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Mentee beim Studienkompass

Keine Scheu mehr vor dem „Universum Uni“

Deniz Tietz studiert im vierten Semester Chemische Biologie an der Technischen Universität in Dortmund. Neben seinem Bruder ist er der Erste in seiner Familie, der ein Studium begonnen hat. Unterstützung erhielt der 22-Jährige vom Studienkompass. Für abi» berichtet er von seinen Erfahrungen.

Der Eingang zum Hörsaal einer Universität.

Mentoren können Jugendliche aus Nichtakademiker-Haushalten die ersten Wochen an der Universität unterstützen.

Das dritte Semester war sehr anspruchsvoll. Parallel zum normalen Studienalltag absolvierte ich zehn Wochen lang das organisch-chemische Praktikum. Dafür musste ich im Labor selbstständig Versuche durchführen. Oft war ich dadurch von früh morgens bis spät abends in der Universität beschäftigt. Nach Ende des Praktikums ging direkt die Prüfungsphase los.

Die Angst, eine Prüfung nicht zu bestehen, war besonders am Anfang des Studiums groß. Schließlich sind viele Klausuren in den ersten Semestern Voraussetzung dafür, dass man sein Studium fortsetzen darf. Die Souveränität, die Kinder aus einem akademischen Haushalt vermittelt bekommen, hatte ich nicht und musste mich deshalb erst zurechtfinden.

Meine Eltern haben beide nicht studiert. Daher hat der Studienkompass diese Funktion für mich übernommen. Das hat mir geholfen, mit der Ungewissheit umzugehen. Außerdem habe ich den entscheidenden Anstoß bekommen, mich mit der Studien- und Berufswahl auseinanderzusetzen.

Begleitete Studienwahl

Ich wusste lange nicht, ob ich ein Studium oder eine Ausbildung beginnen sollte. Nach meinem Realschulabschluss habe ich mein Abitur auf dem Helene-Weber-Berufskolleg in Paderborn gemacht (siehe Erfahrungsbericht „Und dann wollte ich das Abi doch noch machen“). Dort hat mich eine Lehrerin auf die Möglichkeit aufmerksam gemacht, kostenlose Förderung durch den Studienkompass zu erhalten.

Für die Bewerbung fertigte sie mir eine Beurteilung an, die ich zusammen mit meinen Daten einreichte. Ich wurde zu einem Auswahltest eigeladen, bei dem ich zum einen Fragen zu meiner Motivation und meinem Lernverhalten beantwortete. Zum anderen musste ich mein Wissen und meine Leistungsfähigkeit unter Beweis stellen: Ich löste mathematische Aufgaben und machte eine Art Intelligenztest.

Hilfe zur Selbsthilfe

Ein Porträt-Foto von Deniz Tietz.

Deniz Tietz

Die Förderung durch den Studienkompass bestand aus einem Programm von Workshops, Exkursionen und individueller Beratung. Diese hatten zum Ziel, sich über die eigene Situation klar zu werden und herauszufinden, was man wirklich möchte. In unserer Regionalgruppe in Paderborn waren wir 20 Mentees. Gemeinsam mit den vier Mentoren haben wir Treffen organisiert, für die wir Experten aus verschiedenen Berufsbereichen eingeladen haben, damit sie uns von ihrem Alltag und ihrem Werdegang erzählen. In unbefangener Atmosphäre sprachen wir zum Beispiel mit Lehrern, Programmiererinnen und Physikern und konnten ihnen unsere persönlichen Fragen stellen. Auch Dozenten von Hochschulen haben uns einzelne Studienfelder vorgestellt. So lernten wir unterschiedliche berufliche Möglichkeiten kennen und konnten uns in verschiedene Richtungen orientieren. Unsere Mentoren haben uns im Berufswahlprozess begleitet und ihre Erfahrungen an uns weitergegeben.

Dank des Studienkompass‘ habe ich mich selbstbewusst genug für ein Studium gefühlt. Ich entschied mich schließlich für Chemische Biologie. Auch zu Ausbildungen hatte ich mich vorher informiert, doch als Laborant oder Laborassistent wollte ich nicht arbeiten. Es gibt natürlich Mentees, die eine Ausbildung beginnen. Eben je nach Begabung und Interessensgebiet.

Unsere Mentoren haben uns dazu ermutigt, uns für ein Stipendium zu bewerben. Denn dabei zählen nicht nur gute Noten, sondern auch soziales Engagement und spezielles Interesse. Ich habe mich für das Deutschlandstipendium beworben und bekomme nun für das zweite Studienjahr an der Universität 300 Euro pro Monat – zusätzlich zum BAföG.

Mehrwert für das ganze Leben

Das Netzwerk des Studienkompass‘ spielt auch über das Ende der offiziellen Förderungszeit hinaus eine große Rolle. Jeder ist sehr offen und hilfsbereit, wenn es darum geht, Kontakte zu anderen Mentees oder Ehemaligen zu vermitteln. Ich habe durch den Studienkompass eine Studentin aus Frankfurt kennengelernt, die dort Biowissenschaften studiert. Sie hat mich zu sich eingeladen und mir die Goethe-Universität gezeigt. Über sie bin ich auch zu einem Praktikum am Max-Planck-Institut gekommen.

Die größte Herausforderung an der Uni war für mich – genauso wie für viele andere „Erstis“ – das nötige Maß an Eigenmotivation aufzubringen. Und zu verstehen, dass ich alleine die Verantwortung trage. Aber ich möchte allen Mut machen, die sich als Nichtakademiker-Kinder entscheiden, ein Studium zu beginnen: Das ganze „Universum Uni“ habe ich mir komplizierter vorgestellt als es tatsächlich ist.

abi» 20.07.2020

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