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Gärtnerin - Obstbau: Jedes Jahr eine neue Chance

Ann-Katrin Heinrich (21) ist das Kind von Obstbauern und entschied sich relativ spät dafür, in die Fußstapfen ihrer Eltern zu treten. Mittlerweile hat sie ihre Ausbildung abgeschlossen und arbeitet im Familienbetrieb mit.

Detailaufnahme einer Duftfalle die an einem Obstbaumstämmchen befestigt ist. (Foto: Winfried Rothermel)

Ob sie einen „Grünen Daumen“ habe, lautet natürlich die erste Frage an Ann-Katrin Heinrich. Woraufhin schnell klar wird, dass ein solcher in professionellen Kreisen selten als Maßstab der Fähigkeiten von Gärtnerinnen und Gärtnern verwendet wird. „Vielleicht habe ich tatsächlich einen”, antwortet sie. „Aber wenn, ist er nicht naturgegeben: Ich lerne ständig dazu, wie in jedem Beruf.”

Die 21-Jährige ist Gärtnerin der Fachrichtung Obstbau. Dass sie diese Ausbildung absolvieren möchte, wurde ihr erst während der Sekundarstufe II klar, hätte aufgrund ihrer Lebensumstände aber eigentlich viel früher passieren können.

Kindheit im Alten Land

Ein Porträt-Foto von Ann-Katrin Heinrich. (Foto: Anke Heinrich) Ein Porträt-Foto von Ann-Katrin Heinrich. (Foto: Anke Heinrich)

Ann-Katrin Heinrich

Ihre gesamte Kindheit nämlich blickte sie durch ihr Zimmerfenster auf zahllose Obstbäume. Ihre Eltern betreiben einen Obsthof unter anderem für Äpfel und Kirschen bei Stade (Niedersachsen) im so genannten Alten Land, dem größten zusammenhängenden Obstanbaugebiet Nordeuropas. Erstmals im 14. Jahrhundert wurden hier Obstpflanzen gezogen, nach dem Dreißigjährigen Krieg dann intensiv; so sind in einem Obsthof-Verzeichnis aus dem Jahr 1657 bereits 527 Betriebe geführt.

„Ich kenne Leute, die schon im Alter von elf Jahren mit dem Trecker die Äpfel herumgefahren haben”, erzählt Ann-Katrin Heinrich lachend. Wegen der Perspektive Abitur habe sie aber immer eher an ein Studium gedacht. In verschiedenen Praktika stellte sie schließlich fest, dass sie doch lieber in die Fußstapfen ihrer Eltern treten möchte. Wegen ihrer Hochschulreife konnte sie ihre Ausbildung von drei auf zwei Jahre verkürzen.

Ins kalte Wasser geworfen

Diese verbrachte sie in zwei verschiedenen Betrieben, „um möglichst viele und unterschiedliche Erfahrungen machen zu können”, nicht aber zu Hause. Im Betrieb wurde sie „ins kalte Wasser geworfen”, wie sie berichtet, arbeitete von Anfang an mit, wenn auch nicht sofort an speziellen Maschinen. Und sie hatte in einem Hofladen und beim Marktverkauf auch mit Kundschaft zu tun. „Die Kunden freuen sich über gute Ware, wissen aber nicht mehr so viel über ihre Erzeugung wie früher”, berichtet sie. „Vor allem Kindern ist nicht klar, dass Obst eigentlich Saisonware ist – im Supermarkt ist es ja immer verfügbar.”

Mittlerweile arbeitet sie im seit 1878 bestehenden Familienbetrieb mit und möchte diesen erstmal besser kennen lernen. Immerhin strebt sie an, ihn irgendwann einmal zu übernehmen.

Außerdem erweitert sie ihren Horizont: „Indem ich andere Anbaugebiete besuche und schaue, welche Herausforderungen es dort gibt und mit welchen technischen Entwicklungen man diese bewältigt.”

Äpfel mit Sonnenbrand

Herausforderungen – damit meint sie das Wetter, mit dem man in diesem Beruf eben arbeiten müsse. Themen sind hier vor allem Hagelschäden, extreme Hitze und Spätfröste. „Das alles erschwert das Heranwachsen der Früchte.” Äpfel etwa, erklärt sie, können ab bestimmten Temperaturen einen Sonnenbrand und in der Folge dunkle Flecken auf der Schale entwickeln. Dagegen kann man etwa mit kühlender Beregnung ankämpfen.

Auch gegen das andere Extrem – Frost – beregnet man das Obst mit Wasser. „Das klingt wie ein Widerspruch”, sagt Ann-Katrin Heinrich. Jedoch wird beim Gefrieren des Wassers auf den Pflanzen sogenannte Erstarrungswärme freigesetzt, die die Blüten vor Frostschäden bewahrt.

Auf dem Hof gibt es zu jeder Jahreszeit etwas zu tun, nicht nur zur Ernte. Im August wird der Sommerschnitt durchgeführt, damit die Früchte mehr Licht bekommen und so mehr Farbe entwickeln. Im September und Oktober wird die Ernte vorbereitet und durchgeführt. Von November bis März werden junge Bäume gesetzt, die Maschinen gepflegt und der Winterschnitt durchgeführt. Düngung, Schädlingsüberwachung, Pflanzenschutz und Vorbereitung der Frostschutzberegnung stehen von März bis Mai auf dem Kalender. Im Juni und Juli finden Baumpflegemaßnahmen statt, werden Fahrgassen für die Erntegeräte gemäht, gegebenenfalls Hagelschutzdächer aufgezogen, wird die Fruchtzahl an den Bäumen geprüft.

Meistertitel im Blick

Ob es denn auch Bauernregeln gäbe, an die man sich bei all den Aufgaben halten kann, lautet die andere Klischee-Frage an Ann-Katrin Heinrich. „Ich bin damit schon in Berührung gekommen, wende selbst aber keine an“, berichtet sie. „Ich selbst verlasse mich auf Wetterdaten.“ Auf dem Hof ihrer Eltern und vielen anderen gibt es hierfür eine Wetterstation, deren Daten zu deuten eine Fähigkeit ist, die Gärtner/innen beherrschen sollten.

„Das Schöne an meinem Beruf ist, dass in jedem Jahr geerntet wird, wir Gärtner also jedes Jahr eine neue Chance bekommen, es noch besser zu machen.” Erneut weist sie auf die Notwendigkeit hin, sich weiterzubilden, stetig zu entwickeln – sie selbst strebt den Meistertitel an. Wenn es gut läuft, weiß sie das umso mehr zu schätzen: „Es ist ein schönes Gefühl, wenn etwa die Äpfel auf den Hof gefahren werden und man weiß, dass man gute Ware hergestellt hat, die sich dann auch gut verkauft.”

Weitere Informationen

BERUFENET

Das Netzwerk für Berufe der Bundesagentur für Arbeit mit über 3.000 aktuellen Berufsbeschreibungen in Text und Bild (Suchwort: Gärtner/in)

https://berufenet.arbeitsagentur.de

Zentralverband Gartenbau

www.g-net.de