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Studien- und Berufswahl

MINT oder SAGE, das ist die Frage

Technische Berufe sind eher für Männer, soziale Berufe eher für Frauen geeignet? Das sind Klischees, die sich immer wieder wandeln. Besser, du fragst dich bei deiner Berufswahl nicht, was typisch fürs eine oder andere Geschlecht ist, sondern was deinen persönlichen Interessen und Talenten entspricht.

Porträt eines jungen Mannes und einer jungen Frau in einem Asia-Supermarkt.

Viele Rollenbilder und Geschlechterklischees sind in unseren Köpfen immer noch fest verankert - oft ganz unbewusst.

Wer würde behaupten, dass die Branche der Informationstechnologie (IT) rückschrittlich ist? Hanna Stoliar vielleicht, ist sie selbst doch ein Beispiel für diese Rückschrittlichkeit – erfreulicher Art: dass es nämlich wieder mehr weibliche Programmierer gibt. Fast ausschließlich Frauen befassten sich zunächst mit der Entwicklung von Software, nachdem 1941 der erste funktionsfähige Computer der Welt gebaut wurde. Mittlerweile ist der Beruf eine Männerdomäne. „Meine Mutter ist Mathematik-Professorin und schickte mich auf ein Gymnasium mit naturwissenschaftlicher und mathematischer Vertiefung“, erzählt die Software-Entwicklerin. „Da war der Weg in die IT nicht mehr weit.“

17 Prozent Frauen unter den IT-Fachkräften

Portraitfoto von Hanna Stoliar

Hanna Stoliar

Dass sie ihren Beruf nicht beherrsche, hat die 24-Jährige zwar noch nie gehört. „Aber es gab durchaus Äußerungen dahingehend, dass es schon besonders ist, wenn Frauen in der IT arbeiten.“ Der Frauenanteil hat die gebürtige Ukrainerin nie interessiert, er lag sowohl an ihrer Schule als auch in ihrem Informatikstudium bei einem Viertel. Nach dem Bachelor an einer ukrainischen Universität absolvierte sie einen Masterstudiengang an der Fachhochschule Erfurt. Heute arbeitet sie im Dresdner Büro von Staffbase. Das Unternehmen entwickelt Lösungen, mit der Firmen weltweit interne Kommunikation und Services sicher und einfach über gebrandete Apps und per Desktop für alle Mitarbeiter zur Verfügung stellen können.

Schon früh beschäftigte sich Hanna Stoliar mit Apps, entwickelte als Werkstudentin etwa welche fürs iOS-Betriebssystem. Ihr Werkzeug ist JavaScript, eine ursprünglich für Internetanwendungen entwickelte, heute aber auch anderweitig verwendete Skriptsprache. „Die Grundfunktion von Staffbase ist der Austausch von Nachrichten, so wie in der Facebook-Timeline“, erklärt sie. „Derzeit entwickle ich eine Erweiterung, mit der Anwender chatten können.“

Gemessen an den erwähnten historischen Maßstäben in der IT allgemein ist der Frauenanteil in der Staffbase-Entwicklungsabteilung mit 14 Prozent noch gering, soll laut Jenny Köhler, Mitarbeiterin der Presseabteilung, jedoch steigen: „Wir wünschen uns eine ausgeglichene Geschlechterverteilung, auch in der Führungsebene.“ Etwas besser sieht es auf Bundesebene aus, hier liegt der Frauenanteil unter den IT-Fachkräften (laut einer Studie des Branchenverbands Bitkom von 2019) bei 17 Prozent – ebenso hoch zwar wie zwei Jahre zuvor, aber zwei Prozentpunkte höher als noch 2015. Die Frauenquote bei den Abschlüssen im Studienbereich Informatik stieg von 5,6 Prozent im Jahr 1973 auf 19,8 Prozent im Jahr 2018, wie das Kompetenzzentrum Technik-Diversity-Chancengleichheit mitteilt.

Frauen sind länderübergreifend prosozialer

MINT oder SAGE, das ist die Frage. MINT ist nicht nur das englische Wort für Pfefferminz, sondern auch Akronym für die Fachbereiche Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik – typische Männerdomänen, wie Statistiken seit Jahren bestätigen. SAGE indes steht für die Tätigkeiten quasi am anderen Ende des Spektrums, die meist von Frauen ergriffen werden: SA für Soziale Arbeit, G für Gesundheit und Pflege, E für Erziehung und Bildung. Dass auch SAGE eine fremdsprachliche Bedeutung hat, nämlich im Französischen, wo das Wort eine „weise“ Person beschreibt, ist ein bemerkenswerter Zufall, der schließlich auf soziologische Zusammenhänge hinweist. So hat das Bonner briq-Institut für Verhalten und Ungleichheit herausgefunden, dass Frauen länderübergreifend prosozialer eingestellt, dafür weniger geduldig und risikobereit sind als Männer.

Portraitfoto von Armin Falk

Armin Falk

In seiner Studie von 2018 untersuchte Wirtschaftsprofessor und Institutsleiter Armin Falk grundlegende soziale Präferenzen der Geschlechter und deren Entwicklung bei zunehmender Gleichberechtigung in einer Gesellschaft. „Unsere Forschung zeigt, dass Geschlechterunterschiede bei den sozialen Präferenzen in modernen Gesellschaften nicht etwa geringer werden, sondern sogar eher zunehmen“, sagt er und stellt fest: „Mehr Chancengleichheit bedeutet nicht automatisch, dass sich mehr Frauen für klassische Männerberufe entscheiden – oder umgekehrt.“ Befragt wurden rund 80.000 Menschen in 76 Ländern, repräsentativ für circa 90 Prozent der Weltbevölkerung.

Vorbilder spielen eine große Rolle

So frei, wie sich Hanna Stoliar für ihren Beruf entschieden hat, fühlen sich leider nicht alle jungen Menschen. Ein Grund dafür sind Geschlechterklischees, sagt Miguel Diaz, Leiter der Initiative Klischeefrei am Kompetenzzentrum Technik-Diversity-Chancengleichheit: „Noch immer lassen sich Jugendliche bei der Berufs- und Studienwahl eher davon statt von ihren individuellen Stärken leiten.“ Diese Klischees fänden sich überall in der Gesellschaft – in der Familie, in Kindergarten und Schule, im Berufsalltag, aber auch in den Medien und in der Werbung. „Vorbilder spielen hier eine wichtige Rolle.“

So konzentrierten sich Mädchen und Jungen bislang auf nur wenige Berufe und Studiengänge und schränkten damit ihr Berufswahlspektrum stark ein. Dabei lohnt es sich, den Blick zu weiten: In Zeiten von Fachkräftemangel ist der Bedarf an Nachwuchs vor allem in den vom einen oder anderen Geschlecht dominierten Berufen groß.

Portraitfoto von Miguel Diaz

Miguel Diaz

„Wesentlich ist, dass sich junge Menschen selbst ausprobieren und in möglichst viele Berufswelten eintauchen können“, sagt Miguel Diaz mit Verweis auf die Aktionstage Girls'Day und Boys'Day, die von der Initiative Klischeefrei unterstützt werden und an denen Schülerinnen und Schüler schon ab Klasse 5 teilnehmen können. Auf ein ähnliches Projekt, den nationalen Pakt für Frauen in MINT-Berufen (Komm, mach MINT), führt er auch den gestiegenen Frauenanteil in der Informatik zurück.

Doch nicht nur in der IT-Branche bewegt sich was. „Man erkennt in vielen Bereichen, dass sich die Geschlechterverhältnisse verändern“, sagt Sabine Najib, Berufsberaterin der Agentur für Arbeit Osnabrück. Beispielsweise steige der Anteil der Frauen im Physikstudium seit Jahren an und liege momentan bei einem Viertel. Bemerkenswert findet sie, wie viele Schülerinnen sich für Chemie als Leistungskurs entscheiden: „Da herrscht mittlerweile fast Gleichstand.“ Sie vermutet, dass sich dieser Trend in absehbarer Zeit in den Studierendenzahlen zeigen wird.

Portraitfoto von Sabine Najib

Sabine Najib

Eine Verschiebung in die andere Richtung gibt es beim bislang eher von Frauen ausgeübten Beruf des Medizinisch-technischen Laboratoriumsassistenten, so Sabine Najib: „Hier wurde durch die gute Bezahlung während der Ausbildung tatsächlich der Männeranteil sehr schnell signifikant erhöht.“ Mit je 79,5 Prozent war der Frauenanteil im Wintersemester 2019/20 in den Studiengängen Erziehungswissenschaft und Germanistik/Deutsch am höchsten, Spitzenreiter beim anderen Geschlecht sind Maschinenbau und Elektrotechnik/Elektronik (Männeranteil jeweils 89 Prozent). Bei den Ausbildungen stark weiblich dominiert sind die Berufe der Medizinischen Fachangestellten (2018: zu 98 Prozent weiblich) oder der Rechtsanwaltsangestellten (93 Prozent). Männerüberschuss gibt es hingegen bei den Anlagenmechanikern (2018: zu 99 Prozent männlich) oder Elektronikern (98 Prozent).

Sekretär und Lehrer waren mal Männerberufe

Wie kann es überhaupt zu solch starken Verschiebungen der Geschlechteranteile kommen wie etwa in der Informatik? „Viele Berufe werden mit einem bestimmten Image oder Geschlecht in Verbindung gebracht“, erklärt Miguel Diaz. Die historische Entwicklung von Berufen zeige jedoch, dass diese Assoziationen wandelbar sind – so waren auch Sekretäre und Lehrer einmal ausschließlich männlich. „Ob ein Beruf mehrheitlich von Frauen oder Männern ausgeübt wird, ist vor allem davon abhängig, ob Männern und Frauen im jeweiligen historischen Kontext die dafür notwendigen Eigenschaften und Fähigkeiten zugeschrieben werden.“

Abschließend stellt Miguel Diaz klar: „Uns geht es übrigens nicht darum, junge Menschen dazu zu bringen, sich für einen Beruf zu entscheiden, in dem das eigene Geschlecht unterrepräsentiert ist, sondern eine Berufs- und Studienwahl zu ermöglichen, die den individuellen Interessen und Stärken folgt und nicht Geschlechterklischees.“ Sabine Najib fügt an, dass es auch um mehr Gerechtigkeit geht, ganz abgesehen vom Geschlecht: „Es ist nicht einzusehen, warum eine Erzieherin weniger verdient als ein Industriemechaniker. Niemandem ist damit gedient, wenn Menschen Berufe aus finanziellen Gründen ergreifen.“

Hanna Stoliar ist weder einem Klischee gefolgt, noch hat sie ihre Berufswahl vom Gehalt abhängig gemacht – sie entwickelt einfach gerne Apps. Auch meidet sie beispielsweise IT-Veranstaltungen, bei der nur Frauen sprechen. „Ich finde es nicht richtig, Konferenzen nach Geschlecht zu trennen“, sagt sie. „Wenn ein Vortrag wirklich interessant ist, würde ich unabhängig vom Geschlecht des Vortragenden auf eine Konferenz gehen.“

Info

Klischeefrei

Die Initiative Klischeefrei ist ein Bündnis aus Bildung, Politik, Wirtschaft und Forschung und wird gefördert vom Bundesministerium für Bildung und Forschung und dem Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Sie will jungen Menschen neue Wege ermöglichen. Deshalb engagiert sie sich dafür, bundesweit eine geschlechterreflektierte Berufs- und Studienwahl ohne Klischees zu etablieren. Denn Mädchen und Jungen sind vielfältig und ihre Talente auch. Die Jugendlichen sollen einen Beruf finden, der zu ihrer individuellen Persönlichkeit und Lebensplanung passt. Prominente Schirmherrin der Initiative ist Elke Büdenbender.

Video

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abi» 09.03.2020

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