Weniger ist manchmal mehr

Ein junger Mann sitzt auf einem Balkon und studiert ein Informatik-Fachbuch.
Wer keine 40 Stunden in der Woche für sein Studium aufbringen kann, für den könnte ein Teilzeitstudium eine gute Alternative darstellen.
Foto: Andreas Franke

Studieren in Teilzeit

Weniger ist manchmal mehr

Für ein normales Vollzeitstudium wenden Studierende rund 40 Stunden pro Woche auf. Doch was, wenn man nicht so viel Zeit in das Studium investieren kann? Dafür gibt es unterschiedliche Gründe – und entsprechende Möglichkeiten, das Studienvolumen zu reduzieren.

Mara Krax hat einen zweigeteilten Tag: Sie ist einerseits Kauffrau für Büromanagement und studiert andererseits im achten Fachsemester Wirtschaftswissenschaften – beides an der FernUniversität in Hagen. An der Hochschule ist sie im Bereich Personal tätig. „Ich arbeite Vollzeit und studiere nach Feierabend in Teilzeit. Pro Woche lerne ich in der Regel etwa für fünf bis sechs Stunden“, erzählt die 24-Jährige. An Wochenenden versucht sie, mit einem Studien- und einem Freizeittag ein Gleichgewicht zu finden.

„Da ich das Studium innerhalb von fünf Jahren abschließen möchte, belege ich pro Semester zwei bis drei Module von insgesamt 16 und schreibe am Schluss meine Bachelorarbeit“, erklärt sie. Ein straffes Programm, doch die berufstätige Studentin hat ihren Weg gefunden: „Es ist alles eine Frage des Zeitmanagements. Jeder muss zudem seine eigene Lernmethode finden.“

Präsenz- gegen Fernstudium getauscht

Ein Porträt-Foto von Mara Krass

Mara Krax

Foto: Veit Mette

Ihrem Weg ging ein kurzer Umweg voraus: Nach dem Abitur hatte Mara Krax zunächst an der Fachhochschule Dortmund ein Semester lang Energiewirtschaft studiert, bis ihr klar wurde, dass ihr die dort gelehrte höhere Mathematik nicht liegt. Stattdessen sollte es die Ausbildung zur Kauffrau für Büromanagement sein. Einen Ausbildungsplatz ergatterte sie bei der FernUni Hagen, wollte aber zugleich gerne weiter studieren – daher nahm sie parallel das Bachelorstudium in Wirtschaftswissenschaften an der Hochschule auf, nun aber in Teilzeit. Nach Ausbildungsabschluss wurde Mara Krax übernommen, arbeitet und studiert seither weiter in Hagen.

Der Richtungswechsel stellte sich als goldrichtig für sie heraus: „In meinem ersten Studium war ich nur eine von vielen in der Masse. Jetzt kann ich mir aussuchen, ob ich alleine arbeiten will oder mit einer Lerngruppe. Auch im Fernstudium gibt es unterschiedliche Möglichkeiten, mit anderen Studierenden in Kontakt zu kommen“, erzählt sie. Und damit nicht genug: Wenn Mara Krax den Bachelor of Science abgeschlossen hat, möchte sie gerne berufsbegleitend ein Masterstudium anschließen.

Manchmal geht es nur in Teilzeit

Ein klassischer Grund für ein Teilzeitstudium ist wie bei Mara Krax eine Arbeit, die in ihrem Umfang über einen Nebenjob hinausgeht. Aber auch besondere Lebenssituationen können erfordern, die Zeit für das Studium zu reduzieren, wenn man beispielsweise hochschulpolitisch engagiert oder Leistungssportler ist, ein Kind bekommt, Angehörige pflegt oder selbst gesundheitlich eingeschränkt ist. Rund 11 Prozent der Studierenden in Deutschland sind chronisch krank, körperlich oder psychisch beeinträchtigt. Aber auch für Studierende, die ihr Studium durch Jobben finanzieren müssen, kann ein Teilzeitstudium sinnvoll sein. (Wie viele Studierende das Angebot nutzen und wie deutsche Hochschulen im europäischen Vergleich dastehen, erfährst du im Interview „Für wen eignet sich ein Teilzeitstudium?“.)

„Hochschulen sind gesetzlich verpflichtet, ein Teilzeitstudium zu ermöglichen“, erklärt Katja Barth, Studierendenberaterin an der Beuth Hochschule für Technik in Berlin. „Die Regelungen dafür sind von Bundesland zu Bundesland verschieden, vor allem aber sind sie von der Satzung der einzelnen Hochschule abhängig. Über Möglichkeiten eines Teilzeitstudiums können die Studienberatungsstellen der Hochschulen informieren.“

In manchen Lebenslagen kann es auch nötig sein, das Studium für kurze Zeit auszusetzen. Eine offizielle Beurlaubung, das Urlaubssemester, kann in diesen Fällen Luft verschaffen und einem Studienabbruch vorbeugen. (Mehr zum Thema erfährst du in der Reportage „Dem Berufswunsch Arzt in Asien nachspüren“ sowie in den FAQ „Alles rund ums Urlaubssemester“.)

Drei Varianten des Teilzeitstudiums

Grundsätzlich bestehen drei Möglichkeiten, in Teilzeit zu studieren: Erstens kann ein Studium von vornherein als Teilzeitstudium angeboten und beispielsweise berufsbegleitend absolviert werden. Zweitens können Studierende formell eine Genehmigung ihrer Hochschule dafür erhalten, ein Studium von Vollzeit auf Teilzeit zu reduzieren, wenn sie wichtige Gründe vorbringen können. (Ein Beispiel zeigt die Reportage „Spitzensport und Studium unter einen Hut bringen“ auf.) Drittens gibt es Vollzeitstudierende, die weniger Veranstaltungen besuchen und dafür ein Überschreiten der Regelstudienzeit in Kauf nehmen – und informell, aber de facto in Teilzeit studieren. (Weitere Informationen liefert dir die Übersicht „Modelle fürs Studieren in Teilzeit“.)

Zu beachten ist, dass für ein Studium in Teilzeit kein BAföG gezahlt wird. Auch erlischt der Kindergeldanspruch für Studierende bis zum 25. Lebensjahr, wenn sie mehr als 20 Stunden pro Woche arbeiten. Wenn man allerdings zu 50 Prozent dem Arbeitsmarkt zur Verfügung steht, kann man unter bestimmten Voraussetzungen Arbeitslosengeld I beantragen.

Berufsbegleitend studieren

Wer parallel zu einer Berufstätigkeit studieren möchte, kann also berufsbegleitend studieren im Präsenz- oder Fernstudium oder ein normales Präsenzstudium in Teilzeit absolvieren. „Für berufsbegleitende Studiengänge sind sehr häufig Semestergebühren zu zahlen“, merkt Carsten Ebbinghaus an, Berufsberater der Agentur für Arbeit Hamburg. „Die größte Hürde hierbei ist die eigene Motivation. Sich zusätzlich zur Arbeit mit den Studieninhalten auseinanderzusetzen, ist eine relativ große Belastung. Das gilt für ein Fernstudium in Eigenregie genauso wie für ein berufsbegleitendes Studium, das man nach dem Job abends oder am Wochenende absolviert.“

Bei Option zwei ist es wichtig, die notwendigen Absprachen bereits im Vorfeld mit dem Arbeitgeber zu treffen, rät Carsten Ebbinghaus: „Die Voraussetzung ist, dass der Arbeitgeber flexible Arbeitszeiten gewährt. Ein Studium – auch in Teilzeit – ist auf Vollzeitstudierende ausgelegt, die tagsüber Zeit haben. Und wer in einem Semester montags und dienstags Kurse belegen konnte, ist vielleicht im nächsten Semester darauf angewiesen, donnerstags und freitags in die Uni gehen zu können.“ Dafür kann man seinen Arbeitsplatz behalten und erhält – je nach Absprache – weiterhin ein Gehalt. Auch ermöglicht einem das Studium womöglich den beruflichen Aufstieg im Unternehmen.

Den Zugang zu anderen Studierenden oder zu Lerngruppen zu finden, kann sich aber schwierig gestalten. „Wer erheblich länger studiert, erlebt zwei oder sogar drei Jahrgänge von Studierenden. Außerdem stellt sich hier unter Umständen weniger die Frage, welche Kurse interessieren mich inhaltlich, sondern welche passen zeitlich zu mir“, weiß der Berufsberater.

Mehr Informationen

BERUFENET
Das Netzwerk für Berufe der Bundesagentur für Arbeit mit über 3.000 aktuellen Berufsbeschreibungen in Text und Bild.
www.berufenet.arbeitsagentur.de

 

studienwahl.de

Infoportal der Stiftung für Hochschulzulassung in Kooperation mit der Bundesagentur für Arbeit. Hier kannst du im „finder“ nach Studiengängen in ganz Deutschland suchen, die du unter anderem auch nach Teilzeitangeboten filtern kannst.
www.studienwahl.de

 

Hochschulkompass
Informationen über deutsche Hochschulen, deren Studienangebote, Ansprechpartner und internationale Kooperationen
www.hochschulkompass.de

 

Deutsches Studentenwerk (DSW)
Allgemeine Infos für Studierende zum Thema Wohnen, zu Versicherungen, Ausbildungsförderung etc.
www.studentenwerke.de

 

21. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerkes
www.sozialerhebung.de/Hintergrund/ueberdiesozialerhebung

 

Centrum für Hochschulentwicklung (CHE)
Das gemeinnützige CHE hat Teilzeitstudiengänge unter die Lupe genommen und Teilzeitstudierende befragt. (PDF)
www.che.de/downloads/CHE_AP_213_Teilzeitstudium_Check_2018_19.pdf

 

Eurostudent
Projekt mit Studien zu Hochschulen und Studierenden in Europa
www.eurostudent.eu

 

Studieren in Teilzeit – Übersicht

Modelle fürs Studieren in Teilzeit

Teilzeitstudium, berufsbegleitendes Studium oder ein reduziertes Vollzeitstudium – welches Modell für wen in Frage kommt und was es jeweils zu beachten gilt, erklärt Katja Barth, Studierendenberaterin der Beuth Hochschule für Technik in Berlin.

Formelles Teilzeitstudium

Es gibt Studiengänge, die von vornherein als Teilzeitstudium ausgewiesen sind. Annähernd 2.680 Studiengänge werden laut Hochschulkompass der Hochschulrektorenkonferenz offiziell in Teilzeit angeboten (Stand: Oktober 2018). Das Studium dauert in diesem Falle in der Regel doppelt so lange, ist aber inhaltlich genauso anspruchsvoll.

Berufsbegleitendes Teilzeitstudium (im Präsenz- oder im Fernstudium)

Das berufsbegleitende Teilzeitstudium in Präsenz erfolgt häufig in Abendveranstaltungen oder in Blöcken an Wochenenden. In der Regel werden hier zehn bis 15 Stunden berufsbegleitend zusätzlich zur normalen Arbeitswoche studiert. Im Fernstudium sind die Studierenden in ihrer Zeiteinteilung frei.

Berufsbegleitende Studienangebote gibt es bei privaten, aber auch bei vielen staatlichen Hochschulen. Die Unterschiede in den Gebühren sind allerdings beträchtlich – hier gilt es, vorab zu vergleichen.

Wer schon eine Anstellung hat, kann für sein Studium eventuell eine individuelle Absprache mit dem Unternehmen treffen: Manche Firmen stellen Angestellte für die Vorlesungszeit frei und zahlen monatlich weiterhin ein Gehalt, auch wenn die Angestellten nur in den Semesterferien arbeiten können. Das ist für viele Firmen eine gute Möglichkeit, ihre Mitarbeiter fortzubilden.

Formelles Teilzeit- im Vollzeitstudium

Wer sein Studium in Vollzeit begonnen hat, aber merkt, dass er aufgrund eines Leistungssports, einer Krankheit, pflegebedürftiger Eltern, eigener Kinder oder aus anderen Gründen nicht genügend Zeit aufbringen kann, der kann ein formelles Teilzeitstudium beantragen. Nach den Voraussetzungen müssen sich Studierende an ihrer Hochschule erkundigen. Zum Beispiel können sich die Studierenden die zeitliche Aufteilung nicht immer selbst aussuchen. Je nach Hochschule muss regelmäßig ein neuer Antrag oder ein Verlängerungsantrag für das Teilzeitstudium gestellt werden.

Informelles Teilzeit- im Vollzeitstudium

Jeder kann ein Studium zeitlich strecken. Phasenweise oder im gesamten Studienverlauf wird dann in einer verlangsamten Geschwindigkeit studiert und die Anzahl an Studien(fach)semestern erhöht sich – die Regelstudienzeit wird also überschritten. Dieses Vorgehen ist nicht ohne Fallstricke: Studierende sollten sich bei der jeweiligen Fakultät oder bei der Studierendenberatung erkundigen, ob es eine offizielle maximale Anzahl an Semestern gibt, um nicht plötzlich mit einer Exmatrikulation konfrontiert zu werden. Auch können für ein Langzeitstudium Studiengebühren fällig werden.

 

Studieren in Teilzeit – Interview

Für wen eignet sich ein Teilzeitstudium?

Die meisten Studierenden können in Vollzeit studieren, dennoch ist so mancher auf Teilzeitmodelle angewiesen. Wie viele sie in Anspruch nehmen, wie deutsche Hochschulen im europäischen Vergleich dastehen und welche Unterstützungen Teilzeitstudierende bekommen, weiß Stefan Grob, Pressesprecher des Deutschen Studierendenwerks (DSW).

abi>> Herr Grob, wie beliebt sind Studienmodelle beziehungsweise Regelungen in Deutschland, die ein reduziertes Studienvolumen erlauben?

Stefan Grob: Die 21. Sozialerhebung des DSW hat ergeben, dass 97 Prozent der Studierenden in einem Vollzeitstudiengang an deutschen Hochschulen eingeschrieben sind. Davon geben fünf Prozent an, dass sie de facto, also inoffiziell, in Teilzeit studieren. Offiziell sind zwei Prozent in Teilzeitstudiengängen eingeschrieben. Ein Prozent studiert mit Teilzeitregelung in einem Vollzeitstudiengang. Begehrt ist das Studium in Teilzeit also nicht.

abi>> Wie haben sich die Zahlen in den vergangenen Jahren entwickelt?

Ein Porträt-Foto von Stefan Grob

Stefan Grob

Foto: Kay Herschelmann

Stefan Grob: Das Teilzeitstudium hat nicht nennenswert an Bedeutung gewonnen: 2016 sind lediglich zwei Prozent in einem formalen Teilzeitstudiengang immatrikuliert, 2012 war es ein Prozent.

abi>> Wie steht die deutsche Hochschullandschaft in diesem Thema im internationalen Vergleich da?

Stefan Grob: Im europäischen Vergleich bildet Deutschland mit drei Prozent offiziellen Teilzeitstudierenden das Schlusslicht. Das hat das Projekt „Eurostudent IV Social and Economic Conditions of Student Life in Europe“ gezeigt, in dessen Ergebnisse auch die 21. Sozialerhebung eingeflossen ist. Polen führt die Liste der Anzahl europäischer Teilzeitstudierender mit 37 Prozent an, im europäischen Mittel sind es 17 Prozent.

abi>> Und wie viele deutsche Studierende unterbrechen ihr Studium?

Stefan Grob: Der Anteil derer, die ihr Studium unterbrechen – offiziell oder inoffiziell für mindestens ein Semester seit Erstimmatrikulation –, lag im Jahr 2016 bei 16 Prozent. Betrachtet nach Hochschulart haben anteilig mehr Studierende an Universitäten (18 Prozent) als an Fachhochschulen (10 Prozent) ihr Studium mindestens einmal unterbrochen.

abi>> Welche Gründe haben sie dafür?

Stefan Grob: In der Studie waren Mehrfachnennungen möglich: Knapp ein Viertel (23 Prozent) der Studienunterbrecher zweifeln am Sinn des Studiums. Jeder Fünfte berichtet von akuten gesundheitlichen Problemen und 19 Prozent geben an, dass sie aufgrund eines Praktikums ihr Studium unterbrochen haben. Knapp ein Sechstel (17 Prozent) berichtet, dass sie diese Entscheidung aufgrund einer Erwerbstätigkeit getroffen haben, 16 Prozent wegen einer finanziellen Problemlage.

abi>> Wie stark ist das Netz der Unterstützung für Teilzeitstudierende oder Studierende im Urlaubssemester, die durch Elternschaft oder Pflege eines Angehörigen mehr Verantwortung tragen oder durch eine Krankheit beeinträchtigt sind?

Stefan Grob: Sowohl das Unterhaltsrecht als auch das BAföG gehen davon aus, dass für eine (Voll-)Finanzierung die volle Arbeitskraft in das Studium gesteckt wird. BAföG und Elternfinanzierung fallen also aus. Wer beispielsweise durch Krankheit, Schwangerschaft oder Gremientätigkeit an der Ausbildung gehindert ist, kann BAföG-Förderung über die Förderungshöchstdauer hinaus erhalten. Das BAföG-Amt gibt für den konkreten Fall Auskunft.
Ein Urlaubssemester nimmt, wer ausnahmsweise gerade nicht studieren kann. Weil kein Studium betrieben wird, kann keine Ausbildungsförderung geleistet werden. Dann ist man unter Umständen auf Arbeitslosengeld II angewiesen. Ob während eines Urlaubssemesters trotzdem Prüfungsleistungen erbracht werden können, regelt das jeweilige Landeshochschulgesetz.

 

Teilzeitstudium im Vollzeitstudiengang

Spitzensport und Studium unter einen Hut bringen

Sportlerin im olympischen Team des Karateverbandes zu sein und gleichzeitig erfolgreich ein Vollzeitstudium zu absolvieren, war für Charlotte Grimm zu viel des Guten. Die 21-Jährige ist daher auf ein Teilzeitstudium umgestiegen und damit sehr zufrieden.

Im Jahr 2016 gelang Charlotte Grimm der große sportliche Erfolg: Sie wurde Karate-Europameisterin. Die 21-Jährige studiert aber auch im zweiten Semester Sportwissenschaften an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. „Während meines ersten Semesters wurde ich in das Nationalteam des Deutschen Karateverbandes aufgenommen. Es wurde also immer mehr mit dem Sport“, berichtet sie.

Flexible Einteilung möglich

Ein Porträt-Foto von Charlotte Grimm

Charlotte Grimm

Foto: privat

„Ich habe ziemlich bald gemerkt, dass ich neben dem Studium nicht noch 20 Stunden pro Woche Sport machen kann. Es gab nur zwei Optionen: weniger Karate oder schlechtere Noten.“ Charlotte Grimm hat beim Olympiastützpunkt Rat gesucht: „Meine Beraterin hat daraufhin einen Antrag auf Teilzeitstudium gestellt, der dann auch bewilligt wurde“, erzählt sie. An der Uni Jena ist dieser Ablauf gut erprobt, ist sie doch Partnerhochschule für deutsche Spitzensportler.

Charlotte Grimm passte daraufhin den Aufwand für das Studium an den Karatesport an: „Es wird Semester geben, in denen ich weniger Wettkämpfe und weniger Karatelehrgänge besuche. Dann belege ich so viele Lehrveranstaltungen wie möglich und studiere vielleicht sogar wieder in Vollzeit.“ Ist sie in einem Semester aber viel auf Reisen oder passen die Kurszeiten nicht zu ihren Trainingszeiten, studiert sie reduziert weiter. „Das Gute ist, dass ich dann trotzdem kein Urlaubssemester einlegen muss.“

Gutes Zeitmanagement erforderlich

Nach dem Abitur wollte Charlotte Grimm erst mal etwas anderes machen und entschied sich für ein Jahr im Freiwilligen Wehrdienst. Währenddessen wurde ihr klar, dass sie Sportwissenschaften studieren wollte. Sie bewarb sich und bekam nach der erfolgreichen Eignungsprüfung einen Studienplatz.

„Es war eine gute Entscheidung, Sport zu studieren. So verstehe ich meine Trainingspläne besser und weiß genau, warum ich das mache. Für Sportwissenschaften belegen wir Module in Trainingswissenschaften, Bewegungswissenschaften und Biomechanik“, erzählt sie. Aber auch viel Praxis gehört dazu, Individual- und Mannschaftssport. „Für mich ist es total interessant, auch mal andere Sportarten auszuprobieren, denn bisher habe ich nur Karate gemacht“, erklärt Charlotte Grimm.

Im Moment trainiert sie täglich morgens eine Dreiviertelstunde nach dem Trainingsplan des Karateverbands: „Ich fahre Fahrrad, gehe joggen oder trainiere Stabilisation oder Sprints. Anschließend lerne ich für die Uni und besuche mittags und nachmittags Kurse.“ Der späte Nachmittag ist dann wieder dem Karate gewidmet. Dafür fährt Charlotte Grimm auch mal in andere Städte – überall dorthin, wo sie gute Trainingspartner vorfindet. Am Wochenende hat sie in der Regel entweder Lehrgänge oder Wettkämpfe. Und wenn nicht, bleibt Zeit zum Lernen.

Die Dozenten und Kommilitonen ziehen mit

„Ich habe ein Riesenglück, dass ich an der Uni Jena studieren kann, da sie auf Spitzensportler eingestellt ist. Wenn ich auf Reisen bin, ist es so einfacher für mich, eine Prüfung zu verschieben. Die Dozenten sind sehr nett und stellen mich für einzelne Vorlesungen frei. Oft fragen sie sogar nach, wie ein Wettkampf gelaufen ist.“ Auch sind viele ihrer Kommilitonen Sportler: „Von ihnen bekomme ich sogar Mitschriften von Vorlesungen, wenn ich etwas verpasst habe“, sagt Charlotte Grimm.

Ihr Resümee für die Entscheidung, in Teilzeit zu studieren, ist durchweg positiv: „Ohne das Teilzeitstudium könnte ich nicht im Nationalteam bleiben. Aber mit dem Teilzeitstudium kann ich meinen Leistungssport betreiben und parallel auf einen akademischen Abschluss hinarbeiten.“ Um ihre Bachelorarbeit schreiben zu dürfen, muss sie 180 Creditpoints vorweisen. „Und dann kann ich den Master machen“, blickt sie in ihre Zukunft.

Finanzierungsmöglichkeiten für Spitzensportler im Studium

Sportförderung

Die Sportförderung des Bundes unterstützt Sportverbände und ihre Sportlern finanziell darin, optimale Trainings- und Wettkampfbedingungen zu schaffen. In diesem Rahmen besteht für junge Spitzensportler die Möglichkeit, zur Bundespolizei zu gehen oder sich als Sportsoldat bei der Bundeswehr zu verpflichten, um Sport und Ausbildung/Studium finanziell und organisatorisch miteinander zu verbinden.

www.bmi.bund.de/DE/themen/sport/sportfoerderung/
sportfoerderung-node.html

Deutsche Sporthilfe – Athletenförderung

Die gemeinnützige Stiftung bietet unter anderem studierenden Athleten Stipendien an – gemessen an ihrem Erfolg in der Weltspitze. Der Förderetat 2017 betrug 15,2 Millionen Euro für rund 4.000 Nachwuchs- und Spitzensportler.

www.sporthilfe.de/athletenfoerderung

Stipendienlotse

Datenbank für Stipendien in Deutschland. Suchergebnisse sind nach individuellen Bedingungen filterbar

www.stipendienlotse.de

 

Urlaubssemester

Dem Berufswunsch Arzt in Asien nachspüren

Nach vier Semestern Medizinstudium in Münster wollte Thilo Papenroth (21) noch einmal neu für sich entdecken, warum er sich für sein Studienfach entschieden hat. Zusammen mit seiner Freundin nahm er ein Urlaubssemester, engagierte sich in Nepal für Lepra-Kranke und reiste durch Asien.

Ich wollte und will Arzt werden, um etwas zu tun, wovon andere profitieren können. Und natürlich will ich helfen“, erzählt Thilo Papenroth. Er studiert im fünften Semester Humanmedizin an der Uni Münster. Nach den ersten Semestern, in der es hauptsächlich um Wissenserwerb ging, war dieses Ziel für ihn allerdings nicht mehr so deutlich erkennbar. „Im Laufe des zweiten Studienjahres habe ich gemerkt, dass mich das Lernen von dem entfernte, was mich eigentlich zum Studium gebracht hat. Also haben meine Freundin, die ebenfalls Medizin studiert, und ich beschlossen, eine Pause einzulegen. Um die Zeit sinnvoll zu füllen, engagierten wir uns in der Shanti Leprahilfe in der nepalesischen Hauptstadt Kathmandu.“ Der in Dortmund ansässige Verein betreibt in Nepal ein Krankenhaus, eine Schule, unterschiedliche Werkstätten und ökologischen Landbau.

Für den Antrag auf das Urlaubssemester musste Thilo Papenroth die Bescheinigung des Freiwilligendienstes einreichen. Damit wurde das Urlaubssemester von seiner Uni bewilligt. Den Semesterbeitrag musste er trotzdem bezahlen, aber der Betrag für das Semesterticket, das den größten Teil der Gesamtsumme ausmacht, wurde ihm erstattet. Die Bewilligung des Urlaubssemesters musste er anschießend beim BAföG-Amt einreichen, damit die Zahlungen für das halbe Jahr ausgesetzt und nach hinten verlängert werden. Um die Auszeit zu finanzieren, hatte der 21-Jährige neben dem Studium als Fundraiser und in einem Wohnheim für Demenzkranke gejobbt.

Ab ins kalte Wasser!

Ein Porträt-Foto von Thilo Papenroth

Thilo Papenroth

Foto: privat

Im Spätsommer 2015 war es soweit: Seine Freundin und er flogen nach Nepal, um für die nächsten drei Monate bei der Shanti Leprahilfe zu arbeiten. „Die Kranken haben keine aktive Lepra mehr, sind aber von der Gesellschaft ausgeschlossen. Im hinduistischen Glauben gehen die Menschen davon aus, dass die Kranken schlechtes Karma haben und deshalb für ihr Leid selbst verantwortlich sind“, erzählt Thilo Papenroth.

Eine Vorbereitung für den Freiwilligendienst bei Shanti gibt es üblicherweise nicht – Thilo Papenroth und seine Freundin mussten ins kalte Wasser springen und sich selbst Aufgaben suchen. „Am Anfang habe ich mich etwas hilflos gefühlt und dachte, kaum Kompetenzen für diese Art von Entwicklungszusammenarbeit zu haben.“ Seinem Engagement tat das aber keinen Abbruch: Der Medizinstudent organisierte und betreute Ausflüge oder machte mit den Kindern Musik. Er drehte zwei Image-Videos für die Initiative und entwickelte ein Konzept für die Physiotherapie-Abteilung. „Einmal habe ich sogar dabei geholfen, einen fahrradbetriebenen Fahrstuhl zu reparieren“, erinnert er sich schmunzelnd.

Auch aufgrund des Kaltstarts in das selbstgewählte Aufgabenfeld hat die Zeit in Nepal viel bei Thilo Papenroth ausgelöst: „Es war eine sehr erdende Erfahrung, mit so viel Leid konfrontiert zu sein. Und auch wenn das abgedroschen klingt: Ich habe verstanden, wie glücklich ich mich schätzen kann, in Deutschland aufgewachsen zu sein.“

Reisend die Welt ergründen

Die zweite Hälfte des Urlaubssemesters nutzten Thilo Papenroth und seine Freundin fürs Reisen. Zwei Wochen wanderten sie zusammen mit einem Guide in Nepal und umrundeten den mit 8.163 Metern achthöchsten Berg der Erde, den Manaslu.

Kurz nach Weihnachten war das Paar zwei Wochen in Thailand. „Das war ein ziemlicher Kontrast zu Nepal. Die Züge fuhren pünktlich, alles war einfach und übersichtlich. Danach sind wir nach Laos gefahren, um zu wandern, bis wir in Vietnam und Kambodscha für weitere zwei Wochen mit den Eltern meiner Freundin verbracht haben. Da haben wir es uns einfach nur gut gehen lassen.“ Die letzten vier Wochen des Urlaubssemesters verbrachten sie in Myanmar. „Das Reisen war dort etwas mühsamer, trotzdem genossen wir die Zeit sehr.“

Und wie geht es zuhause weiter?

Wieder in Deutschland hat sich Thilo Papenroth an der Uni zurückgemeldet – wie für jedes andere Unisemester auch. Und weil in Münster der Start für das Medizinstudium sowohl zum Sommer- als auch zum Wintersemester möglich ist, werden die Kurse durchgehend angeboten. So konnte er nahtlos an sein vorangehendes Unisemester anschließen.

Einerseits hat der 21-Jährige sofort wieder in den Alltag zurückgefunden; anderseits hat er die Erlebnisse nicht so schnell verarbeiten können und das Zurückkehren auch als frustrierend erlebt: „Bei mir hat sich so viel bewegt und in Münster ist fast alles gefühlt stillgestanden.“

Also veränderte der angehende Mediziner Schritt für Schritt selbst Dinge in seinem Leben: Da ihm sowohl eine Vor- als auch eine Nachbereitung des Freiwilligendienstes gefehlt hatte, engagiert er sich nun in der gemeinnützigen Organisation „Brückenwind“ in Münster und setzt sich dort kritisch mit der Entwicklungszusammenarbeit auseinander. Er kündigte seinen Nebenjob im Heim für Demenzkranke und nahm stattdessen einen Job in einer Klinik im OP-Bereich an. Außerdem macht Thilo Papenroth wieder mehr Musik und kann vor allem das Studium lockerer sehen – ohne sein Ziel, ein guter Arzt zu werden, aus den Augen zu verlieren: „Ich habe tiefer verstanden, dass es nicht nur um Noten geht.“

 

Urlaubssemester – FAQ

Alles rund ums Urlaubssemester

Eine offiziell genehmigte Unterbrechung des Studiums wird auch Urlaubssemester genannt. Dieses ist für jene gedacht, die für einen kurzen Zeitraum ihr Studium nicht weiterführen können oder wollen. Katja Barth, Studienberaterin der Beuth Hochschule in Berlin, klärt die wichtigsten Fragen.

Was ist ein Urlaubssemester?

Das ist die Unterbrechung eines Studiums für die Dauer eines halben Jahres. Die Studierenden bleiben währenddessen immatrikuliert, das Urlaubssemester wird aber nicht als Fachsemester angerechnet.

Welche Vorteile bietet ein Urlaubssemester?

Man muss seinen Studienplatz nicht aufgeben. Wenn das eigene Einkommen nicht über einer Beitragsbemessungsgrenze liegt, ist man noch als Studierender krankenversichert. Diese Beitragsbemessungsgrenze ändert sich jährlich.

Wann ist es sinnvoll, ein Urlaubssemester zu beantragen?

Manche Hochschulen schreiben vor, dass das Studium in einer bestimmten Anzahl von Semestern absolviert werden muss. Wird die Regelstudienzeit stark überschritten, können sogar Studiengebühren fällig werden. Auch kann es sein, dass ein Modul nach einer bestimmten Semesterzahl abgeschlossen werden muss. Wenn das eine Vorgabe ist, die Studierende mit dem Folgesemester nicht erreichen, kann ein Urlaubssemester sinnvoll sein. Weitere Gründe können ein Freiwilligendienst, Betreuungsaufgaben oder ein Praktikum sein.

Was ist speziell beim BAföG-Bezug zu beachten?

Erhält ein Studierender BAföG, ist aber über einen längeren Zeitraum nicht studierfähig, sollte er sich beurlauben lassen. Denn wer nach dem dritten Fachsemester im Bachelor nicht die vorgegebene Punktzahl vorweisen kann, bekommt ab dem vierten Fachsemester kein BAföG mehr. Während eines Urlaubssemesters hat der Studierende zwar keinen Anspruch auf BAföG, kann aber in der Zeit Arbeitslosengeld II beantragen.

Was ist beim Antrag auf Urlaubssemester zu beachten?

In der Regel ist ein Urlaubssemester erst ab dem zweiten Semester möglich. Die Fristen für die Beantragung sind hochschulabhängig. Bei einigen Hochschulen müssen Studierende ihr Urlaubssemester im Vorsemester beantragen, bei anderen genügt die Beantragung im laufenden Semester.

Was gehört zum Antrag?

In der Regel muss ein schriftlicher Antrag an die Studienverwaltung gestellt werden. Der Antrag muss auf jeden Fall begründet sein. Eine akute Erkrankung muss durch ein ärztliches Attest nachgewiesen werden, eine Schwangerschaft mit der Kopie des Mutterpasses oder die Betreuung des eigenen Kindes bis zur Vollendung des dritten Lebensjahres durch die Vorlage der Geburtsurkunde. Wer pflegebedürftige Eltern betreut, kann ebenfalls ein ärztliches Attest vorlegen. Wer für einen befristeten Zeitraum eine Vollzeitstelle angenommen hat oder ein freiwilliges Praktikum machen möchte, der kann ebenfalls entsprechende Bescheinigungen oder Verträge vorlegen. Gleiches gilt für einen Studienaufenthalt im Ausland.

Darf ich während eines Urlaubssemesters noch studieren?

Der Besuch von Lehrveranstaltungen ist nur sehr eingeschränkt erlaubt. Erstprüfungen sind in der Regel während eines Urlaubssemester nicht zugelassen, Wiederholungsprüfungen eventuell schon. Bei Zweifeln können die jeweiligen Fakultäten weiterhelfen. Auch zu beachten ist, dass Studierende während eines Urlaubssemesters nicht als Werkstudierende arbeiten dürfen.

Wann muss ich KEIN Urlaubssemester beantragen?

Es lohnt sich immer nachzufragen, ob ein Urlaubssemester tatsächlich nötig ist. Manchmal braucht man kein Urlaubssemester, um etwa ins Ausland zu gehen oder ein freiwilliges Praktikum zu machen. Für diese individuellen Fragen sind Studierendenberatungen die richtige Anlaufstelle.


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Stand: 23.10.2019