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Arbeitsmarkt: Ohne diese Berufe läuft nichts

„Systemrelevant“ – so hat man bisher vor allem Banker genannt, aber in Zeiten der Pandemie ändert sich das. Heute stehen Menschen im Mittelpunkt, die medizinische Versorgung, Bildung und die digitale Infrastruktur unter Corona-Bedingungen am Laufen halten. Eine gute Chance für alle, sich beruflich im sozialen und im IT-Bereich nützlich zu machen.

Ein Pfleger reinigt die Hände einer Frau mit einem Waschlappen. (Foto: Thorsten Mischke)

Pflegefachkräfte, Erzieher/innen und IT-Expertinnen und -experten sind gefragt: „In allen drei Berufsgruppen herrscht Vollbeschäftigung“, sagt Ralf Beckmann, Arbeitsmarktexperte bei der Bundesagentur für Arbeit. Vor allem Pflegekräfte werden händeringend gesucht. 2019 waren 701.000 Fachkräfte in der Krankenpflege beschäftigt. Ihre Zahl wächst nur langsam, weil offene Stellen nicht besetzt werden können. In Pandemie-Zeiten wird das offensichtlich. „Für eine gute gesundheitliche Versorgung in Deutschland brauchen wir die professionelle Pflege. Das sollte spätestens jetzt allen klar geworden sein“, sagt Prof. Christel Bienstein, Präsidentin des Deutschen Berufsverbands für Pflegeberufe (DBfK).

Ein Porträt-Foto von Ralf Beckmann. (Foto: Stefan Brending) Ein Porträt-Foto von Ralf Beckmann. (Foto: Stefan Brending)

Ralf Beckmann

IT-Expertinnen und -experten sind schon seit längerem am Arbeitsmarkt stark gefragt. Dass wegen Corona die Zahl der Arbeitsplätze unmittelbar steigt, dafür gibt es bisher keine Anzeichen. Die Digitalisierung wird sich durch die Pandemie aber weiter beschleunigen. In der IT-Branche waren 2019 laut der Statistik der Bundesagentur für Arbeit knapp 856.000 Personen beschäftigt. Ihre Zahl ist gegenüber dem Vorjahr um fast sieben Prozent gewachsen. Und es könnten mehr sein, sagt Nina Brandau, Referentin für Bildungspolitik beim Branchenverband BITKOM: „Acht von zehn Unternehmen klagen über IT-Fachkräftemangel. Die Zahl unbesetzter Stellen hat sich in den vergangenen beiden Jahren mehr als verdoppelt“, sagt sie. Es gibt zwar auch mehr Absolvent*innen von Informatikstudiengängen, „aber ihr Zuwachs ist nicht ausreichend dynamisch.“

Raus aus den Rollenklischees

Ein Porträt-Foto von Nina Brandau. (Foto: Bitkom) Ein Porträt-Foto von Nina Brandau. (Foto: Bitkom)

Nina Brandau

Nachwuchs wird also dringend gesucht und Berufseinsteiger*innen haben gute Chancen. Männer und Frauen nutzen sie sehr unterschiedlich. Soziale Berufe sind traditionell in Frauenhand. In der Krankenpflege haben Männer einen Anteil von knapp 16 Prozent, bei Erzieher*innen liegt er bei nur 10 Prozent. Ralf Beckmann sieht nur eine leichte Tendenz, dass sich in den sozialen Berufen die Gewichtung verschiebt. „In den letzten fünf Jahren hat sich der Anteil der Männer nur um jeweils einen Prozentpunkt erhöht“, stellt er fest.

In der IT sind nur gut 16 Prozent der Beschäftigten Frauen. „Nur etwa jede siebte Bewerbung auf IT-Jobs kommt von einer Frau“, bestätigt Nina Brandau. An den Unternehmen liegt das nicht. „Mehr als die Hälfte der ITK-Unternehmen möchte den Frauenanteil unter den eigenen IT-Fachkräften steigern“, weiß Nina Brandau. „Erfahrungen zeigen, dass gemischte Teams kreativer und innovativer arbeiten.“ Sie fordert ein grundlegendes Umdenken entlang der gesamten Bildungskette. „Schon in jungen Jahren sollten Mädchen für digitale Technologien begeistert und an das Programmieren herangeführt werden.“

Es geht nicht nur ums Geld

Ein Porträt-Foto von Christel Bienstein. (Foto: privat) Ein Porträt-Foto von Christel Bienstein. (Foto: privat)

Prof. Christel Bienstein

Geschlechterklischees tragen sicher dazu bei, dass Männer und Frauen in diesen Berufsgruppen so unterschiedlich vertreten sind. Aber auch Verdienst und Ansehen dürften eine Rolle spielen. Bei den Einkommen gibt es deutliche Unterschiede. Die Bundesagentur für Arbeit nennt für IT-Berufe einen monatlichen Durchschnittsverdienst von gut 5.100 Euro. Fachkräfte in der Krankenpflege verdienen über 3.500 Euro, Erzieher/innen 3.400 Euro.

Doch Geld ist nicht alles. Für Prof. Christel Bienstein braucht die Pflege „Menschen mit einem hohen Anspruch an ihren Beruf. Unabhängig davon, welchem Geschlecht sie sich zuordnen.“ Dabei ist eine gute Bezahlung ein Baustein. „Der Tarifabschluss ist ein kleiner Schritt in die richtige Richtung, aber der Weg ist damit noch längst nicht geschafft“, sagt sie. Sie hofft auf neue Rahmenbedingungen nach der Corona-Krise: „Bessere Arbeitsbedingungen, besserer Verdienst, mehr Wertschätzung und mehr gesellschaftliches Ansehen.“

In der Pflegebranche gebe es zunehmend Fachkräfte mit akademischer Ausbildung und hoher Spezialisierung. „Sie wollen Verantwortung übernehmen und sich beruflich entwickeln“, sagt Prof. Christel Bienstein. Die neue generalistische Pflegeausbildung mit der dualen beruflichen Ausbildung oder dem primärqualifizierenden Pflegestudium zum Bachelor of Nursing sei ein guter Ansatz, um junge Menschen, auch Abiturientinnen und Abiturieten, für den Beruf zu gewinnen.