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„Sprachkenntnisse sind nicht alles“

Verschiedene Wörterbücher
Neben sehr guten Fremdsprachenkenntnissen müssen Dolmetscher auch ein gutes Gefühl für ihre Muttersprache mitbringen.
Foto: Thomas Lohnes

Interview

„Sprachkenntnisse sind nicht alles“

abi>> sprach mit André Lindemann, Präsident des Bundesverbandes der Dolmetscher und Übersetzer (BDÜ) über feste Stellen und die Freiberuflichkeit in der Branche – und warum auch im Spitzensport Dolmetscher gefragt sind.

abi>> Welche Fähigkeiten müssen Dolmetscher und Übersetzer mitbringen?
André Lindemann: Neben sehr guten Fremdsprachenkenntnissen müssen sie auch ein gutes Gefühl für ihre Muttersprache mitbringen, denn übersetzte oder gedolmetschte Texte sollen sich ja nicht künstlich anhören. Darüber hinaus brauchen sie eine gute Allgemeinbildung und Kenntnisse über das Land, dessen Sprache sie sprechen. Ein übersetzter Text steht schließlich nie isoliert für sich, sondern gehört immer in einen Kontext. Daher sind zum Beispiel politische, gesellschaftliche und kulturelle Kenntnisse über das Land nötig.

abi>> Wie sieht es mit einer Festanstellung aus?

Ein Porträt-Foto von André Lindemann

André Lindemann

Foto: Privat

André Lindemann: Feste Stellen sind rar. Mehr als die Hälfte aller Dolmetscher und Übersetzer arbeitet freiberuflich. Dazu benötigen sie unternehmerische Fähigkeiten. Während der Ausbildung kommen diese Kompetenzen oft zu kurz, daher sollte man sich das Wissen zur Selbstständigkeit – wie Marketing, Kalkulation, Angebotserstellung, Preisverhandlungen oder Rechnungsstellung – durch entsprechende Schulungen selbst aneignen.

abi>> Was lernt man in der Ausbildung?
André Lindemann: Vermittelt werden sprachliche Fähigkeiten in den Arbeitsfremdsprachen sowie das entsprechende landeskundliche Wissen. Außerdem erhält man Einblicke in mindestens ein Fachgebiet, zum Beispiel Recht oder Wirtschaft.

abi>> Wie viele Sprachen sollten Dolmetscher und Übersetzer beherrschen?
André Lindemann: In der Ausbildung werden in der Regel zwei Fremdsprachen vermittelt, sodass man, zusammen mit seiner Muttersprache, in drei Sprachen arbeitet. Ich kenne aber auch Kollegen, die bis zu fünf Sprachen sprechen und damit arbeiten.

abi>> Welche Herausforderungen kommen auf Berufseinsteiger zu?
André Lindemann: Dolmetscher und Übersetzer müssen bereit sein, sich immer wieder in neue Themengebiete einzuarbeiten. Dazu gehört auch, schnell und gut recherchieren zu können, denn die Bearbeitungszeiten für Übersetzungen werden immer kürzer. Daher brauchen nicht nur Dolmetscher, die ohnehin unter Druck arbeiten, sondern auch Übersetzer eine hohe Stressresistenz.

abi>> Was ist besser: sich auf ein Fachgebiet zu spezialisieren oder sich breit aufzustellen?
André Lindemann: „Wald-und Wiesen-Übersetzer“ werden immer weniger, weil der Bedarf an spezialisierten Dolmetschern und Übersetzern am Markt zunimmt. Das hat auch mit dem Zeitdruck zu tun: Je besser ich mich in einem Gebiet auskenne, umso zügiger kann ich arbeiten. Lange Vorbereitungszeiten sind heute kaum noch möglich. Es empfiehlt sich als Freiberufler, mit Kollegen ein Netzwerk zu bilden, um größere Aufträge gemeinsam bearbeiten zu können.

abi>> Wo werden Dolmetscher und Übersetzer vorwiegend eingesetzt?
André Lindemann: Nahezu überall: vom öffentlichen Dienst bis zur Wirtschaft, die zunehmend international aufgestellt ist. Das Marketing braucht mehrsprachige Prospekte und Internetseiten, die Rechtsabteilung braucht Fachübersetzungen von Verträgen, in den technischen Abteilungen müssen Handbücher übersetzt und Schulungen gedolmetscht werden. Darüber hinaus ist angesichts der vermehrten Zuwanderung aus dem Ausland das Dolmetschen im Gesundheitswesen zunehmend gefragt. Und auch für Nachrichten, Politik und Literatur werden Sprachdienstleistungen gebraucht. Manche Kollegen haben sich auf Wissenschaft, Forschung oder auch Technik spezialisiert. Der Bedarf geht hinein bis in den Sport: Spitzensportler aus anderen Ländern brauchen oft Dolmetscher, wenn sie in Deutschland tätig sind.

abi>> 15.06.2015