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Studiengänge rund ums Wasser - Interview

„Wir brauchen viele junge Menschen in der Wasserwirtschaft“

Die Deutsche Vereinigung für Wasserwirtschaft, Abwasser und Abfall e.V. (DWA) ist eine politisch unabhängige Organisation, die sich für Entwicklung, Bildung und Forschung in der Wasserwirtschaft einsetzt. Rüdiger Heidebrecht leitet die Abteilung Bildung und internationale Zusammenarbeit und erzählt abi», was Berufseinsteiger*innen in der Branche erwartet.

Abbau von Braunkohle, stufenweise wird die Erde abgetragen

Wasserwirtschaftler*innen arbeiten auch an der Renaturierung wirtschaftlich stark genutzter Räume - Ziel ist die Wiederherstellung eines möglichst natürlichen Zustands.

abi» Herr Heidebrecht, warum ist die Wasserwirtschaft eine so wichtige Branche?

Drei von vier Jobs hängen an der Wasserwirtschaft.

Rüdiger Heidebrecht: (Sauberes) Wasser ist für uns alle grundsätzlich lebensnotwendig. Darüber hinaus spielt Wasser – außer zum Trinken – in der Industrie, in der Landwirtschaft und in vielen anderen Wirtschaftssektoren eine unverzichtbare Rolle. Damit überall Wasser zur Verfügung steht, planen, bauen, warten und modernisieren Wasserwirtschaftler und Wasserwirtschaftlerinnen alle nötigen Infrastrukturen. Wir schätzen, dass drei von vier Jobs weltweit von der Wasserwirtschaft abhängen.

Außerdem: Wir alle wollen Kaffee trinken, duschen oder Wäsche waschen. Selbst diese banalen Alltagsroutinen hängen von unserer Branche ab. Man muss sich nur einmal vorstellen, es käme kein fließendes Wasser aus dem Hahn oder die örtliche Kläranlage wäre kaputt – nicht sehr angenehm.

Deshalb ist die Wasserwirtschaft eine krisensichere Branche. Ein Wasserwerk oder eine Kläranlage können nicht geschlossen werden, wie es vielen anderen Einrichtungen zum Beispiel während des Lockdowns passiert ist.

abi» In der Wasserwirtschaft werden dringend Nachwuchskräfte gesucht. Wie kommt das?

Rüdiger Heidebrecht

Rüdiger Heidebrecht: Unsere Branche ist die zweitälteste nach dem Bergbau. Die Wasserwirtschaft hat in den 80er Jahren sehr stark an Bedeutung gewonnen –es wurde viel Infrastruktur gebaut. Gleichzeitig wurden viele Fachkräfte eingestellt, die nun im Laufe der kommenden zehn Jahre in Rente gehen. Schätzungsweise sind das 25 bis 30 Prozent der Beschäftigten. Daher brauchen wir viele junge Menschen in der Wasserwirtschaft.
Für sie gibt es viel zu tun: Infrastrukturen, die seit über 100 Jahren bestehen, müssen modernisiert werden. Ganz neu gebaut wird weniger, aber was vorhanden ist, muss effizienter gemacht werden – Instandhaltung nennen wir das.

abi» Welche Bereiche der Wasserwirtschaft werden in Zukunft immer wichtiger?

Rüdiger Heidebrecht: An der DWA gibt es beispielsweise seit einigen Jahren die Fortbildung Fachplaner*in Starkregenvorsorge. Diese ist entstanden, weil die extremen Wetterverhältnisse und der Starkregen in den Städten zunehmend zum Problem werden. Die Städte der Zukunft müssen sich verändern, sie müssen umgebaut werden. Dort wird es zu heiß und der Niederschlag ist zu hoch, deshalb muss es in Großstädten in Zukunft mehr Möglichkeiten geben, Wasser zu sammeln und zu speichern. Das bedeutet: grüne Fassaden, grüne Dächer und mehr unversiegelte Flächen. Auf einer Asphaltstraße kann nun mal nichts versickern.

Auch im Ausland gibt es für Wasserwirtschaftler*innen viel zu tun, denn 80 Prozent der Abwassermenge in der Welt ist nicht gereinigt. Absolventen sollten also neben breitem Fachwissen aus dem Studium vor allem gute Kommunikationsskills mitbringen – am besten auf Englisch.

abi» Welche Rolle spielen digitale Technologien in der Wasserwirtschaft?

Rüdiger Heidebrecht: Eine große. Wie in allen anderen Wirtschaftsbereichen nimmt ihre Bedeutung zu. Für die Weiterentwicklung von digitalen Technologien und Künstlicher Intelligenz werden aktuell viele Forschungsgelder zur Verfügung gestellt, deshalb tut sich hier viel.
KI zum Beispiel kommt inzwischen bei der Verarbeitung von Kanalinspektionsbildern zum Einsatz. In der Siedlungswasserwirtschaft fahren wir mit einer Kamera durch den Kanal und machen dort Bilder und Videos, um Schäden und Auffälligkeiten festzustellen. Inzwischen geht das nicht mehr nur manuell, sondern die Bilder können direkt vom Computer ausgewertet werden, der Risse, Wurzeln und Löcher erkennt.

Auch in der Sparte Simulation tut sich was. In digitalen Modellen einer Stadt können damit Verkehr, Abflüsse, Lufttransport und Temperaturveränderungen getestet und mit verschiedenen Szenarien ausprobiert werden.

abi» Welche Bedeutung hat das Thema Klimawandel für die Wasserwirtschaft?

Rüdiger Heidebrecht: Gerade die Generation Z legt sehr viel Wert auf eine saubere Umwelt, das sieht man zum Beispiel an der Fridays for Future-Bewegung. Für diese jungen Menschen bietet die Wasserwirtschaft einen sinnstiftenden Job, denn unsere Branche wird vom Klimawandel stark betroffen.

Das lässt sich am besten an einem konkreten Beispiel erklären: Durch die Klimapolitik kommen in Zukunft große Aufgaben in den Bereichen Renaturierung und Landschaftsplanung auf uns zu. Denn bis 2022 sollen alle Atomkraftwerke in Deutschland abgeschaltet werden, bis 2038 soll dasselbe mit den Kohle-und Braunkohlekraftwerken passieren. Überall dort, wo diese Kraftwerke einmal waren, muss das Wasser, der Boden und die Umwelt renaturiert werden. Das heißt, dass ein möglichst natürlicher Zustand der Landschaft und des Gewässers wieder hergestellt werden soll. Das ist unter anderem die Aufgabe der Wasserwirtschaftler*innen – es entstehen ja neue Seenlandschaften.

abi» 16.11.2020

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