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Klischeefreie Berufswahl

"Diversität ist menschlich"

Die Unterschiede zwischen sich und anderen zu akzeptieren, ist eine wichtige Voraussetzung für eine klischeefreie Berufswahl – egal ob es um das Geschlecht geht, die soziale und ethnische Herkunft oder andere Faktoren. Das Stichwort lautet Diversität.

Eine junge Frau lehnt sich über die geöffnete Motorhaube eines Autos.

Jungen sind wild und interessieren sich für Technik, Mädchen sind brav und spielen mit Puppen? Solche Klischees beeinflussen Menschen unbewusst in ihrer persönlichen Entwicklung. Deshalb ist es wichtig, sich mit diesen Vorurteilen auseinanderzusetzen.

Beim Ausfüllen von Formularen darf man sich nicht in Verlegenheit bringen lassen. Wenn zur Angabe des Geschlechts nur zwei Optionen vorgesehen sind, malt Amber-Sophia Schröck eben ein drittes Kästchen dazu, kreuzt dieses an und schreibt daneben: divers. Auch sonst ist die 32-jährige Person locker im Umgang mit ihren Mitmenschen. „Früher war ich bei jedem Fauxpas genervt, aber man kann nicht erwarten, dass sich jeder mit Intersexualität auskennt. Wenn heute jemand ‚Frau Schröck’ zu mir sagt, bitte ich einfach darum, mich mit Vor- und Nachnamen anzusprechen.”

Amber-Sophia Schröck

Um über Intersexualität aufzuklären, engagiert sich Amber-Sophia Schröck in der Bielefelder Ortsgruppe im Bundesverband Intersexuelle Menschen und räumt beispielsweise mit dem Irrtum auf, dass Inter- und Transsexualität dasselbe sind: „Ein Transmensch kommt eindeutig männlich oder weiblich auf die Welt, aber die Geschlechtsidentität – das Gefühl – ist gegensätzlich. Bei Intersexuellen hingegen fällt die Geschlechtsebene weg, da sie chromosomal nicht eindeutig sind.” Das Wort Chromosomendefekt jedoch mag die Person nicht: „Es ist doch einfach ein weiteres Geschlecht, Gott hat eben nicht nur Mann und Frau geschaffen.”

Entwicklungsbedarf in der Gesellschaft

Miguel Diaz

Dieser selbstverständliche Umgang mit Intersexualität ist das Ergebnis einer langjährigen Entwicklung. Amber-Sophia Schröck lebte bis zum Alter von 23 Jahren als Mann und dachte, transsexuell zu sein. Eine zufällige Entdeckung beim Hausarzt führte schließlich zur Diagnose Intersexualität: „Als ich es wusste, war es eine Befreiung.” In der Gesellschaft sieht Amber-Sophia Schröck freilich noch Entwicklungsbedarf – jedoch habe sich schon viel getan.

In Deutschland etwa dürfen Arbeitgeber gemäß des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes keine*n Bewerber*in aufgrund des Geschlechts benachteiligen, müssen seit 2019 Jobanzeigen genderneutral formulieren. Neben den Kürzeln „m/w“ muss mittlerweile mit dem Buchstaben „d“ für „divers” eine weitere Option ausgeschrieben werden.

Diversität: Begriff mit vielen Bedeutungen

Sabine Najib

Bei Diversität beziehungsweise Diversity geht es jedoch nicht nur um das Geschlecht. „Diversity ist zunächst einmal einfach nur der englische Begriff für Vielfalt”, erklärt Miguel Diaz, Leiter der Initiative Klischeefrei, ein von der Bundesregierung initiiertes Bündnis aus Bildung, Politik, Wirtschaft, Praxis und Forschung. Sie setzt sich für eine Berufs- und Studienwahl frei von Geschlechterklischees ein. „Menschen werden aufgrund unterschiedlicher sozialer Merkmale wahrgenommen und klassifiziert. Dabei muss es sich nicht ausschließlich nur um Zuweisungen durch andere Personen handeln, sondern auch um einen selbstbestimmten Aneignungsprozess.”

Kategorien, die dabei eine Rolle spielen, hat der britische Psychotherapeut John Burnham bereits 1993 mit dem Akronym „Social GGRRAAACCEEESSS” definiert (siehe Infokasten). Es dient als Eselsbrücke, um die Aspekte der „Social Graces”, also der sozialen Besonderheiten, zu erfassen.

Für mehr Selbstbestimmung im Aneignungsprozess rät Miguel Diaz Jugendlichen, sich vielfältig auszuprobieren. „Zuschreibungen durch andere – wie die Unterstellung, Jungen seien wild und unangepasst und Mädchen das genaue Gegenteil davon – sind für beide Geschlechtergruppen hinderlich. Sie verlangen ihnen ein bestimmtes Verhalten ab beziehungsweise untersagen es. Damit bleibt die Vielfalt innerhalb dieser Gruppen unberücksichtigt.”

Ganz im Gegenteil gehe es bei Diversität nicht um Schablonendenken, sondern darum, dass jeder Mensch unterschiedliche Wesenseinheiten in sich vereint, sagt Mayannah Dahlheim, Referentin für Gesellschaftliche Verantwortung und Diversität an der Universität Duisburg-Essen. „Es spielen Einflüsse in der eigenen Identität eine Rolle und diese sind, abhängig von ihrer Konstellation und der jeweiligen Umwelt, in der man gerade agiert, unterschiedlich wichtig”, sagt sie. Diversität sei nicht statisch, sondern entwickle sich ständig. „Man könnte auch sagen, Diversität ist ein sich ständig verändernder Zustand des Menschseins, oder schlicht und ergreifend: Diversität ist menschlich.”

Wertschätzung frei von Diskriminierung

Dorothee Merziger

Die Lebensrealität Jugendlicher sei Mayannah Dahlheim zufolge komplexer als vor zehn Jahren, nicht zuletzt aufgrund der sozialen Medien. Im digitalen Raum müssten sie schnell lernen, sich verhalten und positionieren zu können. „Es gibt viele Fragen, die sich Jugendliche heutzutage fast im Minutentakt stellen müssen: Wie stelle ich mich online dar, und wie werde ich dargestellt? Wer sieht mich, und wie werde ich gesehen? Und nicht zuletzt: Wer bin ich eigentlich, sowohl online als auch offline?” Da spielt die diskriminierungsfreie Wertschätzung der Vielfalt aller Menschen eine sehr große Rolle, auch im Hinblick auf die klischeefreie Berufswahl. „Diskriminierungsfrei zu leben ist in dieser Hinsicht kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit, um frei und unbeschwert existieren zu können.”

Dass junge Menschen die Herausforderungen tatsächlich meistern und ein großes Selbstverständnis hinsichtlich der Unterschiedlichkeit von Individuen haben, bestätigt Sabine Najib. „Immer mehr Jugendliche nehmen für sich in Anspruch, in ihrer ‚Andersartigkeit’ wertgeschätzt und wahrgenommen zu werden”, berichtet sie aus ihrer Praxis als Beraterin der Agentur für Arbeit Osnabrück. Beispielsweise unterstützte sie einen jungen Mann, der in seiner Bewerbung das Thema „Diversität“ offensiv ansprach. „Er ist homosexuell und warb damit, dass er sich durch eine besondere diverse Sensibilität auszeichne. Er will gerne in den Modeeinzelhandel und sagt, dass er aufgrund seiner Vita besondere Zielgruppen besser bedienen könne.” Derartiges Vorgehen sei jedoch nicht die Regel – noch immer gebe es viele junge Menschen, die versuchen, nicht aufzufallen und möglichst so zu sein wie alle anderen.

Das zeigt sich vor allem in der geschlechtsspezifischen Berufswahl junger Menschen. „Es gibt sie: die typischen Frauenberufe. Diese sind oft im sozialen Bereich, im Handel, im Dienstleistungsbereich zu finden und es sind die Berufe, die weniger gut bezahlt werden als die von Männern dominierten Berufe“, sagt Dorothee Merziger, Beauftragte für Chancengleichheit der Agentur für Arbeit Saarbrücken. „Besonders die Ausbildungsplatzwahl ist auffällig geschlechtsspezifisch“, weiß sie.

Alle sind in ihrer Berufswahl frei

Mayannah Dahlheim

Jüngsten Erhebungen des Statistischen Bundesamts zufolge lag der Männeranteil in der Berufsgruppe Maschinen- und Fahrzeugtechnik bei 89 Prozent, in Informations- und Kommunikationstechnikberufen bei 85 Prozent. Weiblich dominierte Berufe sind etwa die Altenpflege mit einem Frauenanteil von 84 Prozent oder das Lehramt an Grundschulen mit 91 Prozent. Freilich gibt es Bereiche, in denen es deutliche Bewegungen zu mehr Ausgewogenheit gibt: So stieg der Frauenanteil bei Polizei, Kriminaldiensten und Justizvollzug in sechs Jahren um vier auf 24 Prozent und bei Lehrenden und Forschenden an Hochschulen von 39 auf 42 Prozent.

Alle sind in ihrer Berufswahl frei, stellt Miguel Diaz fest. Damit junge Menschen auch entsprechend handeln und sich nicht etwa nach Geschlechterklischees richten, müssten sie sich dieser und anderer Klischees überhaupt erstmal bewusst werden: „Erst dann besteht die Möglichkeit, sie kritisch zu reflektieren und diesbezügliche Erwartungen zurückzuweisen.“

Social GGRRAAACCEEESSS

Mit dem von John Burnham geschaffenen Akronym „Social GGRRAAACCEEESSS” werden soziale Besonderheiten erfasst.
G: Geschlecht, Geschlechtsidentität, Geographie, Generation
R: Rasse, Religion
A: Alter, Fähigkeit, Erscheinungsbild
C: Klasse, Kultur, Kaste
E: Bildung, Ethnizität, Ökonomie
S: Spiritualität, Sexualität, sexuelle Orientierung
Das Konzept soll Therapeut*innen, Pädagog*innen, Berater*innen und Psycholog*innen dabei helfen, über die Elemente der Identität zu sprechen und darüber, wie sie sich auf unsere Beziehung zu anderen auswirken können.

Stand: 08.03.2021

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