„Der Gründergeist erwacht“

Ein Gebäude aus Beton mit einer großen Treppe.
Der Bundes-Schülerfirmen-Contest wurde vom Nürnberger Unternehmen Müller Medien ins Leben gerufen.
Foto: Helge Gerischer

Interview

„Der Gründergeist erwacht“

Claudia Auer, Leiterin Unternehmenskommunikation und Brand-Management bei Müller Medien in Nürnberg, sprach mit abi» über den von ihrem Unternehmen ins Leben gerufenen Bundes-Schülerfirmen-Contest.

abi» Frau Auer, was versteht man überhaupt unter einer Schülerfirma?

Claudia Auer: Erstmal ist sie ein reales Unternehmen, das unter anderem Produkte produziert und verkauft oder Dienstleistungen anbietet. Schüler führen als Mitarbeiter oder Geschäftsführer kaufmännische Tätigkeiten aus und treffen unternehmerische Entscheidungen. So erwacht der Gründergeist bereits während der Schulzeit –spielerisch und ohne wirtschaftlichen Druck.

Ein schönes Beispiel ist die „Namaste Nepal S-GmbH“ aus Freiberg, die den 1. Platz im Bundes-Schülerfirmen-Contest 2018 belegt hat. Die Schülerfirma unterstützt mit Erlösen aus verschiedenen Projekten Dörfer in Nepal, um vom Erdbeben zerstörte Schulen wiederaufzubauen. Die Projektideen entstehen auf selbstfinanzierten Reisen nach Nepal in Zusammenarbeit mit den Dorfbewohnern. So röstet und verkauft die Schülerfirma beispielsweise eigens importierten Rohkaffee nepalesischer Bergbauern.

abi» Wenn Sie an Ihren Wettbewerb denken – was macht ihn aus?

Ein Portrait-Foto von Claudia Auer.

Claudia Auer

Foto: privat

Claudia Auer: Kreiert wurde er, um den deutschen Unternehmernachwuchs zu fördern und Jugendliche zu motivieren, sich bereits während der Schulzeit unternehmerisch zu betätigen. Teilnehmen können alle Schülerfirmen in Deutschland. Welche Schulart die Schülerinnen und Schüler besuchen, spielt ebenso wie das Alter keine Rolle. Die Firma muss lediglich als reales Unternehmen Produkte herstellen oder verkaufen bzw. Dienstleistungen anbieten. Mit der Registrierung im zum Wettbewerb gehörigen Portal legt jede Schülerfirma ein Profil an und stellt ihre Geschäftsidee, Produkte und Dienstleistungen vor. Hier finden sich auch alle weiterführenden Infos.

abi» Wie genau läuft das anschließende Voting ab?

Claudia Auer: Das startet im Januar. Spätestens dann sollte die Schülerfirma ein Profil auf der Wettbewerbsplattform angelegt haben. Danach gilt es, die Werbetrommel zu rühren. Im Online-Voting können Mitschüler, Freunde, Familie, Geschäftspartner und andere Interessierte per Klick für „ihre“ Schülerfirma abstimmen.

Im Juli stehen dann die zwanzig besten Schülerfirmen fest. Anhand der Profile ermittelt die Jury die zehn Preisträger. Alle Preise werden unabhängig vom Schultyp vergeben. Die große Siegerehrung findet schließlich im Bundesministerium für Wirtschaft und Energie im November in Berlin statt.

abi» Was können Teilnehmer aus der unternehmerischen Arbeit mitnehmen?

Claudia Auer: Für die Schülerinnen und Schüler hat sie viele Vorteile. Durch Planung, Herstellung und Vermarktung von Produkten oder Dienstleistungen gewinnen sie Einblicke in die echte Arbeitswelt und können sich wichtige Eigenschaften wie Verantwortungsbewusstsein oder Teamfähigkeit aneignen.

Im Wirtschaftsunterricht theoretisch gewonnene Erkenntnisse, zum Beispiel Preiskalkulation, werden in einer Schülerfirma praktisch erlernt und ausprobiert.

Zusätzlich können ein Zeugnisvermerk, eine Note, eine Praktikumsbescheinigung oder möglicherweise ein finanzieller Ausgleich ein Anreiz sein, sich in einer Schülerfirma zu engagieren – unterstützt vom Lehrpersonal als Projektleitung und Ansprechperson.

Weitere Informationen

JUNIOR Programme

Homepage mit allen Infos rund um Schülerfirmen, die Wettbewerbe auf Landes-, Bundes,- und Europaebene sowie passende Hintergründe und Kontakte zu Vorgaben und Ansprechpartern.

www.junior-programme.de

Bundes-Schülerfirmen-Contest

Mit Hintergründen zum Wettbewerb und Voting sowie zu möglichen Förderern und Netzwerken.

www.bundes-schuelerfirmen-contest.de

Arbeitsgemeinschaft bundesweiter Schülerwettbewerbe

Überblick über existierende staatlich anerkannte und geförderte Wettbewerbe mit Ansprechpartnern.
www.bundeswettbewerbe.de

Deutsche Kinder- und Jugendstiftung

Zusammenfassung mit allen nötigen Organisationsschritten hin zur eigenen Schülerfirma als pdf.
https://www.dkjs.de/fileadmin/Redaktion/Dokumente/
programme/140520_gruenderkids_Wie_gruende_ich_eine_

Schuelerfirma.pdf

 

Bundesweite Schülerfirmenwettbewerbe

Nachhaltig erfolgreich

Von der Idee zur Auszeichnung: Ragna Jebsen (22) gründete während ihrer Schulzeit ein Schülerunternehmen mit, das in deutschlandweiten und internationalen Wettbewerben Erfolg hatte. Das simple wie geniale Produkt – Flaschenöffner aus Gurtschnallen.

Begonnen hat alles mit dem Input eines Lehrers in der Oberstufe. „Im Rahmen des Profils Wirtschaft-Politik wurde uns das JUNIOR-Projekt vorgestellt – mit dem Ziel, Inhalte nicht nur theoretisch erklärt zu bekommen, sondern durch praktische Erfahrungen zu erleben, was freie Wirtschaft überhaupt bedeutet“, erklärt Ragna Jebsen.

Konkret heißt das: Schüler gründen ein eigenes Unternehmen und werden von JUNIOR mit Infomaterialien, Workshops und Fachwissen von Experten vor Ort unterstützt – von der Gründungsphase mit der Geschäftsidee über rechtliche und finanzielle Fragen bis hin zu den Wettbewerben.

Produkt und Gründung

Für Ragna Jebsen und ihre Mitschüler war das Motivation genug, das Unternehmen „Rauteck“ zu gründen und damit an dem Projekt teilzunehmen. „Die Herausforderung wollten wir unbedingt annehmen, schließlich gab es auch etwas zu gewinnen.“

Doch zuallererst musste ein Produkt her. „Im Brainstorming diskutierten wir Vorschläge, bis wir eine nachhaltige wie praktikable Idee gefunden hatten: Wir wollten Flaschenöffner aus alten Gurtschlosszungen und andere Produkte aus recycelten Autoteilen herstellen und vertreiben. Wir fuhren Autoverwertungshöfe ab und verkauften zum Beispiel Anteilsscheine, um ein Startkapital zu haben“, berichtet die Gründerin weiter.

Wettbewerb heißt Vorbereitung

Ein Portrait-Foto von Ragna Jebsen.

Ragna Jebsen

Foto: privat

Doch für die im Rahmen von JUNIOR ausgetragenen Wettbewerbe war im Vorfeld mehr zu erarbeiten als bloß das fertige Produkt. „Voraussetzung für die Teilnahme am Landeswettbewerb von JUNIOR war etwa ein zehnseitiger Geschäftsbericht. Daneben arbeiteten wir daran, unseren Firmenwert durch Verkäufe zu steigern, erstellten eine Unternehmenspräsentation und gestalteten einen Messestand.“

Vom landes- über den bundesweiten hin zum europäischen Wettbewerb professionalisierten sich die Abläufe. „Wir haben versucht, unseren Firmenauftritt zu optimieren und Umsätze und Gewinne zu steigern. Anfangs war die gesamte Produktion noch in unserer Hand, was mit der Zeit irgendwann nicht mehr möglich war, sodass wir lokale bzw. regionale Kooperationen entwickelten und die Produktion nahezu vollkommen outsourcen konnten.“

Gemeinsam bestehen …

Die drei Wettbewerbe waren dabei inhaltlich ähnlich aufgebaut und qualifizierten das Siegerunternehmen jeweils für den nächsten Contest. „Bestandteile jedes Wettbewerbs waren zum Beispiel der zuvor entwickelte Messestand, eine fünfminütige Bühnenpräsentation und Jury-Interviews“, erklärt Ragna Jebsen. „Der Bundes- wie auch der Europawettbewerb sind mehrtägige Veranstaltungen, sodass hier außerdem auch ein Rahmenprogramm mit Workshops, einer Stadtrallye und einem Volleyballturnier geboten wurde.“

Als sich das Schülerunternehmen „Rauteck“ schließlich gegen 37 Schülerunternehmen aus 36 Ländern durchsetzen konnten, war die Freude groß. Viel wichtiger als der Erfolg ist für Ragna Jebsen aber die Erfahrung aus dem Gesamtprojekt – auch für ihre eigene berufliche Perspektive. „Man wächst mit seinen Aufgaben – persönlich sowie im Team. Im theoretischen Unterricht hätte ich definitiv nicht so viel über Wirtschaft und deren Zusammenhänge lernen können.“

… persönlich profitieren

Mittlerweile befindet sie sich mitten im BWL-Studium und kann auch hier ihre in der Gründerphase erlernten Fähigkeiten einbringen. „Durch die praktischen Erfahrungen aus unserem Unternehmen kann ich viel eher theoretische Inhalte nachvollziehen. Außerdem engagiere ich mich mittlerweile sowohl auf nationaler als auch europäischer Ebene im Alumni-Netzwerk.“


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Stand: 29.02.2020