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Studieren in der Corona-Krise – Hilfsangebote bei Sorgen und Nöten

„Mit seinen Sorgen nicht alleine bleiben“

Geldsorgen, Einsamkeit, Zukunftsangst: Auch bei Studierenden löst die Corona-Krise Anspannung und Ängste aus. Psychotherapeut Wilfried Schumann, der den Psychologischen Beratungs-Service der Universität und des Studentenwerks Oldenburg leitet, hat mit abi» darüber gesprochen, was zurzeit im Umgang mit Sorgen und Ängsten hilft.

Das Bild zeigt eine Person von hinten.

Bei vielen Studierenden löst die aktuelle Situation große Sorgen und Ängste hervor.

abi» Herr Schumann, melden sich bei Ihnen derzeit vermehrt Studierende, die in der Corona-Krise Unterstützung suchen?

Wilfried Schumann: Als die Universitäten geschlossen wurden und unser Land in eine Schockstarre fiel, gab es zunächst einen Rückgang der Anfragen. Das ändert sich gerade wieder, weil Studierenden deutlich wird, dass es sich nicht um eine Krise handelt, die nach zwei oder drei Wochen erledigt ist, sondern die in den kommenden Monaten ihr persönliches Leben und ihre Studiensituation massiv beeinflussen wird.

abi» Welche sind die größten Sorgen der Studierenden?

Ein Porträt von Wilfried Schumann

Wilfried Schumann

Wilfried Schumann: Ganz vorne stehen finanzielle Sorgen. Vielen ist die Finanzierungsgrundlage ihres Studiums weggebrochen, weil sie ihren Nebenjob verloren haben oder weil die Eltern nicht mehr wie bisher finanzielle Unterstützung leisten können. Darüber hinaus gibt es eine große Verunsicherung hinsichtlich der Fortführung des Studiums. Zwar ist es schon mal beruhigend, dass das Sommersemester nicht komplett ausfällt und immerhin digitale Lehre stattfindet. Aber es gibt natürlich viele Studiengänge, in denen Praxisanteile absolviert werden müssen, und bei denen davon auszugehen ist, dass es zu Studienverzögerungen kommen wird. Weiterhin sehen viele Studierende die angestrebten beruflichen Perspektiven gefährdet, da niemand weiß, wie lange wir mit den wirtschaftlichen Folgen der Krise und rapide gestiegener Arbeitslosigkeit konfrontiert sein werden. Angst vor der Gefährdung der eigenen Gesundheit durch eine Covid-19-Erkrankung sehen wir bei Studierenden in der Beratung kaum, ihre Sorgen in dieser Hinsicht gelten eher Angehörigen, Eltern und Großeltern.

abi» Was kann helfen, mit den eigenen Ängsten umzugehen?

Wilfried Schumann: Hilfreich ist es, sich nicht rund um die Uhr über die Medien mit neuen Schreckensmeldungen zu überfluten, sondern sich dosiert und ausgewogen zu informieren. Für den Umgang mit Ängsten ist das beste Mittel, wenn man mit seinen Sorgen und Befürchtungen nicht alleine bleibt und in negative Gedankenspiralen abgleitet, sondern den Austausch mit Freunden oder Familie sucht. Auf diese Weise können Ängste geteilt werden und man spürt, dass man mit vielen Empfindungen nicht alleine steht. Gleichzeitig jedoch kann man sich gegenseitig beruhigen, miteinander nach Lösungen suchen und bekommt so wieder Zuversicht.

abi» Ein Austausch wird aktuell durch die Kontakteinschränkungen erschwert. Was können Studierende trotzdem tun?

Wilfried Schumann: Gerade in dieser Situation ist es wichtig, kreativ zu sein und zu schauen, welche Kontakte sich unter diesen Bedingungen realisieren oder vielleicht sogar neu entwickeln lassen. So rate ich beispielsweise Studierenden, die unter der Einsamkeit und Langeweile im Home-Office leiden und schmerzlich das Campus-Leben vermissen, sich in Tandems oder Kleingruppen zusammenzuschließen und sich per Videokonferenz gemeinsam durch den Arbeitstag zu begleiten.

abi» Was kann dabei helfen, die eigene psychische Widerstandfähigkeit zu stärken?

Wilfried Schumann: Diese Krise wird vorübergehen. Für unser psychisches Wohlbefinden ist es essenziell, trotz der gegenwärtigen Ungewissheiten nicht die Zuversicht zu verlieren. Wenn wir unterscheiden können, wo wir im Moment ohnmächtig sind und Situationen nur aushalten und akzeptieren können, und wo wir auf der anderen Seite Entwicklungen beeinflussen und voranbringen können, dann hilft uns das, in unserem Leben eine aktive und gestaltende Rolle einzunehmen. Dies ist eine entscheidende Quelle für Wohlergehen. Anders ausgedrückt: Es gibt im Augenblick eine ganze Reihe von Einschränkungen und durchkreuzten Plänen. Doch statt sich ausschließlich mit dem zu beschäftigen, was gerade nicht geht, ist es sinnvoller, danach zu schauen, welche Spielräume und Gestaltungsmöglichkeiten ich in meinem persönlichen Alltag oder in Studium und Beruf unter den aktuellen Bedingungen besitze, und mich dort zu engagieren.

abi» Wie sieht gute Selbstfürsorge aus?

Wilfried Schumann: Dazu gehören Bewegung in der Natur, gute Ernährung, gute zwischenmenschliche Begegnungen und Beziehungen, eine gute Balance zwischen Aktivität und Erholung.

abi» Wann ist der Zeitpunkt gekommen, um mir professionelle Hilfe zu suchen?

Wilfried Schumann: Immer dann, wenn ich merke, dass ich durch belastende Emotionen, Gedanken und Verhaltensweisen in meinem Leben sehr beeinträchtigt bin, und wenn deutlich wird, dass ich mit Menschen aus dem persönlichen Umfeld keine Lösung für diese Probleme finde, ist es klug, mich um professionelle psychologische Beratung zu kümmern.

Weitere Informationen

Psychologische Beratung der Studentenwerke

Die meisten der deutschen Studentenwerke bieten eine kostenlose psychologische Beratung an, derzeit vor allem telefonisch und online. Hier kann man einen Berater am eigenen Hochschulstandort finden:

studentenwerke.de

Tipps der PSB Göttingen

Die Psychosoziale Beratungsstelle des Studentenwerks Göttingen hat „10 Tipps, um alleine zurechtzukommen“ zusammengestellt.
studentenwerk-goettingen.de

Seelisches Wohlbefinden während der Corona-Zeit (BZgA)

Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) bietet Tipps zur psychischen Gesundheit sowie eine kostenlose Telefonberatung (0800 23 22 783) an.

infektionsschutz.de

Corona-Hotline des BDP

Unter 0800 777 22 44 (täglich von 8-20 Uhr) bietet der Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen (BDP e.V.) aktuell kostenlos psychologische Beratung an.
bdp-verband.de

Psychologische Corona-Hilfe der DGPs

Auf ihren Seiten hat die Deutsche Gesellschaft für Psychologie (DGPs) Informationen und Unterstützung für Menschen zusammengestellt, die sich durch die Corona-Krise psychisch belastet fühlen.
psychologische-coronahilfe.de

Psychotherapeuten-Suche der KBV

Bei der Suche nach einem Psychotherapeuten, einem Hausarzt oder anderen Fachärzten hilft die Suchmaske der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV).
kbv.de

Telefonseelsorge

Die Telefonseelsorge erreichen Ratsuchende rund um die Uhr unter 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222 oder 116 123. Auch eine Beratung per Mail, Chat sowie vor Ort wird angeboten. Das Angebot ist kostenfrei.
telefonseelsorge.de

Nummer gegen Kummer

Unter 116 111 stehen Jugendlichen von Montag bis Samstag von 14-20 Uhr sowie Montag, Mittwoch und Donnerstag von 10-12 Uhr kostenfrei Berater und Beraterinnen am Telefon zur Verfügung. Auch eine anonyme, kostenfreie Online-Beratung wird angeboten.
nummergegenkummer.de

abi» 12.05.2020

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