aber auch die schlimmste Zeit Ihres Lebens sein. Sehen Sie sich um und begrüßen Sie Ihre Konkurrenz“.

Und wie läuft's im beruflichen Alltag?

Matthias B.: Ein Stichtag, an dem alle neuen Assistenzärzte anfangen und von einem Chefarzt herumgeführt werden, ist für Krankenhäuser in Deutschland nicht üblich. Einen Konkurrenzkampf zwischen den Assistenten, kann es –wie in anderen Berufsfeldern auch – dagegen schon geben. Aber da es in Krankenhäusern in Deutschland eher einen Mangel an Assistenzärzten gibt, ist das sicherlich nicht die Regel.

Zitat: „Eine 48-Stunden-Arbeitsschicht ist normal im Krankenhaus.“

Matthias B.: Laut Arbeitsschutzgesetz sind Dienste mit einer Dauer von 48 Stunden nicht zulässig. Wenn man im Krankenhaus ist, muss man nach 24 Stunden Arbeit nach Hause gehen. Es kann allerdings vorkommen, dass man zwei bis drei dieser 24-Stunden-Dienste in der Woche hat und so mitunter auf eine Wochenarbeitszeit von über 90 Stunden kommt.

Szene 2:

Verhalten am Operationstisch

Ein Assistenzarzt hat die Chance, gleich an seinem ersten Tag einen Eingriff am Patienten durchzuführen. Im Operationssaal schauen die anderen Assistenzärzte von einer Art Zuschauertribüne mit Blick in den Operationssaal zu. Der Oberarzt steht bei dem Eingriff genau hinter dem Assistenten. Während der Operation fällt aufgrund abgerissener Fäden der Blutdruck des Patienten. Als der Assistenzarzt einen Blackout hat, beschimpft der Oberarzt ihn und schmeißt ihn aus dem Operationssaal.

Und wie läuft's im beruflichen Alltag?

Porträtfoto von Matthias B.

Matthias B.

Matthias B.: Zunächst einmal ist es völlig unrealistisch, dass ein Assistenzarzt am ersten Tag einen Eingriff durchführen darf. In den ersten Jahren gehört zu den Aufgaben eines Assistenzarztes das Assistieren bei Operationen. Je nach Geschick und Situation kann es einige Monate dauern, bis man kleinere Operationen im Beisein eines Facharztes dann selbst durchführen darf. Ebenso ist das Verhalten am Operationstisch nicht korrekt dargestellt: Die Operateure stehen sich nämlich immer gegenüber. Sollte es vorkommen, dass ein Assistenzarzt einen Blackout hat, wie in dieser Szene, kann es schon sein, dass der Facharzt die Operation übernimmt. Der Tonfall kann dabei auch schon mal etwas rauer sein, doch dass er den Assistenten gleich aus dem Saal schmeißt, habe ich noch nicht erlebt. Operationen sind immer risikobehaftet, aber dass der Patient in dieser Szene gleich in eine lebensbedrohliche Situation gerät, ist doch etwas übertrieben.

Zitat: „Um ein erfolgreicher Arzt zu werden, muss man sein Privatleben opfern.“

Matthias B.: Es ist selbstverständlich so, dass man als Assistenzarzt viel arbeiten muss. Zu Hause muss man lernen und am Wochenende kann es vorkommen, dass man Weiterbildungen hat. Aber sein komplettes Privatleben opfern muss man nicht. In Serien wird oft gezeigt, dass die Angestellten im Krankenhaus Beziehungen miteinander eingehen. Klar kommt das vor, schließlich verbringt man sehr viel Zeit miteinander.

Szene 3:

Umgang mit Patienten

Ein Assistenzarzt schiebt eine Patientin durch die Gänge im Krankenhaus, auf der Suche nach dem Operationssaal. Die Operation wird durchgeführt, leider erleidet die Patientin aufgrund von Komplikationen einen Herzstillstand und verstirbt. Der Assistenzarzt muss den Angehörigen die Nachricht überbringen.

Und wie läuft's im beruflichen Alltag?

Matthias B.: Der Patiententransport gehört normalerweise nicht zu den Aufgaben von Ärzten. Übrigens dauert es eine Weile, bis man sich im Krankenhaus zurechtfindet und alle Arbeitsabläufe kennt. Allerdings ist das nicht sonderlich interessant und wird deshalb nicht in Serien gezeigt.

Schlechte Nachrichten zu überbringen, ist immer eine Herausforderung und schwierig. Es gibt dafür sogar unterschiedliche Techniken und Methoden, die man lernen muss. Es ist allerdings sehr unrealistisch, dass ein junger Assistenzarzt eine solche Botschaft alleine übermitteln muss. Schlimme Nachrichten werden in der Regel von oder mit erfahrenen Kollegen überbracht. Wenn möglich, versucht man hierfür die Umgebung anders zu gestalten. In dieser Szene wird die Nachricht mitten in der Wartehalle übermittelt. In der Realität würde das nicht so ablaufen.

Video

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abi» 22.06.2020

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