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Für Deutschland im Ausland: Netzwerker*innen zwischen den Welten

Raus in die Welt, andere Länder kennenlernen oder sogar auf Dauer in der „Fremde“ leben –180.000 Deutsche verwirklichen jährlich diesen Traum. Die wenigsten kehren ihrer alten Heimat für immer den Rücken: Einige der derzeit fast vier Millionen Deutschen im Ausland gehen für die Interessen ihres Landes in die Fremde und agieren als Netzwerker*innen zwischen den Welten.

Blick auf verschiedene Reiseutensilien wie etwa einen Reisepass, eine Weltkarte, FLugtickets und Kreditkarten. (Foto: Julien Fertl)

„Ich hatte einfach Lust, eine weitere Fremdsprache zu lernen und habe mich für Spanisch entschieden“, erinnert sich Annika Glatz, „eine Entscheidung, die mein Leben verändert hat.“ Damals studierte die gebürtige Frankfurterin Betriebswirtschaftslehre (BWL) in Ravensburg und war auf der Suche nach einem Auslandspraktikum im Praxissemester. Nach einigen Bewerbungen in spanischsprachigen Ländern klappte es bei der Deutschen Auslandhandelskammer (AHK) in Santiago de Chile. Die AHK unterstützt deutsche Unternehmen, Kontakte zur chilenischen Bergbauindustrie zu knüpfen, etwa um Zugang zu Kupfer oder Lithium zu bekommen – zwei Rohstoffe, die die Energiewende in Deutschland antreiben.

Dass sie nach Chile zurückkehren wollte, war der heute 32-jährigen Projektleiterin nach dem Praktikum klar. Sie erkämpfte sich, trotz rudimentärem Spanisch, als eine der ersten Europäerinnen einen Master-Studienplatz im Fach Internationale Beziehungen an der Universidad de Chile, hielt Kontakt zu ihren ehemaligen AHK-Kollegen und hatte schließlich das Glück, dass am Ende ihres Studiums eine Stelle bei der Kammer frei wurde. „Mit Bergbau kannte ich mich überhaupt nicht aus“, sagt sie. „Viel wichtiger ist die Fähigkeit, sich in neue Themen einarbeiten zu können, das Vertrauen in den eigenen gesunden Menschenverstand, die Freude am Umgang mit anderen und eine gewisse interkulturelle Sensibilität.“

Balance zwischen unterschiedlichen Kulturen

Ein Porträtfoto von Annika Glatz. (Foto: privat) Ein Porträtfoto von Annika Glatz. (Foto: privat)

Annika Glatz

„Anders als in Deutschland ist der Bergbau bei den Chilenen positiv besetzt, weil er den Wohlstand im Land gesteigert hat“, berichtet sie. Mit Infos zu neuen technischen Möglichkeiten, Vorträgen zur Energiewende in Deutschland und Newsletter-Aussendungen versucht sie, die beiden Perspektiven zusammenzuführen. „Für einen ersten Job von Anfang an sehr viel Verantwortung, sehr abwechslungsreich, viel Learning-by-doing – gerade was den Spagat zwischen den Kulturen betrifft.“ Das gehe nur mit Offenheit und Toleranz. „Es ist nichts besser oder schlechter, sondern eben nur anders“, sagt sie, auch mit Blick auf ihr Privatleben. Mittlerweile ist sie mit einem Chilenen fest liiert und hat eine kleine Tochter. „Ich selber versuche eine gute Balance zwischen meiner eigenen Kultur und dem, was hier gelebt wird, zu finden.“

Annika Glatz ist eine von vier Millionen Deutschen, die derzeit einen kulturellen Seilakt im Ausland vollführen. 76 Prozent davon verfügen über einen Hochschulabschluss und die Hälfte arbeitet in hochqualifizierten Berufen. Anders als Annika Glatz bleibt allerdings nur ein Drittel längere Zeit in der Ferne, wie das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BIB) in einer aktuellen Studie herausgefunden hat. Wer von ihnen beruflich Brücken zwischen alter und neuer Heimat schlägt, ist ungewiss, sagt Claudia Silvestroni, Beraterin bei der Zentralen Auslands- und Fachvermittlung (ZAV) der Bundesagentur für Arbeit. Klar dagegen sei, dass nicht nur ein BWL-Studium auf eine Aufgabe im internationalen Umfeld vorbereitet.

Arbeitsfelder Wirtschaft, Politik und Kultur

Ein Porträtfoto von Claudia Silvestroni (Foto: privat) Ein Porträtfoto von Claudia Silvestroni (Foto: privat)

Claudia Silvestroni

„Im medizinisch-therapeutischen Bereich haben auch Leute mit einer Ausbildung eine Chance, ansonsten braucht man ein Studium, aber eigentlich keines, das international ausgerichtet ist“, weiß Claudia Silvestroni. Es gebe auch viele Möglichkeiten für „normale“ Naturwissenschaftler*innen, Ingenieure*innen, Sprach-, Sozial- und Geisteswissenschaftler*innen als deutsches Bindeglied ins Ausland zu gehen: „Für Privatwirtschaft und Handel oder im kulturellen und politischen Austausch“, erklärt sie und verweist auf Einsatzfelder im Bereich Entwicklungszusammenarbeit, im Journalismus, in den 157 Goethe-Instituten in 98 Ländern der Welt und auf das Auswärtige Amt. Dieses unterhält nicht nur deutsche Botschaften und Konsulate in 227 Ländern der Welt, sondern auch multilaterale Vertretungen bei internationalen Organisationen wie der Europäischen Union oder den Vereinten Nationen (UN).

„Energie, Klima, Migration, Sicherheit und Frieden – die großen Probleme unserer Zeit lassen sich nur multilateral angehen. Das wird immer wichtiger“, ergänzt Hellmut Meinhof vom Büro Führungskräfte zu Internationalen Organisationen (BFIO). Das Büro gehört zur ZAV und berät über Zugangswege zu Organisationen wie OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung), UNESCO (Organisation der Vereinten Nationen für Bildung, Wissenschaft, Kultur und Kommunikation), Weltbank, WHO (Weltgesundheitsorganisation) oder UNHCR (UN-Flüchtlingskommissariat). „Etwas bewirken, etwas Sinnstiftendes tun, im Fall der UN, mit 193 Staaten unter einem Dach, gemeinsam daran arbeiten, das große Ganze, die Welt zu einem besseren Ort für alle zu machen, ist ein unglaublich spannendes Arbeitsfeld“, sagt er und betont, dass internationale Organisationen mitnichten nur Beamt*innen im Auswärtigen Dienst offenstehen.

Multilaterale Zusammenarbeit

Ein Porträtfoto von Hellmut Meinhof. (Foto: Marcel Schmutzler) Ein Porträtfoto von Hellmut Meinhof. (Foto: Marcel Schmutzler)

Hellmut Meinhof

„Die internationalen Stellenausschreibungen richten sich an alle Führungs- und Fachkräfte weltweit, wobei Deutschland ein großes Interesse daran hat, dass sich viele Deutsche bewerben“, sagt Hellmut Meinhof. „Bei einigen Organisationen sind wir noch etwas unterrepräsentiert.“ Hochschulabsolvent*innen mit mindestens zweijähriger Berufserfahrung greift das BFIO deshalb im Auftrag der Bundesregierung mit dem Programm Junior Professional Officer (JPO) unter die Arme. „Der Master ist Voraussetzung. Für eine EU-Laufbahn reicht dagegen formal ein Bachelorabschluss aus.“

Dem Interesse an den Stellen tut auch die Corona-Krise keinen Abbruch, wie Hellmut Meinhof sagt: „Menschen, die etwa in Entwicklungsländern arbeiten wollen, haben ohnehin ein anderes Sicherheitsbedürfnis.“ Auf Arbeitgeberseite, beispielsweise bei den Vereinten Nationen (UN), sei man auch besser auf die Situation vorbereitet: „Die Strukturen bei den Vereinten Nationen sind resilienter. Man ist auf Krisen eingestellt und gewohnt, Lösungen zu finden.“ Auch das Arbeiten im Homeoffice sei kein Neuland bei derartigen Organisationen, die digitale Zusammenarbeit ohnehin seit Jahren gängige Praxis. „Jedoch gibt es Bereiche, wo Homeoffice nicht geht – im Flüchtlingslager muss man vor Ort sein“, weiß Hellmut Meinhof.

Ob auf europäischer Ebene, weltweit oder bilateral – wer beruflich zwischen den Kulturen arbeiten möchte, braucht Interesse an gesellschaftlichen Zusammenhängen und eine Vorstellung davon, was es heißt, anders zu denken und zu leben, merkt Claudia Silvestroni an. „Sich nur über Instagram ein Bild von der Welt gemacht zu haben oder Bücher über interkulturelle Kompetenz zu lesen, reicht nicht.“ Stattdessen müsse man früh Auslandserfahrung sammeln, idealerweise noch vor dem Studium bei einem Auslandsschuljahr, einem Freiwilligendienst, Work & Travel- oder Au-pair-Aufenthalt, Minimum sechs Monate am Stück. „Spätestens im Studium muss man sich ranhalten, Sprachkenntnisse intensivieren und ein Semester zum Beispiel für ein Praktikum weggehen“, ist ihre Empfehlung. „Ich empfehle dabei, sich nicht ausschließlich auf englischsprachige Länder zu konzentrieren.“

Auch Claudia Silvestroni stellt trotz Corona ein hohes Interesse an Stellen fest, nur wenige wollen lieber später ins Ausland gehen. „Die wichtigere Frage ist, ob sie dürfen und ob es Stellen gibt, denn es werden kaum mehr Praktika angeboten.“ Sie empfiehlt Bewerber*innen, die Warnungen des Auswärtigen Amts zu lesen, die sich ja ständig ändern. „Oft sind es die Zielländer, die ihre Grenzen geschlossen haben, während Deutschland eine Ausreise erlauben würde.“

Migrationshintergrund von Vorteil

Wer zweisprachig aufgewachsen ist und zwei Welten kennt, bringt unter Umständen bereits viele der gefragten Kompetenzen mit: „Ein Migrationshintergrund kann von Vorteil sei, wenn man sich mit dem Land der Eltern oder Großeltern aktiv auseinandergesetzt hat“, merkt Claudia Silvestroni an. Hellmut Meinhof ergänzt: „Sprachen sind zwar wichtig, aber noch wichtiger ist es zu wissen, was es heißt, sich in unterschiedlichen Kulturen zu bewegen.“ In diesem Sinne macht er allen Mut, sich nicht vom vermeintlich elitären Anstrich abschrecken zu lassen, gerade wenn man fachlich alle Voraussetzungen mitbringt.

„Die halbe Miete ist Netzwerkarbeit. Man braucht Spaß am Kommunizieren und Interesse daran, gute belastbare Beziehungen im Ausland aufzubauen. Die Fähigkeit zur Selbstpräsentation und eine situative Wachheit sind ebenfalls gute Voraussetzungen“, sagt er und Claudia Silvestroni fügt an: „Man muss Lust auf Land und Leute haben. Wer das nur macht, um später zu Hause schneller die Karriereleiter hochzuklettern, wird in seiner Zeit als Brückenbauer an Grenzen stoßen.“

Weitere Infos

Wege ins Ausland

Gemeinschaftliches Portal von neun Institutionen (u.a. das DAAD, das GIZ und die ZAV), die neutral und kostenlos zum Thema „Ausland“ beraten und informieren.

wege-ins-ausland.org

Deutsche Auslandshandelskammern (AHK)

Die AHKs beraten, betreuen und vertreten weltweit deutsche Unternehmen, die ihr Auslandsgeschäft auf- oder ausbauen wollen. Sie helfen zudem qualifizierten Bewerbern bei der Suche nach passenden Stellen im Ausland.

ahk.de

Germany Trade & Invest (GTAI)

Mit über 50 Standorten weltweit und einem Partnernetzwerk unterstützt GTAI deutsche Unternehmen bei ihrem Weg ins Ausland, wirbt für den Standort Deutschland und begleitet ausländische Unternehmen bei der Ansiedlung in Deutschland.

gtai.de

Rausvonzuhaus

Informationen rund um das Thema Auslandsaufenthalte und internationale Begegnungen für junge Leute inklusive Länderinformationen.

rausvonzuhaus.de

Deutscher Akademischer Austauschdienst (DAAD)

daad.de

Goethe-Institut

Das Goethe-Institut ist ein gemeinnütziger Verein, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, die Kenntnis der deutschen Sprache im Ausland zu fördern, die internationale kulturelle Zusammenarbeit zu pflegen und ein umfassendes, aktuelles Deutschlandbild zu vermitteln.

goethe.de

Verein Deutsche im Ausland (DIA)

Ziel des Vereins ist die Bereitstellung von Informationen, Adressen und Links zur Verbesserung der Lebensverhältnisse von Deutschen im Ausland.

deutsche-im-Ausland.org

Bundesinsitut für Bevölkerungsforschung (BIB)

Das BiB unterstützt u.a. die Bundesregierung bei der internationalen Zusammenarbeit in Bevölkerungsfragen im Rahmen der Vereinten Nationen.

bib.bund.de

Verband deutscher Bediensteter bei internationalen Organistationen (VDBIO)

vdbio.org

BERUFENET

Das Netzwerk für Berufe der Bundesagentur für Arbeit mit über 3.000 ausführlichen Berufsbeschreibungen in Wort und Bild.

berufenet.arbeitsagentur.de

Büro Führungskräfte zu Internationalen Organisationen (BFIO)

Informationen für Führungs- und Nachwuchskräfte zu allen Fragen der Beschäftigung bei Internationalen Organisationen.

bfio.de

studienwahl.de

Infoportal der Stiftung für Hochschulzulassung in Kooperation mit der Bundesagentur für Arbeit. Hier kannst du im „finder“ nach Studiengängen in ganz Deutschland suchen.

studienwahl.de

Auswärtiges Amt

Das Auswärtige Amt vertritt die Interessen Deutschlands in der Welt, es fördert den internationalen Austausch und bietet Deutschen im Ausland Schutz und Hilfe. Im Internet bietet es ausführliche Länderinformationen wie Reise- und Sicherheitshinweise.

auswaertiges-amt.de

Zentrale Auslands- und Fachvermittlung (ZAV)

Die ZAV der Bundesagentur für Arbeit berät auslandsinteressierte Arbeitnehmer, Ausbildungssuchende und Studierende, die ihren Wohnsitz in Deutschland haben und sich für einen lang- oder kurzfristigen Aufenthalt im Ausland interessieren.

arbeitsagentur.de/vor-ort/zav/startseite

Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ)

bmz.de

Deutsche Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (GIZ)

Die GIZ unterstützt die Bundesregierung ihre Ziele in der internationalen Zusammenarbeit für nachhaltige Entwicklung zu erreichen.

giz.de

Bundesstelle für Auswanderer und Auslandstätige

Hier gibt’s Informationen zu Einreise-, Aufenthalts- und Zollbestimmungen sowie arbeits-, steuer- und sozialversicherungsrechtlichen Regelungen in unterschiedlichen Ländern.

bva.bund.de