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Abfallentsorgung und -vermeidung: Interview

„Die Abfallwirtschaft ist systemrelevant“

Dr. Julia Vogel ist beim Umweltbundesamt im Bereich Abfalltechnik und Abfalltechniktransfer tätig. Im Interview spricht sie über systemrelevante Jobs, spannende Forschung und über Abfall als Rohstoff.

Das Foto zeigt vier Mülltonnen vor einer Hauswand.

Die Abfallentsorgung ist ein kompliziertes System. Für Verbraucher ist es nicht immer ganz einfach, die verschiedenen Materialien richtig zu trennen. Doch das ist die Grundlage für optimales Recycling.

abi» Frau Vogel, die wenigsten Menschen beschäftigen sich gerne mit dem Abfall, den sie hinterlassen. Wird der Bereich Abfallentsorgung und -vermeidung nach wie vor unterschätzt?

Julia Vogel: Auf jeden Fall. Wie wichtig der Bereich ist, hat ja nicht zuletzt die Corona-Krise bewiesen. Die Abfallwirtschaft ist systemrelevant. Ohne sie funktioniert es nicht.

abi» Aber gerade in der Krise plädieren auch viele dafür, Umweltaspekte hintenan zu stellen, um die Wirtschaft schnell wieder in Schwung zu bringen.

Ein Porträtfoto von Julia Vogel

Dr. Julia Vogel

Julia Vogel: Das ist genau der falsche Weg. Die Krise zeigt ja auch, wie schnell Lieferketten zusammenbrechen können. Deutschland ist ein rohstoffarmes Land. Je weniger Rohstoffe ein Land hat, desto wichtiger ist ein gut funktionierendes Recyclingsystem. Wir müssen lernen, Abfall als Rohstoff zu sehen, den wir wiederverwerten. Und dafür brauchen wir eine Kreislaufwirtschaft.

abi» Die haben wir noch nicht?

Julia Vogel: Nicht in allen Bereichen. Bei Glas und Papier funktioniert das schon ganz gut. Bei Verpackungen, Kunststoffen, Elektrogeräten oder Fahrzeugen muss noch viel mehr passieren. Auch weil die Verpackungsrichtlinie der EU uns dazu zwingt. Aber es tut sich auch einiges. Überall in Deutschland wird an richtig spannenden Dingen geforscht.

abi» Zum Beispiel?

Julia Vogel: Viel Hoffnung wird gerade in chemisches Recycling gesteckt, das die Wiederverwertung von Kunststoffen ermöglichen soll, die gerade noch nicht recycelt werden können. Weil sie gemischt oder verunreinigt sind. Momentan werden die meistens noch verbrannt. Beim chemischen Recycling kommt allerdings nicht 1:1 der gleiche Stoff heraus. Über thermochemische Verfahren können aus Kunststoffen andere Stoffe entstehen, Öle etwa – die dann in der Industrie wieder verwendet werden.

abi» Das klingt sehr aufwendig.

Julia Vogel: Das ist es auch. Aber um unser Abfallproblem zu lösen, müssen wir alle Möglichkeiten ausschöpfen. Unsere Aufgabe als Umweltbundesamt ist es dann auch, zu schauen, wie sinnvoll diese neuen Verfahren sind. Also wie die Ökobilanz am Ende aussieht. Zu diesem Thema haben wir gerade ein neues Projekt gestartet.

abi» Jetzt haben wir bisher vor allem darüber geredet, wie der Müllberg kleiner werden kann. Aber noch besser wäre ja, er würde gar nicht erst entstehen.

Julia Vogel: Das ist bei unserer Arbeit auch ein sehr wichtiger Aspekt. Bei der Abfallvermeidung spielen dann auch andere, nicht-technische Aspekte, eine große Rolle. Zum Beispiel Psychologie, aber auch das Produktdesign. Also wie sollte ein Produkt aufgebaut sein, dass es seinen Zweck erfüllt und am Ende einfach recycelt – oder auch repariert werden kann.

abi» Das Umweltbundesamt ist also so etwas wie eine Koordinierungsstelle für die Umwelt?

Julia Vogel: Genau, wir forschen selbst und schreiben Forschungsprojekte aus, informieren die Öffentlichkeit und beraten die Politik. Dabei arbeiten wir auch an Gesetzesvorschlägen mit.

abi» Was raten Sie Abiturienten, die sich für ein Studium im Bereich Abfallentsorgung und -vermeidung interessieren?

Julia Vogel: Unbedingt machen! Es passiert gerade so viel und wir brauchend dringend Experten auf diesem Gebiet. Mit so einem Studium kann man richtig viel bewegen. 

abi» 10.08.2020

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