Wenn es normal ist, verschieden zu sein

Rollstuhlfahrerin wird geschoben
Inklusion bedeutet, dass Menschen, egal mit welcher Beeinträchtigung befähigt werden, ein ganz normales Leben zu führen.
Foto: Martin Rehm

Inklusion studieren

Wenn es normal ist, verschieden zu sein

Inklusion bedeutet, dass Menschen mit und ohne Behinderungen ganz natürlich dazu gehören, überall dabei sein und selbstbestimmt leben können. Seit 2008 ist Inklusion als Menschenrecht in der UN-Behindertenrechtskonvention festgeschrieben. Auch Deutschland hat sich verpflichtet, Inklusion in ihrer ganzen Bandbreite umzusetzen. Damit das gelingt, bilden neue Studiengänge Experten auf dem Gebiet Inklusion aus.

Lea Schnell studiert im sechsten Semester Heilpädagogik an der Hochschule Nordhausen. Sie möchte Menschen helfen, selbstbestimmt leben zu können und ihr Recht auf Selbstständigkeit auszuüben: „Das Ziel ist dabei immer, dass die Menschen, egal mit welcher Beeinträchtigung, befähigt werden, ein ganz normales Leben zu führen“, erklärt die 22-Jährige. Dafür arbeitet sie in ihrem Praxissemester mit jungen Menschen mit und ohne Behinderungen, die in einem Wohnprojekt zusammenleben. Sie hilft Menschen, ihre eigenen Vorstellungen von einem für sie stimmigen Leben herauszufinden und umzusetzen. „Es gefällt mir, wenn ich sehe, dass die Menschen wachsen und sich entwickeln und so Teilhabe erlangen“, sagt sie.

Ein Porträt-Foto von Lea Schnell

Lea Schnell

Foto: privat

Schon während der Schulzeit hat Lea Schnell in einem kirchlichen Ehrenamt mit Kindern und Jugendlichen gearbeitet. Nach einem Freiwilligen Sozialen Jahr wusste sie endgültig, dass sie Heilpädagogik studieren möchte. Am Studium gefällt ihr besonders, dass die Seminargruppen relativ klein sind, so dass man sich leicht austauschen kann. „Uns wird ein praxisorientierter Ansatz vermittelt, wie Teilhabe und Selbstbestimmung aussehen können und wie beides umgesetzt werden kann.“

Was genau ist Inklusion überhaupt?

Ein Porträt-Foto von Christina Marx

Christina Marx

Foto: privat

Christina Marx, Bereichsleiterin Aufklärung bei „Aktion Mensch e.V.“ erklärt: „Inklusion bedeutet, alle Menschen können in allen gesellschaftlichen Bereichen partizipieren – und zwar unabhängig von Herkunft, Alter, Geschlecht oder Beeinträchtigung.“ Besonders essentiell ist Inklusion im Bereich Bildung. „Inklusion bedeutet hier, dass Kinder mit und ohne Behinderung zusammen in den Kindergarten gehen, die Schule besuchen oder eine Ausbildung machen. Wer bereits in der Kita oder in der Schule mit Inklusion vertraut ist, kann später anders damit umgehen. In der Arbeitswelt weiß man heute, dass Arbeitsergebnisse umso erfolgreicher sind, je gemischter ein Team ist. Nur haben Arbeitgeber oft gar kein Bewusstsein dafür, was ein Mensch mit Behinderung kann, dass er genauso leistungsfähig ist, wie ein Mensch ohne Behinderung“, erklärt Christina Marx.

Universitäten und Hochschulen warten in den letzten Jahren mit neuen Studiengängen auf, die nicht nur im sozialen und pädagogischen Bereich angesiedelt sind. Christina Marx weiß: „Es gibt immer mehr Studiengänge, die sich mit künstlicher Intelligenz beschäftigen, wie beispielsweise ‚Ambient Assisted Living’, das sich Technologien vom Smart Home zunutze macht und deren Anwendung für den Bedarf von Menschen mit Behinderungen erweitert. Auch im Bereich Sprachsteuerung und Sprachausgabe wird sich viel tun – nicht zuletzt deshalb, weil auch Menschen ohne Behinderung davon profitieren.“

Interdisziplinäre Studiengänge

Ein Porträt-Foto von Kathrin Müller

Kathrin Müller

Foto: privat

Um Menschen zu befähigen, Inklusion in allen Lebensbereichen umzusetzen, bieten Universitäten und Hochschulen neben den klassischen humanistischen Studiengängen im pädagogischen und sozialen Bereich interdisziplinäre Studiengänge an. Kathrin Müller, Berufs- und Studienberaterin der Agentur für Arbeit in Cottbus, berichtet: „Zum Beispiel bietet die Universität Siegen den Bachelor ‚Pädagogik: Entwicklung und Inklusion’ an. Der Studiengang zielt darauf ab, Absolventinnen und Absolventen Möglichkeiten zu eröffnen, in pädagogischen Handlungsfeldern tätig zu werden, die vor allem durch die Reorganisation des Bildungssystems und angrenzender Bereiche entstehen.“

Und die Frankfurt University of Applied Sciences bietet seit dem Sommersemester 2017 den Masterstudiengang „Diversität und Inklusion“ an. „Die Studierenden lernen unter anderem, Institutionen und Einrichtungen der Sozialen Arbeit für Diversität und Inklusion als Querschnittsthemen zu sensibilisieren. Hier wird interdisziplinär mit dem Masterstudiengang ‚Performative Künste in sozialen Feldern‘ zusammengearbeitet, um direkt auf soziale Felder einzuwirken. Studierende lernen hier, Kunstprojekte in kulturellen, sozialen und politischen Kontexten zu konzipieren und durchzuführen“, erklärt Kathrin Müller. An der gleichen Universität wird der Masterstudiengang „Barrierefreie Systeme“ angeboten. Der interdisziplinäre Studiengang wartet mit drei Schwerpunkten auf: „Planen und Bauen“, „Intelligente Systeme“ und „Case Management“. Barrierefreie Systeme sollen Menschen unabhängig von Alter und möglicher funktionaler Einschränkung eine selbstbestimmte und selbstständige Lebensführung ermöglichen.

Arbeitsmöglichkeiten an Schulen und im Bereich Soziale Arbeit

Wer im schulischen oder sozialen Bereich arbeiten möchte und sich auf Inklusion speialisiert, hat gute Chancen, weiß Claudia Suttner vom Team Arbeitsmarktberichterstattung der Bundesagentur für Arbeit: „Der Lehrkräftebedarf stellt sich nach Bundesländern, Schulformen und Schulfächern unterschiedlich dar. Die Arbeitslosigkeit ist im Verhältnis zu den erwerbstätigen Lehrern mit einer Quote von unter zwei Prozent sehr gering. Dem Thema Inklusion kommt aber überall eine wachsende Bedeutung zu.“

Der Arbeitsmarkt im Bereich Soziale Arbeit und Sozialpädagogik hat sich ebenso in den letzten Jahren sehr positiv entwickelt, berichtet die Arbeitsmarktexpertin: „Die Beschäftigungsstatistik weist für 2018 rund 338.000 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte in der Sozialen Arbeit aus – darunter sind 17.000 Heilpädagogen, das sind zwei Prozent mehr als im Vorjahr. Bezogen auf alle Erwerbstätigen waren akademische Fachkräfte im Bereich der Sozialen Arbeit wenig von Arbeitslosigkeit betroffen. Ihre studienfachspezifische Arbeitslosenquote lag bei 1,7 Prozent.“ Durchaus keine schlechten Berufsaussichten für Studierende im Bereich Inklusion.

Weitere Informationen

studienwahl.de
Informationsportal der Bundesländer in Kooperation mit der Bundesagentur für Arbeit. Im „Finder“ kannst du nach Studiengängen in ganz Deutschland suchen (Suchwort: Inklusion).

studienwahl.de

 

Hochschulkompass
In der Datenbank der Hochschulrektorenkonferenz kannst du nach Studiengängen recherchieren.
www.hochschulkompass.de

 

JÖBBÖRSE der Bundesagentur für Arbeit
jobboerse.arbeitsagentur.de

 

Bundesministerium für Bildung und Forschung
www.bmbf.de

 

Aktion Mensch
Soziallotterie, die sich für die Förderung von Inklusion und die gleichberechtigte Teilhabe aller Menschen einsetzt.
www.aktion-mensch.de

 

Bundesteilhabegesetzt des BMAS
Das Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) klärt über die Auswirkungen des Bundesteilhabegesetzes (BTHG) auf und liefert Informationen zum Thema Inklusion.
www.bmas.de/DE/Schwerpunkte/Inklusion/
bundesteilhabegesetz.html

 

Beauftragter der Bundesregierung für die Belange von Menschen mit Behinderungen
Der Beauftragte wird für die Dauer einer Legislaturperiode bestellt und soll darauf hinwirken, dass in allen Gesellschaftsbereichen gleichwertige Lebensbedingungen für Menschen mit und ohne Behinderungen ermöglicht werden.
www.behindertenbeauftragter.de/DE/DerBeauftragte/
DerBeauftragte_node.html

 

Inklusion studieren – Übersicht

Studiengänge rund um Inklusion

Inklusion beginnt bereits in Kindergarten und Schule. Angehende Lehrer werden daher zunehmend schon im Studium auf die Herausforderungen einer vielfältigen Schülerschaft vorbereitet. Doch auch in anderen Studienfeldern wird dem Thema Inklusion durch angepasste und neue Studiengänge begegnet. abi» hat eine kleine Auswahl für dich zusammengestellt.

Barrierefreie Kommunikation (M.A.)

Universität Hildesheim

Personen mit Kommunikationseinschränkungen haben ein Recht auf Zugang zu Information. Texte sind häufig so verfasst, dass sie schwer zu verstehen sind. Absolventen des zweijährigen Masterstudiengangs „Barrierefreie Kommunikation“ bereiten Texte (schriftlich und mündlich) dahingehend auf, dass sie für Personen mit Kommunikationseinschränkungen zugänglich und nutzbar werden.

www.uni-hildesheim.de/leichtesprache/ma-barrierefreie-kommunikation

Barrierefreie Systeme (M.S.)

Frankfurt University of Applied Sciences

Barrierefreie Systeme sollen Menschen eine selbstbestimmte Lebensführung ermöglichen. Das interdisziplinäre Studium vermittelt zukunftsfähige Lösungsstrategien für ein barrierefreies Leben. Der Master kann in drei Fachprofilen studiert werden: “Planen und Bauen“, „Intelligente Systeme“ und „Case Management“. Je nach Fachprofil liegt der Schwerpunkt auf Konzepten für barrierefreie Gebäude und bauliche Einrichtungen, auf „smarter“ Kommunikation mittels technologischer Lösungen oder auf sozialer Arbeit am Menschen.

www.frankfurt-university.de/de/studium/master-studiengange/barrierefreie-systeme-msc/

Diversität und Inklusion (M.A.)

Frankfurt University of Applied Sciences

Der Master „Diversität und Inklusion“ befähigt seine Absolventen, diversitätsbewusste und inklusionsorientierte Soziale Arbeit auf allen relevanten Ebenen programmatisch zu verankern, zu etablieren und weiterzuentwickeln.

www.frankfurt-university.de/de/studium/master-studiengange/diversitat-und-inklusion-ma/fuer-studieninteressierte/

Förder- und Inklusionspädagogik (M.A.)

TU Chemnitz

Der Masterstudiengang „Förder- und Inklusionspädagogik – Ressourcenmanagement für Lernen und Entwicklungsförderung im inklusiven Bildungssystem“ qualifiziert Inklusionspädagogen insbesondere für die Förderschwerpunkte Lernen, emotionale und soziale Entwicklung und Sprache. Er richtet sich an Beschäftigte in bereits etablierten und neu entstehenden Tätigkeitsfeldern.

www.tuced.de/studiengaenge/ma-foerderpaedagogik-inklusionspaedagogik/

Heil- und Inklusionspädagogik (B.A.)

Fachhochschule des Mittelstands (Bamberg)

Absolventen des berufsbegleitenden Studiengangs „Heil- und Inklusionspädagogik“ werden zu Experten mit der Kompetenz, inklusive Bildungs-, Erziehungs- und Betreuungsaufgaben zu gestalten, ausgebildet.

www.fh-mittelstand.de/heil-und-inklusionspaedagogik/

Inklusionspädagogik. Lehramt für die Primarstufe. Schwerpunkt Inklusionspädagogik (B.A. + M.A.)

Universität Potsdam

Lehramtsstudiengang für die Primarstufe mit Schwerpunktausrichtung auf Inklusion. Spracherwerb, mathematische Bildung, soziale und emotionale Entwicklung, Diagnostik und Vielfalt sind Schwerpunktthemen des Studiengangs, der sich zum Ziel gemacht hat, inklusives Lernen zu fördern.

www.uni-potsdam.de/inklusion/index.html

Inklusive Pädagogik (B.A.)

Im Rahmen des Studiengangs Bildungswissenschaften im Primar- und Elementarbereich (BiPEb) (B.A.)

Universität Bremen

Da die meisten Sonderschulen im Land Bremen im Zuge der Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention aufgelöst wurden, werden die meisten Kinder in Grundschulen inklusiv unterrichtet. Im Studienfach „Inklusive Pädagogik“ lernen die Studierenden daher pädagogisch-didaktische Kompetenzen, die die Verschiedenheit der Kinder in einer zunehmend heterogenen Gesellschaft berücksichtigen.

www.fb12.uni-bremen.de/inklusive-paedagogik.html

Inklusive Pädagogik (M.S.)

Universität Bremen

Studierenden des Bachelorstudiums für das Lehramt an Grund- und Sekundarstufen werden im Master „Inklusive Pädagogik“ pädagogisch-didaktische Kompetenzen vermittelt, die der zunehmenden Vielseitigkeit und Verschiedenheit der Kinder Rechnung tragen.

www.fb12.uni-bremen.de/inklusive-paedagogik.html

Pädagogik: Entwicklung und Inklusion (B.A.)

Universität Siegen

Studierenden dieses Studiengangs werden insbesondere Kompetenzen in den Bereichen frühkindliche Bildung, außerschulische Kinder- und Jugendarbeit, das breite Arbeitsfeld der beruflichen Rehabilitation sowie der Förderung von Benachteiligten und der Seniorenbetreuung/-versorgung vermittelt.

www.uni-siegen.de/zsb/studienangebot/bachelor/paedagogik.html

Soziale Inklusion: Gesundheit und Bildung (M.A.)

Evangelische Fachhochschule Rheinland-Westfalen-Lippe (Bochum)

Bachelorstudierende der Sozialen Arbeit und verwandter Studiengänge des Sozial-, Bildungs- und Gesundheitswesens werden durch den Masterstudiengang „Soziale Inklusion: Gesundheit und Bildung“ für wissenschaftliche und leitende Tätigkeiten vorbereitet. Mögliche Einsatzgebiete liegen etwa im Bereich der interdisziplinären Konzept- und Projektentwicklung in Bildungseinrichtungen, Institutionen der Kinder- und Jugendhilfe, der Schulsozialarbeit sowie in Gesundheits- und Fördereinrichtungen.

www.evh-bochum.de/ma_soziale_inklusion_gesundheit_und_bildung.html

 

Inklusion studieren - Interview

„Man ist nicht behindert, sondern man wird behindert“

Christina Marx ist Bereichsleiterin Aufklärung bei der Initiative „Aktion Mensch e. V.“. Mit abi» spricht sie über Barrierefreiheit und Inklusion und wie es um beides in Deutschland steht.

abi»: Wie viele Menschen mit Behinderung leben in Deutschland?

Christina Marx: Nach klassischem medizinischen Begriff haben 9,4 Prozent der Menschen, die in Deutschland leben, eine Behinderung. Es gibt aber ein neues Verständnis des Begriffes: Die UN-Behindertenrechtskonvention zählt zu „Menschen mit Behinderungen“ auch Personen, die nicht als schwerbehindert anerkannt sind, etwa Menschen mit langfristigen chronischen Erkrankungen beziehungsweise psychischen oder anderen Beeinträchtigungen, die auf gesellschaftliche Barrieren stoßen und deren Teilhabechancen dadurch eingeschränkt sind. Das neue Verständnis von Behinderung lautet also: Man ist nicht behindert, sondern man wird behindert. Behinderungen entstehen aus fehlender Unterstützung, aus verzögerter Rehabilitation, aus der Versagung geeigneter Hilfsmittel, aus dem fehlenden Zugang zu Informationen oder aus baulichen Barrieren. Wird dieses Verständnis von Behinderung zugrunde gelegt, erhöht sich der Anteil an Menschen mit Behinderungen an der Gesamtbevölkerung auf bis zu 25 Prozent.

abi»: Was genau bedeutet Barrierefreiheit?

Ein Porträt-Foto von Christina Marx

Christina Marx

Foto: privat

Christina Marx: Barrierefreiheit ist eine wichtige Grundlage für Teilhabe, für das Einbezogensein in alle Bereiche der Gesellschaft. Dabei geht es nicht nur um Gebäude, auch kommunikative Freiheit spielt eine Rolle. Braucht jemand Leichte Sprache oder ist eine Computersoftware barrierefrei ausgestattet? Von Barrierefreiheit profitieren am Ende alle. Wenn der Aufzug funktioniert, ist das nicht nur für Menschen mit Behinderung angenehm.

abi»: Wo steht Deutschland bei der Umsetzung von Inklusion?

Christina Marx: Seit 2009 ist viel passiert. Im öffentlichen Raum sind Behörden-Websites weitestgehend barrierefrei zugänglich. Mit dem Bundesteilhabegesetz wurde das Sozial- und Rehabilitationsrecht reformiert. Auch im Bereich Bildung hat sich viel bewegt, obschon die Umsetzung von Inklusion von Bundesland zu Bundesland verschieden ist. In Bremen ist Inklusion so weit umgesetzt, dass es nur noch eine einzige Förderschule gibt. In anderen Ländern gibt es Schwerpunktschulen. Dort kann man aber nicht mit jeder Behinderung jede Schule besuchen, zum Beispiel bei Gehörlosigkeit oder Blindheit. Große Wohneinrichtungen, Förderschulen und Werkstätten sorgen heute aber immer noch dafür, dass viele Menschen nach wie vor in Sonderwelten leben – und das oft nicht selbstbestimmt. Am Abbau der Barrieren in den Köpfen der Menschen müssen wir weiterhin arbeiten. Häufig finden zu wenige Begegnungen zwischen Menschen mit und ohne Behinderung statt und daraus erfolgt eine Verunsicherung.

abi»: Was ist der Vorteil von inklusiven Schulen?

Christina Marx: Wenn Kinder und ihre Eltern schon in der Schule Berührung mit Inklusion haben, ist die Akzeptanz von Menschen, die anders sind, viel höher. Inklusion kommt also der Persönlichkeitsentwicklung sehr entgegen. Und wenn mehr Individualität vorhanden und erlaubt ist, profitieren alle Kinder davon. Denn grundsätzlich hat jedes Kind ein anderes Lerntempo und braucht mehr oder weniger Unterstützung.

abi»: Inklusiv studieren - ist das überhaupt möglich?

Christina Marx: Die Möglichkeit, inklusiv zu studieren, ist abhängig von den einzelnen Universitäten. Die Hochschule Ludwigshafen hat zum Beispiel einen Behindertenbeauftragten. Nach außen signalisiert das, dass Menschen mit Behinderung gewollt sind. Auch die Hochschule Darmstadt macht nach außen deutlich, dass sie das Thema Inklusion sehr ernst nimmt. Universitäten haben immer die Möglichkeit, Vorlesungen über das Internet zugänglich zu machen. Die Digitalisierung bringt da einen enormen Fortschritt und es ist nicht besonders schwierig, das umzusetzen.

abi»: Was hat sich in der Arbeitswelt in der letzten Zeit verändert?

Christina Marx: 2016 hat das Bundesministerium für Arbeit das Bundesteilhabegesetz erlassen. Es ist nicht unumstritten, aber ein wegweisendes Gesetz, das Menschen mit Behinderung in den Fokus nimmt. Teil des Gesetzes ist das Budget für Arbeit. Menschen mit Behinderungen erhalten dadurch zum Beispiel einen Lohnkostenzuschuss, um einen Assistenten zu bezahlen, der sie am Arbeitsplatz unterstützt. Dies soll ihnen auf dem Weg in eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung helfen. Außerdem gibt es die „Unabhängige Teilhabeberatung“, die außerhalb von Verbandsstrukturen erfolgt und nach dem Prinzip des „Peer Counseling“ erfolgt: Viele Berater haben selbst eine Behinderung oder sind Angehörige von Menschen mit Behinderungen. Ziel der Beratungen ist immer, dass Menschen mit Behinderung selbstbestimmt ihre Rechte wahrnehmen können.

 

Barrierefreie Kommunikation

Jeder Mensch hat ein Recht auf Information

Elena Husel (24) studiert im zweiten Semester Barrierefreie Kommunikation und lernt, Texte für unterschiedliche Zielgruppen in „Leichte Sprache“ zu übersetzen und Rechts- oder Fachtexte ins Standarddeutsche zu übertragen.

Mehr als 20 Millionen Erwachsene in Deutschland sind in ihrer Kommunikationsfähigkeit eingeschränkt. Gründe dafür können eine Behinderung oder Erkrankung sein, fehlende Deutschkenntnisse oder, weil sie im Laufe ihrer Schulbildung nicht die nötigen Fähigkeiten erwerben konnten. Um diesen Menschen zu helfen, führte die Universität Hildesheim im Wintersemester 2018/2019 den Masterstudiengang „Barrierefreie Kommunikation“ ein. Elena Husel ist eine der ersten Studierenden des neuen Studiengangs. Zuvor hatte sie Soziale Arbeit an der Hochschule Coburg studiert und wurde bei der Recherche für ihre Abschlussarbeit auf den jungen Studiengang in Hildesheim aufmerksam. „Ich habe eine Tagung besucht und wusste sofort, dass der Studiengang der richtige für mich ist.“

Laut UN-Behindertenrechtskonvention, die Deutschland im Jahr 2009 unterzeichnete, ist Inklusion ein Menschenrecht. Im Behindertengleichstellungsgesetz (BGG) ist beschrieben, dass nicht nur Gebäude, sondern auch „visuelle und auditive Informationssysteme“ barrierefrei beschaffen sein müssen. Dies bedeutet, dass Menschen mit Kommunikationseinschränkungen ein Recht auf Zugang zu Informationen haben. Denn nur so kann Teilhabe für alle gewährleistet werden.

Zugang über mehrere Kanäle

Ein Porträt-Foto von Elena Husel

Elena Husel

Foto: privat

So soll „Leichte Sprache“ Menschen, die aus unterschiedlichen Gründen über eine geringe Kompetenz in der deutschen Sprache verfügen, das Verstehen von Texten erleichtern. Konkrete Zielgruppen sind Menschen, die einen Schlaganfall oder Unfall hatten, Analphabeten, Menschen, die Deutsch als Zweitsprache erlernt haben, die Lernschwierigkeiten haben oder Menschen mit geistiger Behinderung sowie von Geburt an gehörlose Menschen. „Leichte Sprache kommt aus der Behindertenbewegung. In der Praxis wurden Regelwerke für Leichte Sprache entwickelt, und es wird geforscht, welche wissenschaftlichen Erkenntnisse sich mit denen aus der Praxis decken“, berichtet Elena Husel. „Es ist wichtig, Leichte Sprache zu standardisieren, damit zum Beispiel Menschen mit einer kognitiven Einschränkung einen Mietvertrag in Leichter Sprache lesen und verstehen können. Das ermöglicht die Teilhabe.“

Um aber tatsächlich Inklusion zu gewährleisten, bedarf es unterschiedlicher Zeichensysteme. Elena Husel ergänzt: „Ein Theaterstück wird inklusiver, wenn Besucherinnen und Besucher Informationen über mehrere Sinne aufnehmen können, zum Beispiel durch Übertitel und Gebärdensprache. So kann der gesprochene Text fast gleichzeitig mit den Augen erfasst werden.“

Potenzial für die zukünftige Gesellschaft

„Dass ich etwas mit Sozialer Arbeit machen wollte, habe ich durch einen Freiwilligendienst in Finnland festgestellt. Vorher wollte ich Journalistin oder Autorin werden.“ An der Universität in Hildesheim kann Elena Husel ihr Interesse für Verständlichkeit und Teilhabe mit ihrem Bachelorstudium Soziale Arbeit verbinden. Für ihre berufliche Zukunft sieht sie zurzeit drei Möglichkeiten: „‚Ich kann mir gut vorstellen, Soziale Arbeit und Verständlichkeit zusammenzubringen und würde gerne juristische Texte in Standarddeutsch übersetzen.“ Damit könnte sie beispielswiese als Sozialarbeiterin bei der Beratung von Menschen mit Fluchterfahrung arbeiten. „Oder ich promoviere und bleibe an der Uni, um das junge Forschungsgebiet Barrierefreie Kommunikation weiter voranzubringen“, erzählt Elena Husel. Außerdem interessiert sich die Studentin sehr für Bilder als Gedächtnisstütze. Daher könnte sie sich auch vorstellen, sich mit Übersetzungen und ‚Sketchnoting‘ selbständig zu machen, also dem Erstellen von Notizen, die aus Text und Bild bestehen. „Barrierefreie Kommunikation hat ein ungeheures Potential für die Zukunft unserer Gesellschaft“, sagt Elena Husel.

 

Soziale Arbeit, Inklusion und Exklusion

Hilfe zur Selbsthilfe

Andreas Steiner (23) studiert „Soziale Arbeit – Inklusion und Exklusion“ im Master und ist damit hochzufrieden: Das Studium eröffnet ihm vielfältige Möglichkeiten, sich in seinem Berufsleben für andere Menschen einzusetzen.

In unserer Gesellschaft gibt es viele soziale Ungleichheiten und Missstände. Wenn Familie und Freunde nicht mehr helfen können, bietet die Soziale Arbeit Menschen unmittelbare Unterstützung. Sie zeigt, wie Hilfe zur Selbsthilfe möglich ist und weist Wege auf, Ungerechtigkeiten konkret zu bekämpfen“, erzählt Andreas Steiner. Aktuell befindet er sich im zweiten Semester des Masterstudiengangs „Soziale Arbeit - Inklusion und Exklusion“ an der Ostbayerischen Technischen Hochschule Regensburg. Dort beschäftigt er sich intensiv mit theoretischen Fragestellungen wie: Was ist Inklusion? Wie kann eine inklusive Gesellschaft aussehen? „Wir analysieren Prozesse und beschäftigen uns mit der Frage, was Inklusion verhindert und wie man sie fördern kann“, erzählt der Regensburger Student.

Aber um Inklusion zu erzielen, muss zunächst geprüft werden, welche Personengruppen überhaupt am Rande der Gesellschaft stehen. „Exklusion beschreibt gesellschaftliche Prozesse, die die Teilhabe mancher Menschengruppen nicht möglich macht. Das können etwa mangelndes Geld sein, Obdachlosigkeit, psychische Erkrankungen oder körperliche Behinderungen und vieles mehr.“

Solidarität studieren

Ein Porträt-Foto von Andreas Steiner

Andreas Steiner

Foto: Simon Schwarzmann

Für Andreas Steiner war schon in der Schule klar, dass er etwas Sinnvolles tun wollte. Im Anschluss an das Abitur entschied er sich für das Bachelorstudium „Soziale Arbeit“ – ebenfalls an der Hochschule in Regensburg. Mit dem Masterstudium wurde Andreas Steiner der Wert von Solidarität noch stärker bewusst: „Es ist total wichtig, dass man im Alltag versucht, solidarisch zu sein. Mich beschäftigt die Frage, wie es für mich möglich ist, das zu leben“, bekennt er.

Im dreisemestrigen Masterstudiengang Soziale Arbeit wird den Studierenden ein Handlungsgerüst vermittelt, das Schritte aufzeigt, nach denen sie in der Berufspraxis vorgehen können: „So haben wir die Möglichkeit, später Menschen oder Gruppen zu helfen – immer vorausgesetzt, dass sie dies überhaupt wollen.“ In zwei Semestern wird die Theorie vermittelt. In Vorlesungen und Seminaren werden sozialwissenschaftliche und sozialpsychologische Theorien, Sozialpolitik, internationale Perspektiven, Bildung und Projektmanagement behandelt. Das letzte Semester ist der Masterthesis vorbehalten.

Breites Spektrum an Berufsmöglichkeiten

Mit dem Studium kann er als Sozialpädagoge arbeiten oder sich auf Stellen bewerben, die für Inklusion ausgeschrieben werden. „Davon gibt es immer mehr“, erzählt Andreas Steiner. „Beispielsweise Positionen als Inklusionsbeauftragter bei einer Kommune oder die Arbeit bei einem Träger für Rehabilitation, im Resozialisierungsbereich oder in der Bewährungshilfe. Und natürlich können wir in die Forschung gehen.“ Am besten kann sich Andreas Steiner vorstellen, in der Verbandsarbeit tätig zu werden: „Berufe der Sozialen Arbeit sind gewerkschaftlich schlecht organisiert. Das würde ich gerne ändern, indem ich die Interessen von Sozialarbeitern und Sozialarbeiterinnen vertrete.“

 

Inklusionspädagogik

Für jedes Kind das passende Lernmaterial

Laut Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) haben Schulen den Auftrag, jeder Schülerin und jedem Schüler das gleiche Recht auf Bildung und Teilhabe zu ermöglichen. Um Lehrerinnen und Lehrer zu befähigen, der steigenden Heterogenität der Schüler gerecht zu werden, bietet die Universität Potsdam den Studiengang Inklusionspädagogik an.

Svenja Rohde (25), die im vierten Bachelorsemester Inklusionspädagogik an der Universität Potsdam studiert, berichtet: „Damit wir im Rahmenlehrplan bleiben und jedem Kind eine individuelle Förderung ermöglichen können, besteht ein großer Teil unserer späteren Arbeit darin, unterschiedlichste Lernmaterialen anzubieten. Beispielsweise bekommen Kinder, die schon sehr weit sind, bekommen komplexere Aufgaben als lernschwächere Kinder. Diese werden wiederum unterstützt, indem die Textlänge in der Aufgabenstellung verringert wird und ihnen mehr Möglichkeiten und haptisches Material zum Ausprobieren und Entdecken gegeben wird.“ Der spätere Berufsalltag der angehenden Inklusionspädagogen erfordert sehr viel Vorbereitung. Denn man muss erst herausfinden, was ein Schüler individuell wirklich braucht.

Normalerweise werden Studierende des Grundschullehramts auf mehrere Unterrichtsfächer vorbereitet. Im Studiengang Inklusionspädagogik ist die fachliche Ausbildung auf Mathematik und Deutsch beschränkt. Stattdessen werden die Studierenden zusätzlich in den Fachbereichen Bildungswissenschaften und Inklusion ausgebildet. Zur Inklusion gehören drei Förderschwerpunkte: Emotionale Entwicklung, Soziale Entwicklung sowie Sprache und Lernen.

Erfahrung in der Praxis sammeln

Ein Porträt-Foto von Svenja Rohde

Svenja Rohde

Foto: privat

Im Rahmen des Bachelorstudiums müssen verschiedene Praktika absolviert werden, darunter ein Einführungspraktikum über zehn Wochen. Svenja Rohde hospitierte im ersten Semester in einer Grundschule. „Für zwei Praktika war ich an einer Integrationsschule und konnte eng mit einer Sonderpädagogin zusammenarbeiten. Wir haben in kleineren Klassenverbänden Kinder im Alter von sechs bis neun Jahren unterrichtet, die diverse Verhaltensauffälligkeiten zeigten oder einen diagnostizierten Förderbedarf hatten“, erzählt sie. „Ziel war es, die Kinder darauf vorzubereiten, ab der dritten oder vierten Klasse wieder in eine Regelklasse integriert zu werden. Da habe ich festgestellt, dass es mir absolut liegt, Kinder bei ihrer sozial-emotionalen Entwicklung zu begleiten und sie zu unterstützen. Das bringt mich an meine kreativen Grenzen und es macht mir unendlich viel Spaß mit ihnen zu arbeiten.“

Heterogene Klassenzusammensetzung

Svenja Rohde will auch das Thema ihrer Bachelorarbeit im Bereich Emotionale und Soziale Entwicklung schreiben. „Mich interessiert dieser Bereich sehr, weil man mit Kindern, die zum Beispiel ein besonders hohes Aggressionspotential haben, so viel machen kann. Am Ende können sie genauso viel in der Schule erreichen wie andere Kinder“, erzählt die Studentin. „Dafür geben wir den Kindern Alternativen und Strategien an die Hand, damit sie lernen, mit ihren Aggressionen bestmöglich umzugehen.“
Das Studium der Inklusionspädagogik ist für die Studentin eine optimale Vorbereitung auf die spätere Praxis: „Die Klassen sind heutzutage extrem heterogen. Die Realität an Schulen sieht nun mal so aus, dass eine Vielzahl an unterschiedlichen Lernständen, Sprachen, aber auch Bedürfnissen innerhalb einer Klasse vertreten ist. Wir lernen im Studium später so zu arbeiten, dass wir idealerweise alle Schüler ‚mitnehmen‘ können.“

Berufliche Zukunft noch offen

Wo sie mit ihrem Masterabschluss arbeiten wird, weiß Svenja Rohde noch nicht. Der Studiengang Inklusionspädagogik ist noch jung. „Im letzten Semester sind die ersten Masterstudierenden fertig geworden. Noch weiß niemand so genau, was sie oder er damit macht, ob das Studium in ein normales Grundschullehrerdasein mündet oder in den Förderbereich. Aber es gibt bereits ganz viele Inklusionsschulen, an denen nach genau dem Konzept und der Grundeinstellung gearbeitet wird, die in meinem Studium vermittelt werden.“


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Stand: 26.02.2020