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Über den Tellerrand schauen

Studierender nimmt ein Buch aus dem Regal. Foto: Thomas Lohnes
Der häufige Griff ins Bücherregal ist für Religionswissenschaftler unerlässlich.
Foto: Thomas Lohnes

Religionswissenschaftler – Interview

Über den Tellerrand schauen

Religionswissenschaftler beschäftigen sich im Studium mit verschiedenen Religionen und vergleichen sie miteinander. Wo sie auf dem Arbeitsmarkt gebraucht werden und welche Voraussetzungen sie erfüllen sollten, erklärt Gritt Klinkhammer, Vorsitzende der Deutschen Vereinigung für Religionswissenschaft e.V. und Professorin für Religionswissenschaft an der Universität Bremen, im abi>> Interview.

abi>> Frau Klinkhammer, warum sollte man heute Religionswissenschaften studieren?

Gritt Klinkhammer: Es vergeht aktuell kaum ein Tag, an dem Religion nicht in den Nachrichten auftaucht. Das betrifft den Islam genauso wie das Christentum oder das Judentum. Spätestens seit den Anschlägen vom 11. September 2001 ist Religion auch in den europäischen Gesellschaften wieder ein wichtiges gesellschaftliches Thema. Dabei geht es um die Selbstdarstellung, aber auch die Abgrenzung von Identitäten im nationalen und privaten Bereich.

abi>> Hat diese Entwicklung das Fach verändert?

Porträt von Gritt Klinkhammer. Foto: privat

Gritt Klinkhammer

Foto: privat

Gritt Klinkhammer: Ja. Früher war Religionswissenschaft ausschließlich historisch orientiert. Heute steht die Beschäftigung mit den gegenwärtigen Religionen im Vordergrund. Dafür arbeiten wir interdisziplinär mit Methoden aus der Politikwissenschaft, Sozialwissenschaft, Kulturwissenschaft und Psychologie. Ein weiterer Unterschied ist, dass sich Religionswissenschaft heute nicht nur mit anderen Religionen, sondern auch mit dem Christentum auseinandersetzt. Dies passiert allerdings, anders als bei den Theologen, konfessionell unabhängig und neutral.

abi>> Welche Anforderungen sollte man erfüllen, wenn man Religionswissenschaften studieren will?

Gritt Klinkhammer: Man sollte vor allem neugierig sein. Neugierig auf andere Denk- und Verhaltensweisen, fremde Rituale und Handlungen, aber auch auf Religion insgesamt. Das heißt nicht, dass man selbst gläubig sein muss. Auch Religionskritik ist erlaubt, allerdings sollte sie nicht die Neugierde überwiegen. Schließlich will man sich jahrelang mit dem Gegenstand beschäftigen. Weiterhin sollte man bereit sein, Sprachen zu lernen. Natürlich kann man nicht für alle Religionen die Herkunftssprache lernen, aber Sprachkenntnisse sind unbedingt nötig, um sich mit den verschiedenen Religionen auseinandersetzen zu können. Über den Tellerrand schauen zu wollen ist somit die Grundeinstellung, die man als Religionswissenschaftler braucht.

abi>> Sind Religionswissenschaftler auf dem Arbeitsmarkt gefragt?

Gritt Klinkhammer: Der Arbeitsmarkt für Religionswissenschaftler hat sich durch die gesellschaftliche Entwicklung geöffnet. Konnten wir früher entweder in der Forschung oder fachfremd arbeiten, gibt es heute eine Reihe von Möglichkeiten, seine im Studium erworbenen Kenntnisse einzubringen. Überall, wo Menschen aus unterschiedlichen Kulturen zusammenkommen, es um Identitäten, ihr Zusammentreffen und ihre Abgrenzung geht, sind religionswissenschaftliche Kompetenzen gefragt. Das gilt für die Politik, den sozialen oder den Kulturbereich, aber auch beispielsweise für den Journalismus.

abi>> Was sollte man für einen erfolgreichen Berufseinstieg beachten?

Gritt Klinkhammer: Zunächst sollte man sein Zweitfach sorgfältig auswählen. Das kann einem schon eine Richtung vorgeben. Je nachdem, ob man Medienwissenschaften, Politikwissenschaften, Kulturwissenschaften, Erziehungswissenschaften oder andere Fächer kombiniert, ergeben sich unterschiedliche Schwerpunkte und Berufsperspektiven. Außerdem ist es unverzichtbar, schon im Studium praktisch zu arbeiten. So sollte man sich rechtzeitig um Praktika bemühen. Ein Praktikum ist dabei in der Regel Bestandteil des Bachelorstudiums. Das hilft zum einen bei der eigenen beruflichen Orientierung und zum anderen ist es gut, bei der Bewerbung schon praktische Erfahrung vorweisen zu können. Allerdings sollte man sich auch darüber im Klaren sein, dass das zukünftige Betätigungsfeld unter Umständen fachfremd ist. Man lernt im Studium selbstständig wissenschaftlich zu arbeiten und sich Wissen anzueignen. Außerdem schafft es Kompetenzen in Bezug auf den Umgang mit fremden Weltbildern und Verhaltensweisen. Das sind Fähigkeiten, die auch bei fachfremden Arbeitgebern gefragt sind.

abi>> 02.08.2018