„Ein Plan B kann der Angst entgegenwirken“

Frau am Schreibtisch
Eine gewisse Anspannung vor Prüfungen ist nichts Außergwöhnliches. Eine gute Prüfungsvorbereitung wirkte dem Stress und der Angst entgegen.
Foto: Julien Fertl

Prüfungsanst - Interview

„Ein Plan B kann der Angst entgegenwirken“

Das Abi ist rum und schon geht’s weiter: Hausarbeiten, Berichte, Klausuren, Referate. Gerade Prüfungsformen, bei denen man auf Anhieb funktionieren muss, setzen viele Studierende unter Druck. Im Interview erklärt Wilfried Schumann, Leiter des Psychologischen Beratungs-Service des Studentenwerks Oldenburg, wann ein gesundes Maß an Lampenfieber überschritten ist und was man dann tun kann.

abi» Ab wann spricht man von echter Prüfungsangst?

Wilfried Schumann: Etwas Nervosität und Lampenfieber in Prüfungen sind normal, ein mittleres Maß sogar leistungssteigernd. Manche haben aber schon Wochen vor der Prüfung Horrorphantasien, was alles an Negativem passieren kann oder psychosomatische Symptome, z. B. dass sie nicht richtig schlafen können oder zu viel oder zu wenig essen. Gefürchtet sind Blackouts in der Prüfung, die völlig handlungsunfähig machen, den Zugriff auf sicher gelerntes Wissen verhindern und in der Folge die Angst schüren, dass so etwas wieder auftreten könnte.

abi» Was kann man dagegen tun?

Wilfried Schumann: Eine solide Lerngrundlage beruhigt. Je nach Umfang sollte spätestens vier Wochen vor dem Prüfungstermin mit dem Lernen begonnen werden. Dabei muss man Prioritäten setzen – 100 Prozent Vorbereitung schafft niemand. Eine mündliche Prüfung kann man vorher simulieren, indem jemand den Prüfer spielt. Bei schriftlichen Prüfungen kann man sich vorher Probeklausuren beschaffen und üben, Aufgaben unter Zeitdruck konzentriert zu bearbeiten. Man sollte sich auch klar machen, dass es keine Situation ist, die über Leben und Tod und die ganze weitere Karriere entscheidet. Einen Plan B zu haben, kann der Angst entgegenwirken.


Portraitbild von Wilfried Schumann

Wilfried Schumann

Foto: Universität Oldenburg

abi» Was hilft in der konkreten Prüfungssituation?

Wilfried Schumann: Vor der Klausur den Stoff nicht noch einmal hektisch durchgehen, sondern entspannt starten, andere Studierende ausblenden. Sinnvoll ist es, mit den leichten Aufgaben anzufangen. So hat man schon ein paar Punkte sicher und Erfolgserlebnisse. Darauf achten, wieviel Zeit man insgesamt und somit für die einzelnen Aufgaben hat. Sich erlauben, Aufgaben liegenzulassen, bei denen man nicht vorankommt.

abi» Was tun, wenn all das nichts hilft?

Wilfried Schumann: Psychologische Beratungsstellen der Hochschulen und Studentenwerke sind die ersten Anlaufstellen. Wenn man vor Angst nicht mehr vernünftig denken und handeln kann, trotz Vorbereitung ständig scheitert in Prüfungen und die eigene Leistungsfähigkeit nie richtig nachweisen kann. Oder wenn man bei jeder Prüfung so leidet, dass man durch die Hölle geht. Wenn die Prüfungsangst mit Selbstwertproblemen – also stärker mit der Persönlichkeit – zu tun hat, sollten Verhaltenstherapeuten hinzugezogen werden.

abi» Hat sich der Beratungsbedarf seit Einführung von Bachelor und Master verändert?

Wilfried Schumann: Ja, die Umstellung des Studiensystems auf Bachelor und Master hat mehr Druck ins System gebracht, da Prüfungsnoten bereits ab dem ersten Semester in die Abschlussnote eingehen. Viele Studierende stellen große Ansprüche an sich selbst. Deshalb haben wir viel mehr Studierende, die mit Überlastung, Stress und Überforderung zu tun haben.

Weitere Informationen

studienwahl.de

Infoportal der Stiftung für Hochschulzulassung in Kooperation mit der Bundesagentur für Arbeit. Hier kannst du dich über das Studieren im Ausland informieren und im „finder“ nach Studiengängen in ganz Deutschland suchen.
studienwahl.de

 Hochschulkompass

Das Hochschul- und Studiengangsinformationssystem der Hochschulrektorenkonferenz bietet Informationen über deutsche Hochschulen und internationale Kooperationen.
www.hochschulkompass.de

Deutsches Studentenwerk

Infos und Tipps rund ums Studium
www.berufenet.arbeitsagentur.de
21. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks
www.studentenwerke.de/de/sozialerhebung-des-deutschen-studentenwerks

„Studierendenstress in Deutschland“ (PDF)

Studie der AOK in Zusammenarbeit mit der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg.
http://www.ph-ludwigsburg.de/uploads/media/AOK_Studie_Stress.pdf

Leitfaden zur Prüfungsangst der Universität Bielefeld (PDF)

http://www.uni-bielefeld.de/erziehungswissenschaft//scs/pdf/leitfaeden/
studierende/pruefungsangst.pdf

 

Prüfungsangst – Beratungsprotokoll

Rollenspiele verändern Sichtweisen

Vorsicht Prüfung: Wenn aus ein bisschen Lampenfieber panische Angst wird, sind Leute wie Birgit Rominger gefragt. Die Diplom-Psychologin und psychologische Psychotherapeutin, berät seit vielen Jahren Studierende am Studierendenwerk Berlin – und schildert für abi», welche Wege es aus der Angstspirale gibt.

Eine 25-Jährige Linguistik-Studentin kam mit massiver Prüfungsangst zu mir – ich notierte mir: Bei dem Gedanken ans Lernen wird sie fast panisch, verwirrt, die Hände werden kalt, der Mund trocken, sie bekommt extremes Herzklopfen, bereits Monate vor der Prüfung. Deshalb zieht sie sich aus dem sozialen Umfeld zurück.

Dieser Studierenden riet ich, in meine Prüfungsangst-Gruppe zu kommen. Sechs bis neun Betroffene tauschen sich hier meist in Form eines zweitägigen Kompaktworkshops am Wochenende aus. Die Schilderungen der anderen sorgen dafür, dass sich Betroffene verstanden und nicht mehr allein mit ihrem Problem fühlen.

Techniken zur körperlichen Entspannung

Ich arbeite an drei Aspekten, die eng zusammenhängen: der körperlichen Seite, der gedanklichen und der Verhaltensseite. Für die körperliche Seite übe ich verschiedene Entspannungsverfahren mit den Betroffenen ein, da nicht eines für jeden gleichermaßen passt. Dabei halte ich Entspannungsarten, die nach innen gerichtet sind, für weniger geeignet als solche, die nach außen orientiert sind, um aus dem Gedankenkarussell herauszukommen.

Portrait Birgit Rominger

Birgit Rominger

Foto: Jana Judisch

Für die Verhaltensseite mache ich Spiele mit den Studierenden. So fordere ich sie auf, sich auf verschiedene Arten hinzusetzen, mal so wie ein prüfungsängstlicher Student und mal wie eine kompetente Studentin. Zweiter wichtiger Baustein ist, dass jeder die Situation nachspielt, in der er Angst hatte. Oder jemand anderes spielt die Situation nach. So sieht sich der Betroffene von außen und kann sich selbst ein Coach sein. Diese Spiele lösen etwas anderes aus, als wenn betroffene Studierende mir nur davon erzählen.

Prüfungsablauf gedanklich durchspielen

Ich gehe mit den Betroffenen den Ablauf der Prüfung genau durch: Wie stehe ich in der Tür, wie gehe ich hinein, was denke ich. Wir machen auch Visualisierungsübungen: Man stellt sich bildlich vor, wie man konzentriert etwas schreibt, wie man mit Fragen umgeht, auf die man nicht gefasst war und so weiter. Um beispielsweise in der mündlichen Prüfung nicht wegzugleiten, ist es hilfreich, mit den Prüfenden immer wieder Blickkontakt zu halten und zum Nachdenken etwas nach oben zu schauen. Ein weiterer wichtiger Tipp: Vorher bestimmte Formulierungen üben, Fachbegriffe laut aussprechen und wiederholen. Sich selber Fragen stellen, leichte, mittelschwere, ganz schwere.

So ging ich das auch bei der 25-jährigen Linguistik-Studentin an. Ihr wurde sehr deutlich, wieviel sie über sich selbst nachdenkt und wie sehr sie es allen recht machen möchte. Wenn man an den eigenen Fähigkeiten zweifelt, hat man keine Chance, selbstbewusst in eine Prüfung zu gehen. Am Ende des Workshops hatte sie mehr Vertrauen in sich bekommen und die Prüfung geschafft!

 

Prüfungsarten - Glossar

Schriftlich, mündlich, in jedem Fall wissenschaftlich

Wer studiert, dessen Leistung wird laufend überprüft. Und alle Bewertungen fließen in die Endnote mit ein. Dabei ist Prüfung nicht gleich Prüfung. abi» gibt dir einen kleinen Überblick. Aber Achtung, je nach Studiengang variieren die Bezeichnungen und beinhalten andere Elemente.

Klausur

Die gängigste Form der Leistungsüberprüfung. Dabei wird dein Wissen aus einer Lehrveranstaltung schriftlich abgefragt. Meist dauert eine Klausur ein bis zwei Stunden. Es gibt Klausuren, die schriftlich bearbeitet werden müssen, aber auch Multiple Choice-Prüfungen oder Klausuren in elektronischer Form.

Hausarbeit / Seminararbeit

Wissenschaftliche Arbeit von rund 10 bis 30 Seiten, um ein Thema mittels Recherche zu ergründen und schriftlich darzustellen. Für die Bearbeitung bis zur Abgabe der fertigen Arbeit hast du meist einige Wochen Zeit.

Referat / Präsentation

Zu einem meist vorgegebenen Thema filterst du die wichtigsten Inhalte heraus, bereitest diese auf und trägst sie im Seminar, zum Beispiel als Power-Point-Präsentation, vor. Oft ist ein Referat oder eine Präsentation eine Ergänzung zu einer schriftlichen Seminararbeit.

Bericht / Protokoll

Der Bericht oder das Protokoll fasst die wichtigsten Erkenntnisse eines Projekts, eines Praktikums, eines Experiments oder einer Lehrveranstaltung zusammen. Ziel ist es, Geschehnisse zu dokumentieren und wissenschaftlich nachvollziehbar zu machen. Berichte und Protokolle können ausformuliert oder in Stichpunkten verfasst sein.

Mündliche Prüfung

In einer mündlichen Prüfung wirst du meist 15 bis 30 Minuten lang über den Stoff eines Seminars oder eines (vorgegebenen) Themas abgefragt. Die Gestaltung der Prüfung hängt vom Prüfenden ab, so kann vereinbart werden, dass zunächst kurz über ein Thema referiert wird, alternativ beginnt die Prüfung gleich mit offenen Fragen durch den oder die Prüfer. Es gibt mündliche Prüfungen, in denen du allein geprüft wirst und solche, in denen mehrere Prüflinge befragt werden.

Essay

Sonderform der Hausarbeit: Du setzt dich mit einer Fragestellung auseinander und beantwortest sie plausibel. Der Text wird kurz, aber wissenschaftlich verfasst.

Exzerpt

Du wertest nur eine Quelle zu einer spezifischen Frage aus, erfasst die Kerngedanken des Texts und gibst den Grundaufbau der Quelle knapp wieder. Neben bibliografischen Angaben zur Quelle und Zitaten notierst du auch eigene Gedanken zum Text.

Zwischenprüfung

Mit diesem Leistungsnachweis (meist in einer Kombination aus schriftlicher und mündlicher Prüfung) schließt du einen größeren Abschnitt deines Studiums ab.

Abschlussarbeit

Mit dieser schriftlichen Arbeit schließt du dein Studium ab (Bachelor oder Master) und beweist deine Fähigkeit, wissenschaftlich arbeiten zu können. Üblicherweise hast du für das Schreiben deiner Abschlussarbeit einen längeren Zeitraum von mehreren Wochen oder Monaten. Je nach Studienfach variiert der Umfang deiner Abschlussarbeit zwischen 30 und über 150 Seiten.

Kolloquium

Das Abschlusskolloquium ist die mündliche Verteidigung deiner Abschlussarbeit zur Erlangung des Bachelor- bzw. Masterabschlusses. Vor einer Prüfungskommission und teilweise auch vor Zuhörern stellst du die Ergebnisse deiner Abschlussarbeit vor und beantwortest manchmal auch Fragen dazu.

Weitere Prüfungsarten

Lerntagebuch / Lernportfolio, Laborkolloquium, Protokolljournal, Laborpraktikum, Aufführung, Vorspiele, Anfertigen von Kunstwerken, Gutachten etc.


Diese Beiträge im abi-Portal könnten dich auch interessieren:

  • Rollenspiele verändern Sichtweisen

  • Schriftlich, mündlich, in jedem Fall wissenschaftlich

  • Über Umwege zum Ziel

  • Gründlich und gewissenhaft

Logo Bundesagentur f�r Arbeit
Stand: 16.10.2019