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Interview: Digitalisierung in der Berufswelt: „Durch Corona wurde die Digitalisierung in Deutschland beschleunigt“

Walter Ganz ist Institutsdirektor beim Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation. Dort beschäftigt er sich unter anderem damit, wie digitale Technologien den Wandel unserer Arbeitswelt vorantreiben.

Foto von Walter Ganz (Foto: Privat)

abi» Wie haben die Corona- und die Klimakrise die Berufswelt verändert?

Walter Ganz: Durch Corona wurde die Digitalisierung in Deutschland beschleunigt. Durch Corona gab es einen „Quantensprung“ für das Arbeiten von zu Hause. Die Arbeit von zu Hause funktioniert deutlich besser als erwartet. Es gibt heute eine höhere Akzeptanz bei Arbeitgebern und Arbeitnehmern zu diesem Arbeitsmodell. Die Vorbehalte sind insbesondere bei den Arbeitgebern gesunken. Das Homeoffice erhöht die Flexibilität der Mitarbeitenden und leistet damit auch einen Beitrag für eine bessere Work-Life-Balance. Immer mehr Unternehmen beschäftigen sich mit den Herausforderungen der Klimaneutralität und Ressourceneffizienz. Das betrifft den schonenden und gleichzeitig effizienten Umgang mit natürlichen Ressourcen, wie zum Beispiel Ansätze der Kreislaufwirtschaft, genauso wie den Einsatz erneuerbarer Energien, die Digitalisierung der Energiewelt und den Einsatz von Energieeffizienztechnologien.

abi» Wie werden die genannten Krisen die Arbeitswelt in Zukunft noch verändern?

Walter Ganz: Das „New Normal“ denke ich, wird eine „hybride Arbeitswelt“ werden. Damit meine ich eine Mischung aus Büro- und Homeoffice. Das gilt natürlich vor allem für die Arbeitsplätze, wo keine physische Präsenz zwingend erforderlich ist. Aufgrund der Erfahrungen in der Corona Krise, wird sich das Angebot im Homeoffice zu arbeiten vermutlich ausweiten. Das bedeutet aber auch, dass sich die Büroarbeit verändern wird, denn jeder Besuch im Büro folgt einer bewussten Entscheidung. Daher wird es neue Anforderungen an die Bürogestaltung geben. Es wird smarte, kognitive Arbeitsplätze und Räume geben, die die Menschen in ihrer Leistungsfähigkeit und Gesundheit unterstützen. Es wird vermutlich auch weniger fest zugeordnete Arbeitsplätze geben. Der Bedarf an Bürofläche sinkt, aber der Büroflächenbedarf pro Nutzer vor Ort und die Qualität wird vermutlich steigen. Zudem wird sich die Automatisierung, zum Beispiel durch künstliche Intelligenz, von Büroarbeit beschleunigen und die Mensch-Technik-Interaktion verändern. Wir sprechen mit Programmen, Maschinen und Räumen.

abi» Wird man weiterhin für Besprechungen in ein anderes Land fliegen?

Walter Ganz: Darüber streiten sich die Geister. Ich kenne das selbst: Aus Klimagründen finde ich weniger Fliegen besser, weiß aber auch, dass direkte Face-to-Face-Kommunikation sehr wichtig bleiben wird. Für die Entwicklung einer vertrauensvollen Kooperation mit Kunden und Partnern werden auch zukünftig persönliche Begegnungen notwendig sein. Das gilt insbesondere, wenn man neue Geschäftsbeziehungen aufbauen will. Da muss man mal in den Flieger steigen und Dinge persönlich besprechen. Aber ich denke, insgesamt wird die Anzahl von Geschäftsreisen zurückgehen. Man hat durch die Corona Krise gemerkt, dass man viele Dinge auch virtuell organisieren kann.

abi» Gilt auch künftig noch die Devise „Wachstum um jeden Preis“?

Walter Ganz: Meiner Ansicht nach gibt es diese Devise schon länger nicht mehr. Stattdessen sprechen wir von der Triade der Nachhaltigkeit, die es zu bewerkstelligen gilt. Dabei geht es darum, ökologische, soziale und ökonomische Aspekte in Balance zu bringen. Das ist die zentrale Herausforderung für unsere Gesellschaft und Wirtschaft.

abi» Wie könnte sich Ihrer Einschätzung nach der Studienalltag der kommenden Jahre verändern?

Walter Ganz: Auch hier erwarte ich ähnlich wie in der Berufswelt ein hybrides Modell. Derzeit wird durch Corona viel digital unterrichtet. Aber davon sind viele Studierende nicht begeistert. Es fehlt auch hier einfach der direkte Austausch untereinander und mit Lehrkräften. Trotzdem werden wir künftig einen größeren Anteil an digitaler Lehre haben als noch vor Corona. Das wird zu neuen, virtuellen Formaten führen, wie Wissen vermittelt wird. Dennoch wird es auch weiter Präsenzunterricht geben. Das hängt ein bisschen vom Studienbereich ab, wie die Verteilung Präsenz und Virtuell sein wird. In naturwissenschaftlichen und technischen Studiengängen muss man auch mal ins Labor.

abi» Und was bedeutet das alles für Studienanfänger*innen? Inwiefern können oder sollten diese Veränderungen bei ihrer Studienwahl eine Rolle spielen?

Walter Ganz: Man sollte sich nicht nur überlegen, warum man einen Studiengang wählt, wo man sich bewirbt, sondern auch, wo innovative neue Lehrformate angeboten werden. Letzterer Aspekt wird künftig sehr interessant werden. Die Angebote werden sicherlich über die bekannte virtuelle Vorlesung hinausgehen. Ich denke da beispielsweise an die Einbindung von VR-Elementen oder Augmented Reality in Seminar Konzepte.

abi» Wird es vielleicht auch neue Studiengänge geben?

Walter Ganz: Sicherlich. Das haben wir schon in den letzten 20, 30 Jahren erlebt: Der Bedarf aus der Arbeitswelt hat sich verändert und neue Studiengänge entstehen lassen. Die Diversifikation wird weiter voranschreiten. Die MINT-Studiengänge (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft, Technik) werden aber weiterhin eine hohe Bedeutung haben. Welche neuen Studiengänge es genau geben wird, kann ich allerdings nicht vorhersagen.