zum Inhalt

Berufsleben als Alleinerziehende: „Unser Familienleben ist extrem durchgetaktet“

Tamina Henze (32) arbeitet als Sozialpädagogin beim Kinder- und Jugendschutzdienst in Gera und war längere Zeit alleinerziehende Mutter von Elena (13) und Leano (4). abi» berichtet sie, wie sie mit ihren Kindern die täglichen Herausforderungen meisterte.

Foto von einem Terminkalender

Ein normaler Wochentag begann um 5:30 Uhr. Ich stand auf, weckte meine Kinder, wir frühstückten und machten uns fertig für den Tag. Dann brachte ich Leano in die Kita, auf dem Weg setzte ich Elena an ihrer Schule ab. Um acht Uhr war ich im Büro: Ich arbeitete 30 Stunden in der Woche beim Kinder- und Jugendschutzdienst in Gera, einer Beratungsstelle für Kinder und Jugendliche, die von Gewalt betroffen sind.

Pünktliches Arbeitsende war wichtig

Foto von Tamina Henze Foto von Tamina Henze

Tamina Henze

Meine Kollegen wussten, dass ich um 15.30 Uhr den Stift fallen lassen muss, um Leano pünktlich abzuholen. Sowohl von zu Hause als auch vom Büro brauchte ich mindestens 20 Minuten zur Kita. Die lange Anfahrt war zwar eine zusätzliche Herausforderung, doch mir war eine qualitativ hochwertige Betreuung sehr wichtig, da meine Kinder viel Zeit dort verbringen. Alleinerziehend zu sein, verlangt auch den Kindern einiges ab – sie lernen früh, selbstständiger zu sein und müssen mehr mithelfen. Unser Familienleben war extrem durchgetaktet, ich war ständig damit beschäftigt, pünktlich irgendwo anzukommen. Das ist anstrengend, auch für die Kinder, die immer mitziehen müssen – keiner kann sich erlauben, mal eine halbe Stunde zu trödeln.

Soziales Netzwerk als Backup

Als Alleinerziehende war ich auf viel mehr Verständnis und Entgegenkommen aus dem sozialen Umfeld angewiesen – zumal ich sozusagen allein-alleinerziehend war: Meine Verwandten wohnen 400 Kilometer weit weg. Aber ich habe ein sehr gutes und verlässliches Freundesnetzwerk. Und meine Kolleginnen und Kollegen sowie meine Chefin unterstützten mich im Arbeitsumfeld. Ich hatte früh angekündigt, dass ich nach der Elternzeit für Leano nur 25 Stunden arbeiten möchte. Das war möglich, da eine Kollegin den Wunsch geäußert hatte, zehn Stunden mehr machen zu wollen. Genauso später, als ich wieder aufstocken und eine Kollegin reduzieren wollte. Theoretisch hatte ich die Möglichkeit, Gleitzeit zu nutzen, doch die Betreuungszeiten von Elena und Leano ließen dafür keinen Raum – es sei denn, wir würden noch früher aufstehen. Wenn eins der Kinder krank war und ich absehen konnte, dass es nicht eine ganze Woche zu Hause bleiben musste, konnte ich nach Absprache auch schon einmal einen Tag mit Überstunden frei nehmen, und diese in den Wochen danach wieder reinarbeiten.

Im vergangenen Jahr wurde das jedoch wirklich ein Problem, weil ich jeden Monat Fehltage hatten wegen Erkältungssymptomen der Kinder, und dann zum Teil auch recht lange, bis diese vollständig abgeklungen waren und Leano wieder in die Kita durfte. Noch dazu war meine große Tochter im September 2020 von einer privaten Gesamtschule mit Ganztagsbetreuung in die sechste Klasse ans Gymnasium ohne Betreuung am Nachmittag gewechselt. Besonders während des Homeschoolings war das zeitweise sehr herausfordernd für uns alle, weil Elena viel Zeit alleine zu Hause sein musste. Ich konnte meine Arbeit nur sehr eingeschränkt im Homeoffice erledigen.

Neue Familienstruktur

Seit einem guten Jahr bin ich nicht mehr alleinerziehend. Mein Partner ist im Mai 2021 in unsere Familienwohnung gezogen. Er ist sehr liebevoll mit den Kindern und unterstützt uns wo er nur kann. Mittlerweile sind wir verheiratet. Ich bin wieder schwanger und im Beschäftigungsverbot. Dadurch hat sich der Alltag etwas entzerrt. Leano geht im Moment von 9 bis zirka 15.30 Uhr in die Kita, wir machen gerne mal ein verlängertes Wochenende. Und die noch angespannte Corona-Situation belastet uns nun auch nicht mehr, da er einfach zu Hause bleiben kann.