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„Menschen mit Behinderungen sind viel mehr als nur ihr Handicap“

Ein Porträtbild von Toby Käp
Masterstudent und Comedian Toby Käp macht auf humoristische Art und aus seiner Sicht des Hörgeschädigten auf Missstände aufmerksam
Foto: Oliver Sigloch

Toby Käp

„Menschen mit Behinderungen sind viel mehr als nur ihr Handicap“

Der Stand-up-Comedian Toby Käp (30) nimmt aus seiner Sicht des Hörgeschädigten komische Situationen mit mal unbeholfenen, mal bornierten Mitmenschen aufs Korn – und nicht zuletzt sich selbst. Mit abi» spricht der Masterstudent der Theologie und Geschichte auch über sein Studium und was aus seiner Sicht für Studierende mit Behinderungen getan werden muss.

abi» Herr Käp, warum haben Sie den Humor als Mittel gewählt, auf Missstände aufmerksam zu machen und Menschen zum Nachdenken anzuregen?

Toby Käp: Ich bin nicht auf die Bühne gegangen, weil ich auf Missstände aufmerksam machen möchte, sondern weil ich gemerkt habe, dass ich Leute unterhalten und zum Lachen bringen kann. Darüber hinaus bediene ich mit der Thematik der Hörschädigung ein Nischen-Thema und kann meinem Publikum Einblick geben, wie alltägliche Situationen von Menschen wahrgenommen werden, die hörgeschädigt sind. Humor macht es ungemein einfach, Inhalte mit Tragweite zu verarbeiten oder zu vermitteln.

abi» Diese Inhalte betreffen unter anderem Ihre Studienzeit. Wie sind Ihre Erfahrungen?

Ein Porträt-Foto von Toby Käp

Toby Käp

Foto: Oliver Sigloch

Toby Käp: Ich habe zum Beispiel einen Dozenten erlebt, der sich weigerte, eine Anlage zu nutzen, die das Gesprochene direkt ins Hörgerät überträgt. Das würde ihn beim Halten seiner Vorlesung behindern. Ich habe am Anfang meines Studiums drei Monate Verwaltungsaufwand betrieben, bis die Universität eine dieser Anlagen angeschafft hat. Es gibt nun genau eine. Vielleicht denkt die Universität ja bis heute, dass es nur mich als hörgeschädigten Studierenden gibt? Das Problem vieler ist, dass man mir und manch anderen unsere „Behinderung“ nicht direkt ansieht.

abi» Was sind aus Ihrer Sicht weitere Probleme, denen sich Studierende mit Behinderungen stellen müssen?

Toby Käp: Menschen mit Handicap müssen allein wegen des Verwaltungsaufwands mehr für ihr Studium leisten als andere: Rollstuhlfahrer müssen eventuell Anträge auf eine Raumänderung stellen, weil der Raum für sie nicht zugänglich ist. Menschen mit Sehbehinderungen brauchen vielleicht einen Dolmetscher oder ein Dolmetschprogramm für den PC, um das Gesprochene in Brailleschrift übersetzen zu lassen. Menschen, die körperlich so eingeschränkt sind, dass sie nicht eine ganze Sitzung lang mitschreiben können, brauchen Fachkräfte, die genau dafür ausgebildet worden sind. Betroffene könnten bestimmt noch viele weitere Beispiele nennen.

abi» Was könnte verbessert werden und wie?

Toby Käp: Hochschulen sollten sich fragen, wie sie die Arbeitsbedingungen für Studierende mit Behinderungen verbessern können. Und dabei reicht es nicht mehr aus, Beauftragte für chronisch kranke Studierende zu haben oder dass sich Lehrende einmal im Jahr zusammensetzen, um sich mit Fachleuten über die Theorie der Inklusion auszutauschen. Meiner Meinung nach sollten auf solchen Treffen betroffene Studierende sprechen, die die Probleme am eigenen Leib erfahren und wissen, wo die Inklusionsdefizite der Hochschule liegen. Und dann gilt: nicht nur über Inklusion reden, sondern sie auch leben.

abi» In welchen Situationen an der Hochschule oder im Alltag empfinden Sie Ihre Behinderung tatsächlich als Einschränkung?

Toby Käp: Wenn Gruppenarbeiten in zu kleinen Räumen stattfinden, in denen viele Leute gleichzeitig reden, ist das für mich sehr anstrengend und ermüdend. Doch das mache ich niemanden zum Vorwurf – es gibt halt Situationen, mit denen muss ich lernen zu leben. Nach einem langen Tag an der Universität meldet sich in der Mensa manchmal sehr hörbar mein chronischer Tinnitus. Dann ziehe ich Kopfhörer an und versuche, die Umgebungsgeräusche abzuschalten.

abi» Was möchten Sie jungen Menschen mit Behinderungen, die studieren möchten oder dies bereits tun, mit auf den Weg geben?

Toby Käp: Ich bin der Ansicht: Am Ende schafft man sein Studium, wenn man es will – trotz oder gerade wegen des körperlichen Defizits. Was viele vergessen: Menschen mit Behinderungen sind viel mehr als nur ihr Handicap – sie sind Menschen. Ich möchte nicht auf meinen Hörschaden reduziert werden, auch wenn ich ihn oft nennen muss, damit man versteht, wieso ich so bin, wie ich bin.

Mehr Infos

www.tobias-kaep.de

abi>> 21.12.2018